01. August 2026

250 Jahre USA Dr. Jekyll und Mr. Hyde

Ein seltsamer Fall

von Stefan Blankertz

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Bildquelle: Redaktion Demokratie: Ambivalenz der amerikanischen Republik (KI-generiert)

Dr. Jekyll

Die Amerikanische Revolution war die vielleicht einzige erfolgreiche Revolution, die nicht unmittelbar in ihr Gegenteil umschlug. Man kann sie 1773 mit der Boston Tea Party, 1775 mit dem Ausbruch des Unabhängigkeitskriegs oder 1776 mit der Unabhängigkeitserklärung beginnen lassen. Wenn man in diesem Jahr nun 250 Jahre USA feiert, dann ist die Unabhängigkeitserklärung der gewählte Startschuss. Dabei wurden die USA erst 1787 mit der Ratifizierung der Verfassung gegründet – und das immer noch zwei Jahre vor Ausbruch der Französischen Revolution.

Die Französische Revolution mündete bereits vier Jahre nach ihrem Ausbruch in die Terrorherrschaft der Jakobiner, die freilich nur ein Jahr dauerte. Noch vor dem Beginn des neuen Jahrhunderts wandelte die Republik sich in ein Kaiserreich unter Napoleon, der mit dem Code civil ganz Europa einerseits das neue bürgerliche Gesetz brachte (und insofern das aufklärerische Programm exekutierte) und andererseits mit brutalen Eroberungskriegen überzog.

Die USA spielten in der europäischen politischen Theoriebildung zunächst keinerlei Rolle. Die führenden Philosophen und politischen Denker Europas thematisierten fast ausschließlich die Französische Revolution, bezogen Stellung für eine der in ihr wirksamen Strömungen und analysierten die Ursachen der Degeneration der Revolution. Erst mit dem Aufstieg der USA zur internationalen Führungsmacht änderte sich das. Diese Führungsmacht manifestierte sich im Ersten Weltkrieg.

Wofür stand die ursprüngliche amerikanische Republik? Die klassisch liberale Philosophin und Autorin Ayn Rand (1905–1982) fasste 1963 den Gewinn Amerikas unübertroffen so zusammen: „Die revolutionärste Errungenschaft der USA war die Unterordnung der Gesellschaft unters Moralgesetz. Frühere Systeme sahen Menschen als Mittel zum Zwecke anderer, die Gesellschaft als einen Selbstzweck an. Die USA betrachteten Menschen als Selbstzweck und die Gesellschaft als ein Mittel zur friedlichen, geordneten, freiwilligen Koexistenz der Einzelnen. Frühere Systeme vermeinten, das Leben des Menschen gehöre der Gesellschaft, und die Gesellschaft könne nach Belieben über ihn verfügen; Freiheiten genieße er qua der Erlaubnis der Gesellschaft, die sie ihm jederzeit entziehen könne. Es gibt ein fundamentales Recht (die übrigen folgen, resultieren aus ihm): des Menschen Recht auf sein Leben.“ Der Anarchist und Vordenker der amerikanischen Neuen Linken Paul Goodwin (1911–1972) sprach 1972 von 50 Jahren Quasi-Anarchie, der sich Amerika infolge der Revolution erfreut habe.

Vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg, während des sich anschließenden sogenannten Kalten Kriegs zwischen dem Westen mit den USA als Führungsmacht und dem Osten mit der UdSSR als Führungsmacht, entstand folgende Erfolgsgeschichte: Parlamentarische Demokratie im Verein mit ökonomischer und politischer Freiheit haben ein wirtschaftlich, technologisch und militärisch überlegenes System entstehen lassen, das allen anderen Systemen überlegen sei und einen gleichsam natürlichen Anspruch auf weltweite Durchsetzung erheben könne. Die Gegner dieses westlichen Systems, die Staatskommunisten sowie andere linke und rechte Nationalisten, lehnten die USA als Leitfigur ab, bezeichneten diese als Imperialismus, und damit negierten sie zugleich die Demokratie, den Freihandel, die Meinungs- und Religionsfreiheit.

Einen ersten Riss in dieser Erzählung von der moralischen und militärischen Überlegenheit der westlichen Welt mit den USA als Führungsmacht ergab sich aus dem Vietnamkrieg, in den die USA Mitte der 1960er Jahre eintraten. Während es dem US-Militär nicht gelang, den kommunistischen Teil Vietnams im Norden und die Partisanen im Süden zu besiegen, entstand in den USA selbst eine Protestbewegung, die schnell auf andere westliche Länder übergriff.

Diese Protestbewegung war zumindest anfangs kaum geprägt von einer Parteinahme für den Kommunismus des Ostblocks, Chinas und Nordvietnams, sondern von einer Rückbesinnung auf die Prinzipien der ursprünglichen amerikanischen Republik. Zu diesen Prinzipien gehörte auch die Formel von Thomas Jefferson, die Vereinigten Staaten sollten zwar mit jedem anderen Land Handel treiben, aber keinerlei militärische Bündnisse eingehen. Indem die Protestbewegung auf die Prinzipien der ursprünglichen amerikanischen Republik verwies, musste allerdings zugegeben werden, dass im Laufe der Entwicklung eine bedauerliche Abweichung eingetreten sei.

Genau dies war es, was etwa Ayn Rand und Paul Goodman feststellten, um nur die beiden bereits Genannten anzuführen. Für alle, die keine durchweg positive Kontinuität in der Entwicklung der USA mehr sahen, ergab sich die Frage: Wann und aus welchem Grund hat sich die Abweichung ergeben? Diese Frage ergibt sich auch für diejenigen, die die Degeneration der amerikanischen Republik viel später ansetzen, seien es die Rechten anlässlich der Präsidentschaft Barack Obamas, seien es die Linken anlässlich der Präsidentschaft von Donald Trump.

Mr. Hyde

Bei genauerem Hinsehen ist bereits die Konstruktion des Liberalismus als des beherrschenden Prinzips der Amerikanischen Revolution in ihrer Einseitigkeit eine glatte Unwahrheit.

Die Puritaner, vertrieben aus ihrer britischen Heimat aufgrund von religiöser Intoleranz, praktizierten in ihrer neuen Heimat keineswegs die Toleranz. Die Todesstrafe für kleinste Abweichungen von dem, was für den rechten Glauben gehalten wurde, war an der Tagesordnung. Strikte Regulierungen der privaten Lebensführung kennzeichneten den Alltag. Dies bildet bis heute den Ausgangspunkt für Forderungen nach Prohibition, seien es Substanzen (Alkohol, Drogen), seien es Meinungen. Die Puritaner favorisierten auch keine ökonomische Freiheit, sondern unterwarfen das wirtschaftliche Handeln zum Beispiel Lohn- und Preiskontrollen.

Zwei wesentliche anti-liberale Makel auf der weißen Weste der Vereinigten Staaten stellen Sklaverei (vor allem im Süden) sowie Verdrängung und Zwangsumsiedlung der Indianer (vor allem durch den Norden) dar. Die gängige Erzählung vom Wilden Westen, der durch staatliche Kontrolle zivilisiert werden musste, ist falsch. Die Trapper, Pioniere und Grenzer lebten zwar nicht konfliktfrei, jedoch im Großen und Ganzen friedlich untereinander und mit den Indianern Seite an Seite.

Die Landnahme mit Genozidcharakter kennzeichnete vielmehr das Agieren des amerikanischen Staates. Im Bürgerkrieg 1861 bis 1865 kämpften die Sioux-Indianer aufseiten der Südstaaten-Konföderation. Diese Parteinahme war gut begründet: Die Nordstaaten hatten sich mit ständigen Vertragsbrüchen hervorgetan. Nach dem Bürgerkrieg rächten die siegreichen Nordstaaten sich an den Indianern und zerschlugen alle noch intakten Stämme durch Zwangsumsiedlungen in ungeeignete Reservate.

Obwohl einige Gründungsväter der USA wie Benjamin Franklin (1706–1790) und Thomas Jefferson (1743–1826) Gegner der Sklaverei waren, vermochten sie sich nicht durchzusetzen. Die Sklaverei konnte erst während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in dem erwähnten blutigen Bürgerkrieg abgeschafft werden. Obwohl die Abschaffung der Sklaverei ein ureigenes Anliegen des Liberalismus war, fand der Bürgerkrieg ganz im Zeichen des Antiliberalismus statt. Die Konföderation der Südstaaten stand für das liberale Prinzip des Sezessionsrechts, aber gegen das liberale Prinzip der Sklavenbefreiung. Die Nordstaaten-Union kämpfte für das liberale Prinzip der Sklavenbefreiung, aber gegen das liberale Prinzip des Sezessionsrechts. Nach ihrem Sieg errichteten die Nordstaaten eine rund 20 Jahre andauernde Besatzungs-Diktatur im unterworfenen Süden.

Auch was den imperialistischen Anspruch auf die weltweite Vormachtstellung betrifft, beginnt das Übel sehr früh. Im Jahr 1823 formulierte der fünfte Präsident der USA, James Monroe (1758–1831), eine nach ihm benannte Doktrin. Sie betonte zwar in der Tradition Jeffersons, dass die USA sich aus europäischen Konflikten heraushalten werde, erklärte aber den gesamten amerikanischen Kontinent für die Mächte Europas für tabu. Daraus leitete die Politik ab, dass die USA das Recht besitzen, in ganz Mittel- und Südamerika als Polizeichef aufzutreten. Dem folgte die Ausweitung der Einflusssphäre nach Asien, schließlich fiel mit dem Ersten Weltkrieg auch die Zurückhaltung gegenüber Europa.

Demokratie als Dr. Jekyll oder Mr. Hyde?

Auf der einen Seite sehen wir, dass die USA entweder von Beginn an eine moralisch fragwürdige Politik betrieben oder im Laufe ihrer Entwicklung vom Pfad der Tugend abgewichen sind. Auf der anderen Seite steht fest, dass die Spielregeln der parlamentarischen Demokratie zumindest halbwegs eingehalten wurden. Daraus ergibt sich eine bohrende Rückfrage an die Demokratie selbst: Sie muss einen Mangel haben.

Einer der ersten, die den Mangel in der Demokratie analysiert haben, ist Alexis de Tocqueville (1805–1859) in seinem zweibändigen Werk „Demokratie in Amerika“ (1835). Zunächst ist es wichtig zu bemerken, dass er sich voller Bewunderung für die Institutionen der jungen Republik äußerte, in denen Bürger ihre Selbstregierung erproben und ihr Selbstbewusstsein ausdrücken können. Die entscheidende Voraussetzung für solche Institutionen ist laut Tocqueville eine Dezentralisierung der Macht. Er setzte die Amerikanische Revolution in dieser Frage in Gegensatz zur Französischen Revolution, die eine Zentralisierung der Macht herbeiführte. Allerdings diagnostizierte Tocqueville zudem eine Gefahr auch der amerikanischen Demokratie, nämlich deren Umschlagen in eine „Allmacht“ oder „Tyrannei der Mehrheit“. Die „Unumschränktheit“, schrieb er, „liegt im Wesen der Mehrheit, in den demokratischen Regierungen, denn außer der Mehrheit kann ihr daselbst nichts Widerstand leisten.“

Hellsichtig erkannte Tocqueville den Mechanismus, der in der Demokratie den Konsens erzwingt, und zwar das Interesse der am demokratischen Prozess beteiligten Parteien, die Macht ihrem Willen anzupassen: „Alle Parteien sind bereit, die Rechte der Mehrheit anzuerkennen, weil alle hoffen, sie einstens zu ihrem Vorteil benutzen zu können.“

Anschließend entwickelte Tocqueville einen Gedanken, der die Demokratieerzählung an ihrem Ursprung erschüttert. Denn die Erzählung, die Herrschaft der Mehrheit würde dem Machtmissbrauch, der anderen Regierungsformen vorgeworfen wird, ausschließen, entbehrt jeder Logik und jeder Empirie: „Was ist denn die Mehrheit in ihrer Gesamtheit anders, als ein Einzelner, welcher Meinungen und oft sogar Interessen hat, die einem andern Einzelnen der Minderzahl entgegen sind? Muss man nun zugeben, dass ein mit Allmacht begabter Mensch solche wider seine Gegner missbrauchen kann, warum will man das Nämliche bei der Mehrheit nicht als möglich zugeben? Haben die in einer Staatsgesellschaft sich verbindenden Menschen darum ihren Charakter verändert? Wenn man gestehen muss, dass ein Volk wider ein anderes tyrannisch handeln kann, warum will man denn leugnen, dass die Parteien in einem gleichen Verhältnis zueinanderstehen können? Was mich anbetrifft, so werde ich, wenn ich einem Einzelnen, der als Mensch mir gleichsteht, das Recht, alles zu tun, was ihm beliebt, nicht einräume, dies ebenso wenig einer Mehrzahl zugestehen.“

Weit davon entfernt, die Staatsgewalt effektiv zu zügeln, ist die Demokratie nach Tocqueville ein Werkzeug, sie zu entfesseln: „Was ich der demokratischen Regierung, wie sie in den Vereinigten Staaten eingerichtet ist, zur Last lege, das ist nicht ihre Schwäche, wie viele Europäer behaupten, sondern vielmehr ihre unwiderstehliche Kraft; und was mir in Amerika am meisten widerstrebt, das ist nicht die dort herrschende höchste Freiheit, sondern die dort nicht anzutreffende Gewähr wider die Tyrannei.“

Nur selbstbewusste Bürger mit stark individualistischem Drang zur Unabhängigkeit, bewehrt mit Meinungs- und Pressefreiheit, sind nach Tocqueville lebendige Barrikaden gegen die Herausbildung einer derartigen tyrannischen Allmacht. Sofern die Demokratie einen Rest an Minderheitenschutz bietet, bleibt den Unterlegenen weiterhin die Möglichkeit des Versuchs, ihre Interessen zu etablieren. In der Diktatur kann eine Niederlage im schlimmsten Fall zur physischen Auslöschung führen.

Allerdings sehen wir in hochentwickelten Demokratien mit weitgehenden Eingriffen der Staatsgewalt in das gesellschaftliche Leben, dass die Auseinandersetzungen der Einzelinteressen immer verbissener werden und dass sich der Minderheitenschutz immer schwerer aufrechterhalten lässt. In dem Maße, in dem der politische Gegner mir Schaden zufügen kann und tatsächlich zufügt, wird man immer weniger bereit sein, dessen eventuellen Sieg in einer demokratischen Abstimmung zu akzeptieren.

Selbst in der alten Demokratie der USA und in der scheinbar etablierten Demokratie Deutschlands kommt es zu gegenseitigen Vorwürfen der Wahlfälschung und zu gewaltsamen Szenen am Rande von Wahlen. Diese Verrohung ist systemisch bedingt und wird systemisch bedingt weiter zunehmen.

Information

Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 26. Juni erscheinenden Jul.-Aug.-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 262.


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