02. Oktober 2026
Freibier: Privatstädter tagen erstmals im Dschungel
Aber gibt’s dort überhaupt Bier?
von Helge Pahl
Die Free Cities Conference, besser bekannt unter ihrem früheren Namen „Liberty in Our Lifetime“, geht im September in die sechste Runde. Bisher fand sie stets in Mitteleuropa statt – 2021 im schweizerischen Müllheim und danach viermal in Prag. Nun wird sie erstmals in der freien Privatstadt Próspera auf der honduranischen Insel Roatán ausgerichtet.
Vor rund acht bis neun Jahren wurde das libertäre Projekt Próspera mit der Unterzeichnung des Nutzungsvertrags mit der honduranischen Regierung ins Leben gerufen. Hinter der Sonderwirtschaftszone XXL stehen namhafte Investoren wie Peter Thiel, Sam Altman, Erick Brimen und Titus Gebel, der die grundlegenden Ideen in seinem Buch „Freie Privatstädte – Mehr Wettbewerb im wichtigsten Markt der Welt“ beschrieben hat. Nach nunmehr fünf Jahren Bauzeit und Investitionen in Höhe von rund 100 Millionen US-Dollar hat Próspera inzwischen die kritische Größe erreicht, eine Konferenz mit 300 Teilnehmern auszurichten – wenngleich derzeit nur etwa die Hälfte direkt in der Stadt untergebracht werden kann.
Bereits seit 1963 warnt Paul Kuhn unentwegt vor dem Besuch einer tropischen Insel. Weil es auf Hawaii kein Bier gibt, kann er die Hochzeitsreise mit seiner Braut Marianne dorthin nicht antreten. Führe sie ihn hingegen ins böhmische Pilsen, wären sie schon längst ein Ehepaar. Diese sehr nachvollziehbaren Bedenken werfen die Frage auf, ob man eine zuvor im bierrünstigen Prag beheimatete Konferenz auf eine karibische Insel verpflanzen sollte, auf der es – genau wie auf Hawaii – so heiß ist und kein kühler Fleck zu finden ist. Nicht einmal Hula-Hula ist hier bekannt. Tschechien hingegen hat mit rund 121 Litern den höchsten Pro-Kopf-Bierverbrauch der Welt und damit die beste Infrastruktur, um die trockenen Kehlen der Konferenzteilnehmer allabendlich zu besänftigen.
Schauen wir uns also an, was die Insel Roatán im heißesten Monat September (durchschnittliche Tagestemperatur 29 Grad Celsius) an erlösenden Bierquellen zu bieten hat. In den von Touristen bevorzugten Orten West End und West Bay wird der Markt fast ausnahmslos von der honduranischen Brauerei Cervecería Hondureña beherrscht, einem Tochterunternehmen des weltweit größten Braukonzerns AB InBev, der uns 2023 mit der missglückten Bud-Light-Werbekampagne amüsierte.
Cervecería Hondureña braut auf dem Festland vier Standardbiere: Das meistgetrunkene heißt Salva Vida – ein 4,8 Prozent schwaches, sehr wässeriges American Adjunct Lager, das mit geschmacksneutralem Mais gebraut wird und deshalb eiskalt getrunken werden muss. Das betäubt Zunge und Gaumen, damit man nicht schmeckt, dass man nichts schmeckt.
Eine andere Taktik, die Geschmacksneutralität zu kaschieren, ist das Hinzufügen externer Aromen. Das Barena, ebenfalls ein helles Lager, wird wie das mexikanische Corona mit einer Limette im Flaschenhals „gepimpt“, sodass der unbedarfte Konsument meint, er gönne sich etwas Besonderes. Immerhin erlangt der Körper dabei lebensnotwendiges Vitamin C. Bereits 43 Barenas können den Tagesbedarf decken. Ich rate allerdings nicht nur aus sensorischen Gründen davon ab, denn gut zwei Liter reiner Alkohol sind möglicherweise nicht mehr gesundheitsfördernd.
Das vielleicht beste und europäischste der Industriebiere ist das Port Royal (4,9 Prozent), ein herberes, malzbetonteres Bier, das man zwischen Pils und Export einordnen kann. Danach folgt das Imperial (5,0 Prozent), ein dunkleres, gehaltvolleres Lager mit mehr Körper, malziger Restsüße und etwas mehr Hopfen. Wegen seiner Wuchtigkeit bei 30 Grad aufwärts und des etwas antiquierten Images als Arbeiterbier wird es jedoch oft verschmäht.
Diese vier eher langweiligen AB-InBev-Biere wären das Ende der Biervielfalt auf Roatán, hätten nicht 2019 zwei bierverrückte Unternehmer die Roatán Island Brewing Company gegründet. Der Kanadier Ilias Maier und der Amerikaner Mark Flanagan waren bereits länger gastronomisch auf der Insel tätig, bevor sie ihre gemeinsame Leidenschaft für handgemachte, charakterstarke Biere bündelten. Schon 2014 hatte Maier ein 23 Hektar großes Grundstück im Dschungel von Palmetto Bay erworben. Es stellte sich heraus, dass dort eine der reinsten und ergiebigsten Süßwasserquellen der Insel liegt. Maier, selbst langjähriger Hobbybrauer, wusste: „Bier ist die höchste und beste Bestimmung, die man für Wasser finden kann.“
So brachten sie Craft Beer nach Roatán und bauten einen einzigartigen Brewpub in einem parkähnlich gestalteten Dschungel im Palmetto Valley – keine vier Kilometer von Próspera entfernt. Da es auf der Insel keine andere Brauerei gibt, müssen (abgesehen vom Wasser) alle Zutaten selbst importiert werden. Die Brauerei hat permanent zwölf Zapfhähne besetzt. Zu den immer verfügbaren Kernbieren gehören ein sehr helles, spritziges Latin Lager, ein klassisch herbes tschechisches Pilsner, das fruchtige Sunny Haze (ein Blonde Ale mit Weizenmalz und frischer lokaler Mango) sowie das Highlight für Weißbierfans: das Pineapple Hefe, versetzt mit frisch gepresstem Ananassaft und kaltgehopft mit Mandarina-Bavaria-Hopfen. Darüber hinaus gibt es knackige IPAs, Amber Ales, Stouts und Porter. Gezapft werden außerdem Hard Seltzer, Cider und Kombucha.
Da Maier und Flanagan ihre Wurzeln in der Gastronomie haben, ist die Biervielfalt elegant auf das gehobene Speisenangebot abgestimmt. Das Foodpairing lässt sich hier ausgiebig zelebrieren – an einem einzigen Besuchstag allerdings kaum zu meistern. Monetär herrschen beinahe Hayek’sche Paradieszustände: Die Zeche kann in honduranischem und amerikanischem Fiatgeld (bar oder per Karte) sowie in Bitcoin beglichen werden.
Konferenzteilnehmer, die die schlappen 3,6 Kilometer nicht auf sich nehmen wollen, finden die Biere der Roatán Island Brewing Company auch direkt in Próspera: Im markanten Beta-Building der freien Stadt führt das Restaurant Green Cilantro einige Ales und Lager der benachbarten Brauerei.
Wir halten fest: Die erste freie Privatstadt hat mit der Roatán Island Brewing Company in unmittelbarer Nachbarschaft einen echten Glücksgriff gelandet. In einer früheren Kolumne habe ich die enge Korrelation zwischen Alkohol und Evolution beschrieben. Auf Roatán setzt sich dieser Vorgang fort. Der zivilisatorische Fortschritt, der hier begonnen hat, wäre ohne die gesellige Wirkung des Bieres, ohne die nährenden Malzzucker, den nervenberuhigenden Hopfen und die inspirierende (manchmal auch betäubende) Wirkung des Alkohols so nicht denkbar gewesen. Paul Kuhn mag miesepetrig über Hawaii singen – auf Roatán kann er Marianne bedingungslos heiraten.
Zwangsläufig träumen die Erbauer jeder freien Privatstadt davon, eine eigene Brauerei anzusiedeln. „Ein ernst zu nehmender Staat benötigt eine eigene Fluggesellschaft und ein eigenes Bier. Eine Fußballmannschaft oder Nuklearwaffen helfen, aber ein Bier ist Minimalvoraussetzung.“ Diese Binsenweisheit hat erstmals der libertäre Musiker Frank Zappa formuliert.
Es widerspricht dem Gedanken der Freien Privatstädte, dass sie sich eines Tages selbst zu Staaten entwickeln, denn dann würden ihre Grundprinzipien – Freiwilligkeit und Vertragstreue aufgegeben und neue Leviathane entstünden. Hans-Hermann Hoppe hat das – in freien Privatstädten angestrebte – Modell der Privatrechtsgesellschaft maßgeblich mitentwickelt und ihm das denknotwendige Fundament geliefert. Bekannt ist seine Forderung nach einem Europa der 1.000 Liechtensteins. Führt man Gebels, Hoppes und Zappas Ideen konsequent weiter, ergibt sich ein faszinierendes Bild: eine Welt der über 10.000 Privatstädte mit jeweils eigenen Brauereien und einer schier unendlichen Biervielfalt, die mithilfe von über 10.000 Fluggesellschaften mit Leichtigkeit zu erkunden sein wird.
Die Zukunft wird gigantisch.
Information
Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 21. August erscheinenden Sep./Okt.-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 263.
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