12. April 2026
Generationsschuld: Reflexionen zur Boomer-Kontroverse
Über individuelle Verantwortung und die Rolle des Staates
von Günter Scholdt
Die in ef 259 geführte Diskussion über eine mögliche Generationsschuld der „Boomer“-Jahrgänge (1946–1964) hat Wichtiges zutage gefördert. Die fünf daran beteiligten Autoren argumentierten auf einer abgestuften Meinungsskala, wobei an einem Pol etwa Hippies und Junkies als Frühlibertäre figurieren, am anderen man die „Arbeitsmoral“ der Boomer und ihre „grundlegenden Werte“ zurückwünscht. Gemeinsam ist allen ein antietatistischer Erklärungsansatz und der Verzicht auf pauschale Anklage.
Dass die Jüngeren angesichts der aktuellen Misere über die Boomer nicht schlicht den Daumen senken, ist sympathisch. Es unterscheidet sie wohltuend von Millionen Nachgeborener seit der Flakhelfergeneration, die, indem sie ihre im Dritten Reich lebenden Altvorderen zerzausten, glaubten, den Generalschlüssel zum politisch-moralischen Verständnis ihrer Zeit gefunden zu haben. Wenn ich dennoch behaupte, dass manches noch ungesagt, anderes nicht mit der gebührenden Schärfe ausgesprochen wurde, sehe ich mich dazu berechtigt als Angehöriger jener Boomer, der nicht ungeprüft „mildernde Umstände“ beansprucht.
Zunächst ein kurzes Resümee des Diskussionsstands. Anna Fornfeist beginnt den Reigen der Statements mit der Auflistung kardinaler Defizite: Ungesicherte Renten, Massenimmigration nach der Devise „Wir schaffen das“ als „erhöhte Moral ohne Weitblick“. Beim Thema Vorsorge erkennt sie das Prinzip „Jetzt genießen, später zahlen andere“, was sich ein bisschen „gierig“, vielleicht sogar „heuchlerisch“ ausnehme. Sie „wollten Freiheit“ durch Rebellion gegen Autoritäten, doch „schufen neue Ketten“. „Fehlgeleitet suchten sie nicht Eigenverantwortung, sondern einen neuen Staat, der sie liebevoll füttert und umsorgt – auf Kosten aller. Nicht mehr Krieg, Konservatismus und Kirche, sondern Minderheiten, Klima und soziale Wohltaten. Nicht mehr das Vaterland, sondern die bemutternde Nation, die für alle sorgt.“
Dennoch fällt Fornfeists Schuldbilanz „ambivalent“ aus. Als „Täter und Opfer zugleich“ hätten die Boomer nur „menschliche“ Reaktionen gezeigt: „Bequemlichkeit und Resignation“. So räumt sie die „Anklagebank“ mit der Frage: „Wer wohl als Nächstes vor Gericht steht? Vielleicht der eigentlich Schuldige: der Staat, der mit falschen Versprechungen, kurzfristigen Lösungen und unter Androhung von Gewalt die Weichen für die Fehler aller Generationen stellt.“
Dieses Fazit bestimmt den Tenor auch der folgenden Beiträge. Bettina Lohr äußert Zweifel, ob „eine ganze Generation“ überhaupt schuldig sein könne. Kollektive besäßen keinen „einheitlichen Willen“ und könnten anders als „Politiker und ihre Unterstützer“ nicht „als solche zur Rechenschaft gezogen werden.“ Boomer seien „keine handelnde Einheit, sondern eine statistische Kategorie“. „Wer als Einzelner gegen den Mainstream gestimmt hat“, sei „schwerlich für die Folgen der Mehrheitsentscheidung verantwortlich“. Statt zu verurteilen, täte die jüngere Generation „gut daran, aus der Geschichte zu lernen“ und „Alternativen aufzeigen“. Schließlich gebe es ja „auch keine kollektive unschuldige junge Generation“. „Der Weg zu einer besseren Zukunft“ führe über ein gemeinsames verständnisvolles Überwinden falscher Ideen. „Denn Freiheit ist kein Generationenprojekt, sondern eine immerwährende Aufgabe.“
Marc Peter ergänzt: „Hätte denn meine Generation, die GenZ“ damals „bessere Entscheidungen getroffen?“ „Gerade bei den jungen Frauen zeichnet sich ein Bild, dass es wahrscheinlich sogar noch schlimmer gekommen wäre.“ Es gehe darum, „Fehlanreize in der Politik“ zu vermeiden, besonders die Abhängigkeit vom Staat.
Gabriel Richter sieht in den Boomern sogar „wahre Rebellen“. Er regt eine „ideengeschichtliche Neubewertung der Achtundsechziger“ bezüglich ihrer „zutiefst libertären Ursprünge“ an. „‚Make Love Not War‘ war radikaler Pazifismus gegen Staatskriege“, Drogenliberalisierung „Selbstbestimmung über den eigenen Körper“, die Ablehnung öffentlicher Moralregulierung „pure Staatskritik“. Und wie segensreich-revolutionär hätten sich, jenseits vom Staat, die Pioniere der Digitalszene entwickelt. Zwar hätten sich die Systemkritiker später durch gutbezahlte Jobs korrumpieren und zu Systemverwaltern machen lassen. Aus Rebellen wurden „Autoritäten“, eine Schuld, die sie durch Befreiung nachfolgender Generationen tilgen könnten. Eine meiner Meinung nach blauäugige Erwartung wie die folgende Wertung: „Die Achtundsechziger-Revolution war nie gescheitert – sie war nur noch nicht vollendet.“
Unter dem ähnlich irritierenden Titel „Danke für dieses Deutschland!“ beteiligt sich Julius Tiede an der Diskussion. Er verwahrt sich gegen das Odium der „alten weißen Männer“ und der „Klimasau“-Omas. Kollektivschuld entspräche „linker Rhetorik und Gleichmacherei“, wo es doch auf Individuen ankomme. Der starke deutsche Wirtschaftsaufschwung resultiere aus intakter Arbeitsmoral. Aus ihrem Optimismus sei das Vertrauen in den Sozialstaat erwachsen, doch ihre konservative Grundhaltung hätte leider zum (unglaubwürdigen) „Nanny“- und „Hängematten“-Staat geführt.
Soweit die Diagnosen, die nachfolgend in sieben Punkten bestätigt, ergänzt, vertieft oder korrigiert werden.
Erstens
Schlankweg plausibel ist der moralinfreie methodische Einwand, eine Generation bilde keine soziologische Einheit. Tatsächlich gliedert sie sich vornehmlich in eine Schar von überzeugten Draufgängern und Entscheidungsstarken. Zehn Prozent der Bevölkerung genügen schon, wenn die propagandistischen Rahmenbedingungen stimmen, um der großen inaktiven Masse den Kurs zu diktieren. Denn diese durchschaut aufgrund von historisch-politischen Verständnis- oder Bildungslücken selbst krasse Regierungsfehler in der Regel erst dann, wenn Misswirtschaft in eine schwere Krise mündet. Eine weitere Bevölkerungsgruppe registriert zwar den jeweiligen Verfall, unternimmt aber aus Bequemlichkeit, Vorsicht oder Opportunismus nichts dagegen. Einige unter ihnen lähmt Skepsis, dass ein sie betreffender unheilvoller Trend beizeiten überhaupt zu stoppen sei. „Gegen einen Ozean pfeift man nicht an“, formulierte zum Beispiel 1933 ein ins Exil getriebener Kurt Tucholsky. Letztlich verbleibt am anderen Skalenende noch jene Minderheit, die opponiert, auch wenn dies häufig mit einigem Lebensglück bezahlt werden muss. Dass sie für das Geschehen nicht in Haft genommen werden darf, versteht sich von selbst.
Zweitens
Die Wirkungschancen selbst wachsamer Boomer begrenzte ein Grundkontrast. Es gab unter ihnen nämlich – etwas vereinfacht – jene, die ihrer täglichen Arbeit anspruchsvoll nachgingen, und jene, die vornehmlich ihren Profit daraus zogen oder sich aufs agitatorische Theoretisieren verlegten und im Rahmen einer ihnen günstigen Machtkonstellation andere vor sich hertrieben. Der Soziologe Helmut Schelsky hat dies 1975 in seinem Buch „Die Arbeit tun die anderen. Klassenkampf und Priesterherrschaft der Intellektuellen“ polemisch auf den Punkt gebracht. Oder, um es am Beispiel der griechischen Mythologie noch stärker zuzuspitzen: Etliche tüchtige Boomer erlitten ein Schicksal wie der Seilknüpfer Oknos, dem von den Göttern auferlegt war, jahrein, jahraus einen Stick zu flechten, den ein Esel in seinem Rücken wieder abnagt. Das drastische Bild zeichnet Zeittendenzen im Blick jener, die unideologisch anpackten und die Wohlstandsvoraussetzungen für die Reformexperimente derjenigen schufen, die ihnen paradoxerweise die richtige Gesinnung, Sozialkompetenz oder Moral absprachen.
Drittens
Die Boomer begannen ihre berufliche oder universitäre Laufbahn, als ihnen die Kriegsgeneration durch nimmermüden Fleiß beim Neuaufbau per „Wirtschaftswunder“ zumindest ökonomisch wieder eine leidliche Basis geschaffen hatte. „Made in Germany“ war erneut zur Qualitätsmarke geworden, die Währung stabil. Das Schulsystem besaß internationale Klasse, auch wenn es Reformideologen unter Gleichheitsgesichtspunkten schlechtredeten. Wer die Hauptschule verließ, konnte lesen, schreiben und rechnen, genügte also den Anforderungen der Arbeitswelt. Die Realschulen wie Gymnasien hielten vorläufig noch ihre Standards. Der Sozialstaat funktionierte (noch), weil keiner überreizte. (Eine völlige Liberalisierung der Wirtschaft statt Erhards Erfolgsmodell der Sozialen Marktwirtschaft wäre angesichts des Massenelends nach 1945 und der sozialistischen Alternative ohnehin nicht durchsetzbar gewesen.) Die Bevölkerungspyramide war noch nicht gekippt. Der Generationenvertrag, den Marc Peter inzwischen zurecht als illusionäre Mogelpackung systematischer Umverteilung charakterisierte, besaß noch Glaubwürdigkeit.
Von all dem ist heute keine Rede mehr. Stattdessen befinden wir uns, selbstverschuldet, in einer ökonomisch-technologisch-finanziellen Großkrise, über die man im Ausland bereits spottet. Der Bau des Berliner Flughafens etwa dauerte fast so lang wie der 30-jährige Krieg. Zugfahrten ähneln früheren Postkutschen-Abenteuern auf dem Balkan; im Internet kursiert als Definition für Fahrplan „unverbindliche Abfahrtsempfehlung mit Gleisvorschlag“. Auch wo Buchungsusancen die Inflationsrate relativ niedrig halten, dient der explodierende Gold- und Silberpreis als wahrer Indikator unserer Währung. Wie eine Figur aus mythischer Vorzeit wirkt Adenauers Finanzminister Fritz Schäffer, der doch tatsächlich noch Haushaltsüberschüsse hortete. Aus ihnen wurde anfangs der Aufbau der Bundeswehr finanziert, im Gegensatz zum gegenwärtigen (schon begrifflich pervertierten) Schuldenmachen per „Sondervermögen“.
Eine aus den Fugen geratene Demographie samt erwünschter oder geduldeter Massenimmigration, die Deutschland zum Sozialamt der Welt macht, ruiniert seriöse Haushalte. Horrende Energiekosten belasten den Standort sowie reichliche Transferleistungen abseits deutscher Belange. Hinzu kommt, dass der Rechtsstaat durch Machenschaften unserer politischen Klasse so gefährdet ist wie seit 1945 noch nie. Denn „unsere“ Demokratie karikiert eine tatsächliche.
Täglich macht ein teils von Gerichten gestützter linker McCarthyismus Jagd auf wirkliche oder vermeintliche „Rechte“ mit dem Ergebnis, dass selbst der gesunde Menschenverstand oder die naheliegende Interessenwahrnehmung unter Ideologieverdacht geraten. Statt unsere Verfassung zu schützen, plustert sich ein regierungsabhängiger sogenannter „Verfassungsschutz“ zum wichtigen Faktor der Oppositionsbekämpfung auf. Parteiische, nach traditionellem Rechtsverständnis groteske Urteile sowie Hausdurchsuchungen allein der Gesinnung wegen sind Legion. In Ludwigshafen und andernorts erdreistet sich eine Mainstream-Allianz, den jeweils aussichtsreichsten OB-Kandidaten schlicht auszuschließen. „Government light“ gemäß den Vorgaben unserer Postdemokratie.
Viertens
Ein Advokat der Boomer könnte solche Verheerungen vornehmlich aufs Konto jüngerer Entscheider buchen. Zudem haben zahlreiche (teils noch berufsferne) Wohlstandsjünglinge und -mädels solche Fehlsteuerungen verschärft. Insofern darf man sich wohlfeile Belehrungen einer Jugend verbitten, die als (militanter) Handlanger des Establishments auftritt: jene aus Staats- oder NGO-Säckeln reichlich gefütterten Antifanten, Klimakleber, Propagatoren und Inquisitoren globaler Agenden oder Krakeeler, die Siegen „brennen“ lassen wollen, weil dort die AfD tagt. Jene schnösligen Tugendterrorist(inn)en und Zensurfans im Verbund mit einer „wissenschaftlichen“ Narrenschar, die zwischen hundert Geschlechtern unterscheidet oder Kühe operiert, um ihren Methan-Ausstoß zu verringern. Gleichwohl spricht das die Boomer nicht gänzlich frei. Denn manche geistigen Wurzeln realitätsferner Dekadenz sind älter und stammen leider aus ihren Reihen.
Fünftens
Ein Wort zur Ökonomie und dem Image vom „gierigen“ Boomer. „Gierig“ war nicht, dass Nachkriegsdeutsche sich kompensierend einem Konsum verschrieben, den ihnen miesepetrige Moralisten von Anfang an missgönnten. Wer hart arbeitete – und das wenigstens darf man jenen Jahrgängen attestieren –, durfte auch die Früchte davon ernten. Illegitim war lediglich, mehr aus dem Staatstopf zu entnehmen als man selbst erwirtschaftet hatte. Trunken von der glückverheißenden Vokabel „sozial“ und der hybriden Aussicht auf philanthropische Weltrettung, schloss man die Augen, als der geschaffene Fundus aufgebraucht war und es wahrlich keine weiteren trügerischen „Präsente“ zu verteilen gab. Bereits das „All you need is love“ oder andere (drogenflankierte) Aussteigerwünsche gingen ja einher mit Pensions- oder Fürsorgeansprüchen. Ähnlichen Geist atmen aktuelle Sehnsüchte nach einem arbeitsfreien Grundeinkommen oder der Vier-Tage-Woche, paradoxerweise gepaart mit der Vorstellung exorbitanter Einstiegsgehälter.
In Folge verschlingen Rentenzuschüsse heute schon ein Drittel des Jahressteueraufkommens. Anna Fornfeist beziffert die geschätzte Rentenlücke bis 2050 auf 1,3 Billionen Euro. Und wenn auch Verdrängung vieles erklärt, liegt der Vorwurf nahe: „Dass das nicht aufgehen wird, wusstet Ihr schon von Anfang an!“ Das Rentensystem beruht auf dem trügerischen Fundament, dass die Deutschen immer Kinder bekämen. Doch das änderte sich schlagartig mit der Pille und der Abtreibungslobby. Und man hätte umgehend darauf reagieren müssen, da diese „Selbstverwirklichung“ ihren sozialpolitischen Preis hatte.
Das hieß nicht, die Jungen geradezu moralisch unter Gebärzwang zu setzen. Kinder sollte man aus Lebensfreude, liebender Bestätigung der Partnerschaft und Geborgenheit in einer gelebten Gemeinschaft bekommen. Dagegen grassierte hierzulande eine regelrechte Anti-Kinder-Ideologie, die ein harmonisches Familienleben unter Spießerverdacht stellte und abschätzig über „Mutterkreuze“ spottete. Sämtliche medialen Leitbilder betonten eine von Kindern kaum behelligte weibliche Existenz als einzig realisierte emanzipatorische Haltung, die Andersempfindende fast schon einem Rechtfertigungszwang aussetzte. Einige sich selbst entlarvende Statements bezeichneten Kinder gar als Klimakiller oder evolutionäres Handicap der Frauen.
Gleichzeitig wurden Warnungen über demographische Gefahren von sogenannten „Experten“ bagatellisiert oder als biologistisch beziehungsweise völkisch verdächtig. Ein studentischer Mob in Saarbrücken wie andernorts hinderte bereits in den 1980ern den Bevölkerungswissenschaftler Robert Hepp am Reden. Auch aktuell lässt sich an gerade mal zwei deutschen Universitäten Demographie studieren, während es nahezu 200 Gender-Lehrstühle gibt. Die Lage verschärfte sich durch eine Frühverrentungspolitik und -gesinnung wie die Illusion, dass ausgerechnet unsere Einwanderungspraxis das Nachwuchsdefizit ausgleichen könne. Welche Sozialkosten wir für diese Fehleinschätzung täglich aufwenden müssen, dämmert inzwischen selbst den Einäugigen im Regierungslager.
Sechstens
Als große Geschichtslegende kursiert noch immer die Mär, die Achtundsechziger hätten unser Freiheitsvolumen vergrößert. Das stimmt zwar für das schmale Segment gewisser persönlicher Lizenzen beziehungsweise individueller Verhaltensfreiräume bis hin zu fast jeglicher Art geschlechtlicher Praktiken. Etliche früher für selbstverständlich erachtete Bindungen an staatliche, sittliche, religiöse oder gesellschaftliche Autoritäten beziehungsweise Verpflichtungen wurden aufgekündigt. Pornographie fungierte als Freiheitssurrogat.
Doch als Kehrseite der Liberalisierung zeigten sich Sprachverbote, mit denen man die neuen Überzeugungen nun ihrerseits mit rigorosen juristischen Sanktionsdrohungen gegen Kritik abschottete. In atemloser Hast wurden immer neue (sprachpolitische) Korrektheits-, Compliance- oder Gleichheitsvorschriften erlassen, darunter Äußerungsverbote in Sachen Nation, Ethnien, Lebensschutz, Geschlecht oder dessen Umwandlung. Auch die Corona-Politreligion bediente sich des Strafrechts. Insofern versprach die „Studentenrevolution“ zwar Freiheit, lieferte aber letztendlich nach ihrem gar nicht so „langen Marsch durch die Institutionen“ ein Mehr an Dogmen und Zensur.
Als Test diene die Prüfung, ob der Meinungskorridor vor dem parlamentarischen Triumph der Achtundsechziger enger war als heute. Die große Mehrheit der Hiesigen jedenfalls weiß (im Gegensatz zu den früheren Jahrzehnten), dass wir öffentlich nicht mehr ungestraft unsere Meinung sagen können. Und wer dies dennoch glaubt, sieht sich vor Gericht eines Besseren belehrt. Da genügt es bereits, Minister mangelnder Intelligenz zu zeihen, um belangt oder durch Hausdurchsuchung behelligt zu werden. Im angeblich so fürchterlichen wilhelminischen Untertanenstaat war wenigstens nur der Kaiser durch den Majestätsbeleidigungsparagraphen geschützt.
Von Anfang an war die Bewegung der wirklichen oder vermeintlichen Rebellen gespalten. In unpolitisch-genussfokussierte Hippie- und Happening-Adepten, die sich auf Beatmusik, Sex und Drogen konzentrierten, Spaß haben wollten und später in eine blühende Textil- und Kunstkonjunktur überführt wurden. Dann gab es jene (von Gabriel Richter gefeierten) Techno-Pioniere, manche ursprünglich mit „anarchistischen“ Internet-Visionen, die jedoch später meist – und das ist für echte Liberale gewiss kein Kavaliersdelikt! – ihre Firmen zu woken Propagandafestungen ausbauten, in denen Nonkonformisten kein offenes Wort mehr zustand. Zudem waren die Einflussreichsten der Achtundsechziger lange bestens vernetzte Kommunismus-Werber, die uns durch Gewaltphantasien und -praktiken bis hin zum Terrorismus nicht eben der Freiheit näherbrachten.
Sie mögen sich von ihren NS- (Groß-) Vätern und Müttern energisch distanziert haben. Doch sie zwangen unserem Land dabei ein politisches Korsett auf, das kaum weniger Autoritäres enthielt. Es basierte auf einem ständig medial erneuerten Schuldsyndrom mit fatalen Folgen für Deutschlands Handlungsfreiheit wie Diagnosefähigkeit. Auch außenpolitisch reduzierte das autosuggestiv gefestigte schlechte Gewissen tatsächlich gegebene Spielräume. Statt Interessen zu definieren, wähnten wir uns stets im Bann einer Bringschuld auf dem Weg zur Moralweltmeisterschaft, zunehmend außerstande, wenigstens zu analysieren, was Staaten und Großmächte tatsächlich motiviert.
Im Ergebnis erbrachte die Dauererinnerung an die NS-Herrschaft, von der bereits Silone wusste, dass sie auch unter der Fahne des „Antifaschismus“ zurückkehren kann, jedenfalls eine Fülle neuer Denkvorschriften, Zensur sowie angeblich unhinterfragbare gutmenschliche, das heißt unrealistische Welt- und Geschichtsbilder. Kümmert uns bei wichtigen gesellschaftlichen Problemen doch mittlerweile meist weniger, ob sich eine Sache so oder so verhält, sondern ob man etwas meinen und aussprechen dürfe.
Dabei waren die Boomer die erste Generation, die rein altersmäßig als Schurken im Schauerstück „Drittes Reich“ nicht mehr infrage kamen. Sie hätten aus dem Fehlverhalten der Älteren lernen und sich durch einen weltoffenen Neubeginn aus deren bedrückendem Schatten lösen können. Stattdessen lebten sie seelisch von einem bis ins Letzte ausgeweideten fauligen NS-Kadaver und merkten nicht, dass auch in solcher Neurose die Quelle neuer Unfreiheit liegen kann. Stattdessen schmiedeten sie als erpresserische Allzweckwaffe gegenüber jeglicher nennenswerter politischer Alternative die polemische Propagandakonstruktion vom ewigen „Nazi“. Ein machttechnisches Verfahren, das es scheinbar rechtfertigt, zur Abwehr des jeweils definierten Teufels selbst jene dubiosen Mittel anzuwenden, die man dem Gegner unterstellt.
Was immer von der herrschenden politischen Klasse beziehungsweise ihren internationalen Einflüsterern nicht umstandslos akzeptiert wurde oder den als progressiv bestimmten Zeitgeist provozierte, wird seitdem zum anrüchigen „rechten“ Gedankengut erklärt beziehungsweise kriminalisiert: „revisionistische“ Klimakonzepte, Geschichtsbilder, Vorstellungen zu Staaten und Völkern, Auffassungen über (Schein-) Epidemien oder Waffenlieferungen und so weiter. Der Slogan: „Alles Nazis, außer Mutti“ brachte es auf den Punkt. Wiederbelebt wurde dadurch das totalitäre Freund-Feind-Prinzip, programmatisch umgesetzt als „Brandmauer“.
Siebtens
Der Verzicht auf Verdammung der Boomer verlagert gemäß libertärer Prämisse die Anklage auf den Staat. Den haben wir inzwischen allerdings zunehmend als Problembären kennengelernt. Durch falsche wirtschaftliche Anreize und – schlimmer noch – postdemokratische Übergriffe. Während ich jahrzehntelang politische Betrachtungen fast immer vom Staat aus perspektivierte, lässt sich heute kaum noch verdrängen, welch unheilvoll-aggressive, freiheitsbedrückende Rolle dieser häufig spielt. Völlig geschwunden ist jedenfalls die Naivität, durch das Grundgesetz sei der Einzelne vor Verfolgung hinlänglich geschützt.
Insofern sollte man das Ziel eines möglichst schlanken Staats stets im Auge behalten. Aber ich bin pessimistisch, dass der Trend uns in absehbarer Zeit einen Zustand beschert, in dem wir vor staatlicher wie technokratisch-globalistischer Dominanz geschützt sind. Unsere ständig wachsende Staatsquote hat mittlerweile wohl die 50 Prozent schon überschritten. Und ich fürchte, dass die aufziehende Wirtschaftskrise eher Verängstigte produziert, die alle Abhilfe von oben erwarten und sich geradezu brünstig in scheinbare Staatsfürsorge begeben. Für die zu beurteilenden letzten rund 60 Jahre galt ohnehin kein libertärer Rahmen.
Gleichwohl standen und stehen Einzelne in der Pflicht, sich dem vielfach verblödenden Zeitgeist auch mal zu widersetzen. Nicht jedem ist opferbereites Outing gegeben, aber es gibt auch niederschwellige Formen der Dissidenz, anonyme Unterstützung oder wenigstens ein offenes Wort im privaten Wirkungskreis. Schließlich besteht ein „Staat“ im weiteren Sinn nicht nur aus Politikern, Beamten, einer mehr oder weniger eingebetteten Justiz, zugelassenen Einflussorganen (NGOs) oder einer ihn stützenden politischen Ideologie, sondern zugleich aus Bürgern, die das Schlimmste – der Theorie nach per Wahl – verhindern können.
Eine Schuldverlagerung auf den Staat darf also nicht sämtliche Charakterschwächen oder Wurstigkeiten gegenüber gesellschaftlichen Missständen bemänteln. Wer all das, was hier an Zumutungen geschah, billigte oder kommentarlos laufen ließ beziehungsweise lässt, wird sein Gedächtnis strapazieren müssen, um reinsten Gewissens in den Tag zu leben. Die Losung „Uns geht’s ja noch gut! Und solange als Höhepunkt des Seins der Tauchurlaub auf den Malediven noch gesichert ist, mögen andere die Freiheitskastanien aus dem Feuer holen!“ ist eines Citoyens unwürdig.
Ich fasse zusammen: Soziologisch betrachtet besitzen Generationen keinen einheitlichen Willen. Methodisch sauberer wäre es, von Trends oder der jeweils herrschenden Mentalität zu sprechen. Doch auch die hat jemand geschaffen oder geduldet. Auch wo neutral von „Versäumnissen“ die Rede ist, bleibt der ernüchternde Umstand, dass die Geschichte nicht danach fragt, aus welchen Motiven heraus falsche Weichen gestellt wurden. Sie nimmt uns vielmehr für unser Tun oder Unterlassen unbarmherzig in Kollektivhaft. Denn Ursachen ziehen Konsequenzen nach sich.
Eine ehrliche Nabelschau kommt daher ohne ein gewisses Maß an differenzierter Generationskritik nicht aus. Sie trifft abgestuft zunächst die politmediale Klasse, sodann jene, die in Kenntnis des falschen Kurses unsere Gemeinschaft allzu leicht den Parteicliquen und ihren Beutejägern überlassen haben. Darüber hinaus haben sie ihren durch Regierung, NGOs und Medien umerzogenen Kindern und Enkeln durch mangelnden Widerspruch einen gesunden Generationenkonflikt erspart. Sie überhäuften sie mit scheinbaren Wohltaten und verweigerten ernsthafte Ermahnungen – eine emotionale Bestechung, die im Kern auch zur politischen Wohlstandsverwahrlosung beitrug. Sie haben, auf eine Kurzformel gebracht, malocht, aber nicht gekämpft oder die erforderliche Zivilcourage gezeigt.
Wer aber (etwa seines „guten Rufs“ wegen) einen notwendigen gesellschaftspolitischen Kampf verweigert, muss mit dessen Ausgang beziehungsweise Folgen leben. Ich verstehe zutiefst die Scheu, sich in die politische Arena zu begeben. Es ist häufig ein aufwendiges, widerwärtiges, ja unappetitliches Geschäft, zu dem man wohl mit einer Nashornhaut geboren sein muss, um nicht Schaden an der Seele zu nehmen. Aber von einem ist niemand dispensiert, Boomer wie Nachfolger: von der täglich auch unspektakulär zu tragenden Mitverantwortung für die Freiheit seiner Zeit, die ja heute bereits durch ein beschädigtes Bewusstsein von dem, was uns zusteht, ausgehöhlt ist.
Information
Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 27. Februar erscheinenden März/April-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 260.
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