18. April 2026
Bürgerlicher Anarchismus: Stell dir vor, es ist Krieg
Und keiner geht hin
von David Dürr
Seit es immer mehr und immer wieder neue Kriege gibt, große und kleine, heiße und kalte, zwischenstaatliche und innerstaatliche, lang andauernde und kurz aufflammende, direkt oder durch Stellvertreter geführt; seit Medien nur noch dieses Thema kennen, seit Kampfbereitschaft, Waffenindustrie und Wehrpflicht zum politischen Thema Nummer eins geworden sind, seit ehemals pazifistische Linksparteien nach Erhöhung der Rüstungsausgaben rufen – seit all dem kommt mir immer wieder dieser bekannte pazifistische Satz in den Sinn: „Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin!“
Merkwürdigerweise wird er oft dem linken Bertold Brecht zugeschrieben. (Warum eigentlich? Vielleicht, weil Brecht mit dem internationalen Stalin-Friedenspreis ausgezeichnet wurde?). Effektiv hat diesen Satz aber ein anderer, ein wahrer Pazifist geprägt: der amerikanische Dichter Carl August Sandburg, und zwar mit dieser kleinen Geschichte:
Das kleine Mädchen sah zum ersten Mal eine Truppenparade und fragte: „Was sind die?“ – „Das sind Soldaten.“ – „Was sind Soldaten?“ – „Die sind für den Krieg. Sie kämpfen, und jeder versucht, so viele von der anderen Seite zu töten wie er kann.“ Das Mädchen hielt inne und überlegte. – „Weißt du, was ich weiß?“ – „Ja, was denn?“ – „Eines Tages geben sie einen Krieg, und keiner geht hin!“
Hübsch, nicht? Das Problem ist nur: Das kleine Mädchen weiß noch nicht, wer das ist, der immer wieder solche „Kriege gibt“. Vielleicht stellt es sich einfach ein paar böse Menschen vor, die solche Tötungsveranstaltungen aufführen. Und wenn dann einfach keiner hinginge, weder als Soldat auf der einen noch auf der anderen Seite, nicht als Zuschauer und ebenso wenig als Mitarbeiter der Theaterorganisation – ja, dann könnte dort keiner den anderen töten.
Was das Mädchen nicht weiß, ist, dass dort, wo diese Kriegsspiele organisiert werden, gar nicht dort ist, sondern hier mitten unter uns; dass das nicht einfach Veranstalter solch geschmackloser Shows sind, sondern riesige Zwangsorganisationen, die nicht warten, bis die Leute kommen, sondern sie mit Gewalt heranschleppen; die junge Männer zwingen, als Soldaten mitzutun beim Töten und Getötetwerden; die das Geld zur Finanzierung des tödlichen Spektakels den Menschen und Unternehmen entreißen, flächendeckend im ganzen Land, ungefragt und notfalls mit handfester Gewalt.
Das kleine Mädchen hört zum ersten Mal von diesen Zwangsorganisationen und fragt: „Was sind die?“ – „Das sind Staaten.“ – Das Mädchen hält inne und überlegt. „Weißt du, was ich weiß?“ – „Ja, was denn?“ – „Eines Tages geben sie einen Staat, und keiner geht hin.“
Information
Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 27. Februar erscheinenden März/April-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 260.
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