26. Juli 2026

Ostalgie und Retrofuturismus Weg hier, einfach nur weg!

KI-Netzphänomene über die Zukunft einer Vergangenheit, die es nie gab

von Benno Ohm

Artikelbild
Bildquelle: Redaktion Retro-Ostalgie: Feiernde Menschen auf DDR-Mondbasis (KI-generiert)

Die Gegenwart hat ihren Reiz verloren. Zwar blüht immer noch der Flieder in den Vorgärten und die Tonnen stehen rechtzeitig zur Abholung draußen, manche mit kecken Aufklebern versehen, doch die Menschen sind müde geworden. Sie schleppen sich zur Arbeit und wissen, dass der Staat den von ihnen erwirtschafteten Wohlstand mittlerweile ganz offen verschleudert. Über ihnen schwebt das Damoklesschwert der Willkür, von neuen Kriegen, neuen Krisen, neuen Pandemien. Und davon, mittelfristig durch KI ersetzt zu werden. Also flüchten sie – in Nostalgie. Doch nicht die einer Vergangenheit, die es gab, sondern die zweier Vergangenheiten, die es hätte geben sollen. Natürlich ist das alles nur ironisch gemeint – und komplett mit der Technologie erstellt, vor der man eigentlich Angst hat.

Der Freitagsschwof im Sektor A

„Aufgepasst, liebe Genossen, es ist Freitag, und die Stimmung hier im Klubhaus Sektor A kocht bereits.“ So ertönt eine leicht blecherne Stimme, wie aus dem Weltempfänger, und wir sehen Menschen im Outfit der 60er oder 70er Jahre, wie sie tanzen und feiern. Wobei das Outfit nur teils aus brustoffenen Glitzerhemden auf der Tanzfläche besteht oder aus dem feschen, ausladenden, rotbraunen Kragen über dem weißen Pulli von „Schallplattenunterhalter Klaus“, denn die „Betriebsleitung des VEB Weltraumgurke“, die zu der Tanzveranstaltung „geladen“ hat, ist selbstverständlich seriöser aufgetaucht – die Herren im Anzug und die Dame mit Perlenkette und Föhnfrisur.

Die Wände sind getäfelt wie in Gasthäusern aller Kindheiten der Generation X, deren Eltern teils bis in die Puppen feierten und die Kinder einfach auf irgendeine Eckbank zum Schlafen legten – sollten diese sich nicht heimlich in die Küche geschlichen haben, wo „Büffetkraft Ingrid“ die großen Spreegurken neben die Wurstscheiben legt und im Hintergrund zwei fremde Onkel angelehnt an der Anrichte stehen und sich über die neuesten Geschehnisse austauschen. Die Motive wirken vertraut und nostalgisch, von den bunten Lichtern an der Decke bis zur Theke, hinter der „Schankwart Holger“ die großen Biergläser füllt. Wir alle kennen einen solchen Holger von früher, der uns schon als Zwölfjährige einmal kurz nippen ließ, auf dass wir spätestens ab der Adoleszenz begannen, uns den Gewohnheiten der Großen anzunähern, für die das Herrengedeck noch Alltag war. Der große Unterschied zur Kindheit in den 60er- und 70er Jahren in dieser Realität: Holger zapft Mondkrater Pils aus dem volkseigenen Betrieb in Sektor C, und das gesamte Geschehen findet nicht auf der Erde statt, sondern auf einer Mondbasis, die die DDR erfolgreich errichtet hat.

Die DDR Mondbasis

(youtube.com/@DDRMondbasis)

Wer das erste Mal über die KI-generierten Videos dieses Projektes stolpert, ist sicherlich maximal irritiert. Geschichten und Stimmungsbilder aus einer erfundenen Zeitlinie, in der die DDR eine „glorreiche Mondbasis“ errichtet hat, voller „kultureller Einrichtungen“ und einer stets wohlgelaunten Gemeinschaft der „Genossinnen und Genossen“ fernab der irdischen Heimat. Das Projekt von KI-Künstler Philipp Ladage aus Hessisch Oldendorf begann zwar laut seiner Aussage mit einem scherzhaft gemeinten Einzelvideo, in dem er und sein Bruder eine „Mondlandung von Erich Honecker“ imaginierten, doch es wurde zu einem Projekt, das mittels Videos, Webseite, Merchandise und einem eigenen Wikipedia zu den Figuren, Orten und Produkten das betreibt, was die besten Science-Fiction-Romane machen: „World Building“.

Die Welt, die Ladage eröffnet, wirkt dabei zwar wie unsere Vergangenheit, spielt aber in einer fiktionalen Gegenwart, in der die DDR im Oktober 2025 „ihren 75. Jahrestag mit Paraden auf dem Mond gefeiert“ hätte, wie sogar der NDR über das Phänomen berichtet, mit dem Ladage auf Youtube, Instagram und Tiktok große Erfolge feiert. Das heißt – hier auf Erden ist der Realsozialismus durchaus zusammengebrochen, aber kurz vor seinem Ende hatte die Staatsführung beschlossen, mitsamt ihrem System auf den Mond zu ziehen und die DDR dort wieder neu aufzubauen.

Und so gibt’s dort oben nun alles, was das aus unserer Wirklichkeit flüchtende Retroherz begehrt, hergestellt und präsentiert von volkseigenen Betrieben wie den „Backwaren Mondkruste“, dem „Fleischkombinat Kosmos“ oder sogar dem „VEB Erzgebirgische Träume“. Immerfort „herrscht festliche Stimmung“, so auch am 1. Mai, wo Männer mit Vokuhila und Frauen mit lockiger Dauerwelle der Parade der VEBs beiwohnen, selbstverständlich alle wieder ein Mondkrater Bier in der Hand, denn unablässiger Alltagsalkoholismus gehört zur Gemütlichkeit. Die Werktätigen des VEB Halbleiterwerk Kosmos ziehen Computer hinter sich her, die mit riesigen Retro-Videospiele-Konsolen verbunden sind, auf denen man das Autorennspiel „Trabant Rennen Turbo“ zocken kann. „Auf der Bühne kommen die Genossen der Parteileitung aus dem anerkennenden Klatschen kaum noch heraus.“

Ladage erstellt seine Welt der fiktionalen Kosmos-Ostalgie vollständig aus Prompts heraus, diese wiederum inspiriert nicht nur von der realen DDR, sondern auch von Beobachtungen im heutigen Alltag, die er in seine Fiktion überträgt. Das Ergebnis ist herausragend in seiner Detailtiefe und Fehlerfreiheit. Jeder, der sich schon einmal als Laie in der Bild- oder Videogenerierung versucht hat, wird wahrscheinlich bereits daran verzweifelt sein, dass die KI die Gurkengläser, Plakate und Autoschilder nicht mit den Worten beschriftet, die er eingegeben hat. Ladage weiß genau, was er macht und wo dementsprechend seine rund halbe Million Follower plattformübergreifend herkommen.

Im Frühjahr trat er als Speaker auf dem German Creative Economy Summit auf, dem „bundesweiten Leitkongress der deutschen Kreativwirtschaft“, der laut Eigenbeschreibung „einmal jährlich rund 1.100 Akteur*innen aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft und allen 11 Teilmärkten der Kreativwirtschaft in Hamburg“ zusammenbringt.“ Ja, das ist die Originalbeschreibung, und ich bin mir sicher, dass die DDR-Mondleitung stolz darauf wäre, statt der Gendersterne die echten Sterne draußen vor dem Fenster erobert zu haben – und dass ein Großteil des Publikums dieser Fiction-Ostalgie bei aller Ironie auch ganz ernsthaft vor einer Welt flieht, deren Errungenschaften eher in Sprachpolitik, fiskalischen Mondbuchungen und heuchlerisch verdeckter, statt herzhaft offener Volkserziehung und Propaganda bestehen.

Kapitalismus reloaded – AI Fascinated

(youtube.com/@aifascinated)

Eine völlig andere Zukunft der Vergangenheit erleben wir im sogenannten Retrofuturismus von Kanälen wie AI Fascinated und dessen angeschlossenem Shop namens „Futures of the Past“. Zu sanft perlendem Smooth Jazz fährt die künstliche Kamera hier auf ein absurd geschwungenes Schwimmbecken zu, das sich wie ein Fluss entlang der Gärten von bunt bepflanzten Reihenhäusern schlängelt, die nur aus runden Formen bestehen und deren Panoramafensterscheiben von goldenem Chrom ummantelt glänzen.

Sie haben etwas von klassischen American Dinern, nur eben als Privathaussiedlung gestaltet, auf dem Wasser wippen kleine Boote, die den Formen von Classic Cars wie dem Cadillac nachempfunden sind. Es riecht nach Haarspray und Pomade, nach einer Welt das „American Graffiti“, aber ohne gefährliche Halbstarke, die Ärger machen. Stattdessen spaziert ein Pfau durch die Siedlung. Statt auf einer schnöden Luftmatratze oder in einem Schlauchboot schwebt die örtliche Dame des Hauses in einer Art Hoover-Boot mit hellem Leder als Sitzbezug über das Wasser. Ihre blonde Welle und der leicht verruchte Blick versprühen Marilyn-Monroe-Vibes. Die nicht minder attraktive Nachbarin trägt das brünette Haar kürzer und freut sich über einen Schmetterling, der sich vertrauensselig auf ihre Nasenspitze setzt. Die Kamera fährt näher heran, und man staunt einfach nur darüber, wie man in der Haut der jungen Frau jede Pore erkennt.

„Hallo, ich bin der Mensch hinter AI Fascinated“, schreibt der Macher des Kanals in seinem Profil bei Youtube und offenbart die Werkzeuge, mit denen er seine unglaubliche KI-Qualität hinbekommt. Er generiert einzelne Bilder mit „Midjourney“ und experimentiert dann „mit Einstellungen wie ‚Chaos‘, ‚Stylization‘ und ‚Moodboards‘“, bis der gewünschte Stil erreicht ist. Diese Ergebnisse bearbeitet er manuell mit dem Pinsel weiter. „Sobald ich zufrieden bin“, so heißt es übersetzt, „schreibe ich Prompts, um sie nacheinander zu animieren – mit Tools wie ‚RunwayML‘, ‚Hailuo‘, ‚Kling‘, ‚Veo‘, ‚Luma‘ oder ‚Midjourney‘. Die besten Szenen importiere ich in ‚Premiere Pro‘ für eine manuelle Montage, synchronisiere die Schnitte zur Musik und wähle die Reihenfolge nach einer ziemlich abstrakten künstlerischen Logik aus.“

Mit anderen Worten: Es ist eine unfassbar aufwendige Arbeit, die zeigt, dass KI mitnichten jedem hohe Qualität ermöglicht, sondern wie Leinwand und Pinsel einen professionellen Umgang mit viel Übung und tiefem Verständnis für den künstlerischen Prozess erfordern. Wer dieser „Mensch hinter AI Fascinated“ ist, lässt sich kaum herausfinden. Das Impressum seiner Webseite, über die er Merchandise verkauft, zeigt nur eine gewerbliche Kontaktadresse in Frankreich. Ohne Namen.

AI Fascinated und andere Kanäle dieser Art feiern keine Sozialismus-Ostalgie, sondern zeigen eine Zukunft, die entstanden wäre, hätte man in den USA kulturell und ästhetisch die 50er Jahre beibehalten, sich technologisch aber in die Zukunft entwickelt. Die wohlhabenden, gepflegten Paare genießen den Frühling in ihrer makellosen Vorstadt mit ihren Haustieren oder gleiten in futuristischer Tauchausrüstung ins Wasser zu Korallen und Fischen. Am Nachmittag geben sie sich dem Tennis, dem Klettern, dem Bogenschießen oder dem Golf hin, allesamt in makelloser Kleidung und gesegnet mit einem Höchstmaß an Schönheit, ständig umgeben nicht nur von den absurden Pfauen, sondern auch von weiteren Vögeln, Hummeln oder Käfern, die niemals Ungeziefer sind, sondern immer die reinste Zierde und Freude.

Die Mondbasis DDR zeigt auf ironische Weise, was im Sozialismus allenfalls ästhetisch sowie als erzwungene Gemeinschaft möglich war. Der Retrofuturismus zeigt – ganz ähnlich der bildenden Kunst der Hyperrealisten –, was im Kapitalismus zu dessen früher Blüte tatsächlich an Wohlstand und Stil möglich war und in den vergangenen Jahrzehnten verloren gegangen ist, statt weiter aufzublühen. Nichts, aber auch gar nichts ist der retrofuturistischen Vorstadt schließlich ferner als die heutige Realität in den USA, wo ganze einst stolze Regionen in Armut, Verfall und Drogensumpf versinken.

Wer mittels stundenlanger Videos nicht vor der Wirklichkeit flüchten, sondern sich ihr stellen will, kann auf Youtube Kanäle wie Street Souls finden, die in brutaler Klarheit den Verfall zeigen – besonders in den Städten des sogenannten Rust Belts und der Appalachen, wo Deindustrialisierung und Arbeitsplatzverluste den Boden für Armut und die verheerende Fentanylkrise bereiteten. Die einstige „Motor City“ Detroit in Michigan, die Stahlstadt Gary in Indiana oder die ehemalige Industriemetropole Philadelphia und ihre Ausläufer wie Kensington sind heute „Lost Places“, durch deren Straßen die Fentanyl-Süchtigen wie die Zombies torkeln.

In Deutschland erleben wir solche Zustände der Verwahrlosung langsam ebenfalls, garniert mit steigenden Spitzen in der Gewaltkriminalität und einer Politik, die ähnlich realitätsverweigernd agiert wie die reale Führung der DDR im Endstadium. „Ich liebe euch alle“, sagte Erich Mielke, der ehemalige Chef des DDR-Stasi-Ministeriums, Mitte November 1989 vor der Volkskammer, und erntete höhnisches Gelächter. „Wir finanzieren diese Haltelinie der Rente aus Steuermitteln, sie belasten damit die Beitragszahler nicht“, sagte Arbeitsministerin Bärbel Bas im November 2025 auf dem Arbeitgebertag, und erntete höhnisches Gelächter. Im Mai 2026 legte sie noch einen drauf und sagte im Bundestag: „Es gibt keine Einwanderung in die Sozialsysteme.“ Derweil verballert die Regierung das mittels eines Staatstreichs noch mit dem bereits abgewählten Bundestag verabschiedete „Sondervermögen“, das für den Wiederaufbau elementarer Infrastruktur gedacht war, zum Stopfen der Haushaltslöcher.

Einfach nur weg!

Niemand verlangt eine Basis auf dem Mond oder chromglänzende Vorstädte als paradiesischen Fiebertraum, doch anstatt wenigstens die Schiene instandzusetzen, Glasfaser zu verlegen oder die Brücken zu restaurieren, lagert die Politik reguläre Ausgabenposten, die zuvor aus Steuermitteln im Kernhaushalt finanziert wurden, in das Sondervermögen aus. Wirtschaftsinstitute sprechen von einem „fiskalischen Verschiebebahnhof“, die Opposition gewinnt täglich an Stimmen, der Kanzler und seine Gesellen sind nach einem Jahr so unbeliebt wie die Ampelregierung nach dreien, doch anders als Olaf Scholz denkt Kaiser Friedrich Merz nicht mal an die Vertrauensfrage. „Bitte träume niemand von Neuwahlen“, verkündet er und jammert im „Spiegel“ darüber, dass kein Kanzler vor ihm so viel zu erleiden gehabt hätte, wie er durch den Gegenwind, der ihm in den sozialen Medien entgegenschlägt.

Angesichts dieser Zustände kehre nicht nur ich nach vielen Jahren der Pause in diesem Magazin als Autor zurück, sondern sehnen sich die Menschen nach einer anderen Welt. Der ostalgische Retrofuturismus der DDR Mondbasis und der US-kapitalistische Retrofuturismus der Science-Fiction-Fifties, sie könnten inhaltlich verschiedener nicht sein.

Mal abgesehen davon, dass beide natürlich auch, wären sie real, etwas unheimlich Totalitäres und Künstliches an sich haben, bei dem man nicht wissen will, was mit den Rebellen und den nicht ins Bild Passenden geschehen ist. Wie beliebt sie beide derzeit sind, unterstreicht allerdings, dass die Menschen einfach nur weg wollen.

Information

Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 26. Juni erscheinenden Jul.-Aug.-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 262.


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