18. Oktober 2026
Rush: The Trees
Libertäre Jukebox
von Helge Pahl
Es herrscht Ärger im Wald. Die kleinen Ahorne beklagen, dass die großen Eichen ihnen das Sonnenlicht wegnehmen. Die Eichen entgegnen verdutzt, dass sie nun einmal so gewachsen sind und die Ahorne doch froh sein können, in ihrem Schatten zu gedeihen. Damit wollen sich die neidischen Ahornbäume nicht begnügen. Sie schreien „Unterdrückung“, während die Eichen unverständlich ihre Köpfe schütteln. Schließlich gründen die Ahorne eine Gewerkschaft und fordern gleiche Rechte. Sie haben keine andere Wahl, denn die Eichen sind einfach zu gierig und müssen gezwungen werden, den Ahornbäumen Licht abzugeben. Ein edles Gesetz muss her, das die vermeintliche Eichentyrannei beendet und mit Beilen, Äxten und Sägen fortan alle Bäume gleichmacht.
Die kanadische Progressive-Rockband Rush vertonte diese Fabel im Jahr 1978 auf ihrem Album „Hemispheres“, das sowohl als Meisterwerk der Band als auch des gesamten Genres gilt. Obwohl der Song selbst keinen nennenswerten Durchbruch in den Single-Charts hatte, wurde das Album über eine Million mal verkauft und mit Platin ausgezeichnet. Die komplexen Rhythmuswechsel und der typische Prog-Rock-Aufbau mit Instrumentalteilen waren zu wenig eingängig, als dass „The Trees“ ein Charthit hätte werden können. Seine jahrzehntelange Präsenz und Relevanz als genretypisches Aushängeschild bezeugen jedoch einen ungebrochenen Erfolg dieses Songs, der Teil des monumentalsten und philosophisch tiefgründigsten Albums der Band ist.
Musikalisch ist der Song ein Lehrstück des Prog-Rock. Das harmonische Intro wird durch eine klassische Konzertgitarre und ungewohnte Percussion-Effekte getragen, die eine trügerische Folk-Idylle erzeugen. Die paradiesische Atmosphäre endet jäh, und Rush wirft den Hörer abrupt in ein wuchtiges Rockspektakel. Der Song glänzt mit komplexen Taktwechseln. Die Band springt spielerisch von einem fließenden 6/8-Takt im Akustikpart über den klassischen 4/4-Rockrhythmus bis hin zu einem vertrackten 5/4-Takt im Instrumentalteil.
Das Trio Rush – das waren Geddy Lee, Alex Lifeson und der Jahrhundert-Drummer Neil Peart – war in den 1970er Jahren berühmt für seine intellektuellen Höhenflüge. Textdichter Neil Peart war zu dieser Zeit stark durch den Objektivismus und radikalen Individualismus der russisch-amerikanischen Philosophin Ayn Rand beeinflusst. Die Band widmete ihr das Album „2112“. Rush setzte sich daher von der überwiegend links geprägten Rockszene der 70er Jahre ab und war eine seltene, streitbare Stimme für persönliche Freiheit und Staatskritik.
Der Wald symbolisiert in der Parabel „The Trees“ unsere Gesellschaft. Da wir Menschen glücklicherweise alle unterschiedlich sind, erlangen wir naturgemäß unterschiedliche Erfolge. Die (materiell) weniger Erfolgreichen, getrieben von Minderwertigkeitskomplexen, Missgunst und Neid, erfinden Sozialismus in Form einer Ahorngewerkschaft und drängen darauf, ein Herrschaftssystem zu erschaffen, mittels dessen sie die Erfolgreichen zugunsten des eigenen Vorteils enteignen. Zudem soll ihnen dauerhaft Handlungsspielraum genommen werden, um ihre Schaffenskraft auf die des Durchschnitts oder noch tiefer zu reduzieren, damit permanente Ergebnisgleichheit erzielt wird. Das gelingt allenfalls mit der Anwendung von Gewalt und Zwang gegenüber den Erfolgreicheren. Es erfordert laufend neue Interventionen und bedingt die unentwegte Missachtung von Eigentums- und Freiheitsrechten und führt damit zwangsläufig in ein Unrechtsregime. Ohne Unterlass müssen die Äste und Zweige der fruchtbaren Bäume abgesägt und zerhackt werden. Das vermeintlich hehre Ziel der Gleichheit wird indes nicht erreicht, denn eine gewaltsame Umverteilung bedingt Herrschaft. Wer herrscht, kann niemals gleich dem Beherrschten sein. Besonders tragisch ist dabei, dass der Wohlstand im Verhältnis zu einer freien und auf freiwilliger Interaktion beruhenden Gesellschaft sinkt. Die Parabel erinnert an die griechische Sage des Wirts Prokrustes, der seinen Gästen die Beine absägte, wenn sie zu lang für sein Bett waren. Gleichheit ist auf vielen Ebenen asozial.
Drummer und Songwriter Neil Peart starb 2020 an Hirnkrebs. In seinen späteren Lebensjahren distanzierte er sich von Ayn Rands kompromissloser Philosophie des Eigennutzes. Nun bezeichnete er sich selbst als „Bleeding-Heart-Libertarian“ und eher der Demokratischen Partei zugeneigt. Dem libertären Republikaner Rand Paul untersagte die Band die Nutzung ihrer Songs. Im Jahr 2010 verwendete Paul unter anderem „The Trees“ für seinen US-Senatswahlkampf in Kentucky. Die beiden verbliebenen Ur-Rushs haben sich nunmehr mit der deutschen Schlagzeugerin Anika Nilles komplettiert und geben im Zuge ihrer „Fifty-Something-Tour“ im Frühjahr 2027 fünf Konzerte in Deutschland und eines in der Schweiz.
Sie finden die Libertäre Jukebox auf „Spotify“ und „Youtube“.
Information
Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 21. August erscheinenden Sep./Okt.-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 263.
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