26. September 2026

Bürgerlicher Anarchismus Selbstjustiz

Was denn sonst?

von David Dürr

Artikelbild
Bildquelle: Redaktion Selbstjustiz: Festgebundene Motorraddiebe in einer mexikanischen Kleinstadt (KI-generiert)

Haben Sie das auch gelesen, kürzlich, von der mexikanischen Stadt Lagos de Moreno? Da gibt es offenbar das verbreitete Problem, dass Jugendliche Motorräder stehlen, meist im Dunkel der Nacht, mit ihnen halsbrecherisch herumfahren, sie dann irgendwo hinwerfen, wo man sie am nächsten Morgen, nicht selten beschädigt, wieder findet. Die Polizei kennt das Problem, scheint aber keine Lust zu verspüren, ihm beizukommen.

Nun keimt Hoffnung auf. Nicht mit Sondereinsätzen der Polizei, sondern indem nun der „Batman von Lagos de Moreno“, der legendäre Rächer, zur Selbstjustiz greift. Ihn selbst hat noch niemand gesehen, doch seine Erfolge bei der Verbrechensbekämpfung sind bemerkenswert: Motorraddiebe findet man jetzt frühmorgens an einer Straßenlampe mit Klebeband festgebunden, bisweilen Rücken an Rücken gleich deren zwei, versehen mit einem Kartonschild mit der Aufschrift „Dieb“ oder „Ratte“, und daneben, sauber hingestellt, das gestohlene Motorrad.

Ob dieser neue Ansatz „effizienter Selbstjustiz anstelle ineffizienter Staatsjustiz“ bereits abschreckende Wirkung zeigt, ist nicht bekannt. Möglich wäre es. Denn jetzt wissen die Jugendbanden, was ihnen drohen könnte. Einige Stunden auf diese Weise festgeklebt zu sein, in der örtlichen Community als Motorraddieb angeprangert zu werden, vielleicht noch Prügel zu beziehen und die Reparatur des Motorrads bezahlen zu müssen – das sind völlig neue und eher unangenehme Aussichten. Bis anhin drohte nichts dergleichen; seitens der Polizei nicht, weil die nicht tat, was sie tun sollte; und seitens der Bestohlenen nicht, weil diese dachten, die Polizei tue, was sie tun sollte.

Bekannt ist immerhin die Wirkung des neuen Ansatzes auf das Verhalten der Polizei: Sie hat die festgebundenen Motorraddiebe, diese bedauernswerten Opfer angeblich unzulässiger Selbstjustiz, aus ihren Klebebandfesseln befreit, den „Batman von Lagos de Moreno“ zur Fahndung ausgeschrieben und medienwirksam verkündet, das staatliche Gewaltmonopol sei unantastbar. Ob die Diebe vom Staat bestraft wurden, war der Medienmitteilung nicht zu entnehmen.

Nun werden Sie, liebe Leser von eigentümlich frei, wohl denken: Was spricht denn eigentlich gegen Selbstjustiz? Eigentlich gar nichts! Im Gegenteil, wer, wenn nicht das Opfer, hat das zutiefst in seiner Person begründete Recht, sich selbst zu wehren? Und woraus bloß nimmt sich der Staat das Recht, ihn an der Selbstjustiz zu hindern, ihm den Batman zu verbieten und stattdessen die untaugliche Staatsjustiz aufzuzwingen? Wenn Sie so denken, liebe Leser, bin ich ganz bei Ihnen. Ja, die Polizei ist das Problem, der Batman ist die Lösung!

Doch Achtung! Ein kleiner Vorbehalt noch, wegen Paragraph 18 Absatz 1 Ziffer 2 des deutschen Jugendschutzgesetzes: Nach dieser Bestimmung führt nämlich die Bundeszentrale für Kinder- und Jugendmedienschutz eine offizielle „Liste jugendgefährdender Medien“, in der unter anderem Medien aufgelistet werden, in denen „Selbstjustiz als einzig bewährtes Mittel zur Durchsetzung der vermeintlichen Gerechtigkeit nahegelegt wird“. Um zu vermeiden, dass eigentümlich frei auf diese Liste kommt, noch folgender kurzer Nachtrag: Die Polizei in Lagos de Moreno muss nicht gleich abgeschafft werden. Sie darf gerne bleiben und sich als Wettbewerberin von Batman positionieren. Vielleicht hat sie ja bessere, womöglich weniger ruppige Methoden, dann umso besser; sofern das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt, ist ihr aller Erfolg zu wünschen.

Information

Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 21. August erscheinenden Sep./Okt.-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 263.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Anarchismus

Mehr von David Dürr

Über David Dürr

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Link starten, Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige