11. Juli 2026
Randnotizen: Die unverschämte Lüge vom „Ärztemangel“
Gedanken über den ungesunden Lebensstil der Ärztefunktionäre
In Deutschland klagen die Patienten über Wartezeiten, die Politiker über Kostenexplosion, und die Funktionäre der ärztlichen Standesvertretung über den dramatischen Ärztemangel, den die Kassenärztliche Bundesvereinigung mit knapp 5.000 unbesetzten Hausarztsitzen beziffert. „Ärztemangel“ ist allerdings ein Alibiwort. Es suggeriert, es fehle an Bewerbern. Das Gegenteil ist der Fall.
Wenn Politiker und Krankenkassen vom „ungesunden Lebensstil“ sprechen, meinen sie typischerweise das Falsche: rauchende, sitzende, zuckerlastige Existenzen, die im Alter teuer werden. Wer keine körperliche Reserve anlege, dem fehle sie im Alter, die Kosten würden sozialisiert. Das Argument ist nicht falsch, aber kleinkariert. Es übersieht den weitaus folgenreicheren Lebensstil, der diesem Land tatsächlich die Reserven verzehrt: den Lebensstil seiner Ärztefunktionäre.
Eine Standesvertretung, die Einkommen und Status ihrer Funktionäre höher bewertet als das Vorhandensein, die Fähigkeit und die Leistungsbereitschaft zukünftiger Ärzte, betreibt im institutionellen Register exakt das, was die Gesundheitspolitik im körperlichen beklagt. Sie lebt heute auf Kosten von morgen. Die überalterte Gesellschaft wird die Rechnung erhalten, allerdings nicht in fehlender Fitness, sondern in fehlender medizinischer Reserve. Das ist der schwerere Skandal. Er wird leider praktisch nirgendwo so benannt.
In Österreich tritt das besonders grotesk zutage. Wer dort Medizin studieren will, hat sich dem MedAT zu unterwerfen, einem Aufnahmetest, dessen Ergebnis Plätze rationiert: 16.880 Anmeldungen stehen 2026 in Wien 1.950 Plätzen gegenüber. In Deutschland erfüllt der reanimierte TMS, der Test für Medizinische Studiengänge, eine vergleichbare Filterfunktion. Beide Tests haben einen privaten Vorbereitungsmarkt erzeugt. Unternehmerischer Geist und Zahlungsbereitschaft fließen also durchaus zu, allerdings nicht in eine bessere Ausbildung, sondern in sinnloses Bulimie-Lernen. Im Angesicht heutiger Werkzeuge ist das eine merkwürdige Wahl.
Wer den Test geschafft hat, darf studieren. Und wer das Studium geschafft hat, darf wieder warten. In Österreich liegen nach dem Diplom rund elf Jahre Ausbildung vor jenem Doktor, der dann tatsächlich als Facharzt praktizieren darf. Schon der Einstieg in diese Kette, die neunmonatige Basisausbildung, lässt fertige Absolventen nicht selten über ein Jahr auf einen Platz warten. Die Wartezeit ist keine medizinische Notwendigkeit, sondern eine Funktionärsleistung: Verknappung aus institutionellem Eigeninteresse, nicht aus Mangel an Bedarf oder Bewerbern.
Wer kurieren will, verliert seine energiereichsten Jahre erst in der Warteschleife und dann in einer Ausbildungskaskade, deren Länge sich aus medizinischer Notwendigkeit allein nicht erklären lässt. Wer dann arbeitet, dokumentiert: Die Ausbildungsevaluierung der Ärztekammer weist für 2024 51,6 Prozent der Arbeitszeit als Administration und patientenbezogene Dokumentation aus, 36 Prozent als direkte Versorgung. Das deutsche Bild ist nicht milder. Der Marburger Bund berichtet, dass 28 Prozent der angestellten Ärzte erwägen, die Patientenversorgung aufzugeben. Und, dass mehr als die Hälfte täglich über drei Stunden dokumentiert.
In dieses System bricht nun Künstliche Intelligenz ein. Sie wäre, richtig eingesetzt, das stärkste Werkzeug zur Entlastung des engagierten Mediziners seit dem Stethoskop: Diagnostik schärfen, Heilungshebel ausbauen, Dokumentation auf einen Bruchteil reduzieren. Sie ersetzt den Arzt nicht, sie potenziert ihn. Genau das macht den heutigen Verlust teurer als gestern: Jeder blockierte Jungarzt ist nicht mehr nur ein fehlender Arzt, sondern ein fehlender Multiplikator. Verpasste Diagnosen, verpasste Heilungschancen, verlorene Lebensjahre und verlorene Menschenleben sind dann kein abstraktes Vokabular, sondern die konkrete Bilanz dessen, was die Funktionärsmedizin gerade kostet.
An dieser Stelle springt verlässlich der Datenschutz ein. Er erschwert die Nutzung medizinischer Daten so beharrlich, dass selbst rudimentäre KI-gestützte Diagnostik in den meisten europäischen Praxen Theorie bleibt. Der Arzt wird dadurch nicht entlastet, sondern zementiert in seiner Rolle als Datenpförtner: Nur er darf an die Information, also bleibt nur er die Schnittstelle.
Die Präferenzen der Patienten, die ihre Daten überwiegend bereitwillig gegen bessere Diagnosen tauschten, spielen dabei keine Rolle. Pikant ist immerhin, dass derselbe Staat, der seine Bürger vor der Privatwirtschaft schützen will, als Datenkrake selbst die größte Gefahrenquelle bildet. Er erzeugt die Gefährdungslage und bestraft den Bürger anschließend für deren Existenz.
Es bleibt das Kassensystem. Es engt den ärztlichen Spielraum so massiv ein, dass die Arbeitsfreude kaum überleben kann, macht den Arzt vollends zum Verwalter und drängt seinen unternehmerischen Geist in enge Nischen. Im Gegenzug bläht sich der Alternativbereich weit über seine eigene Wirksamkeit hinaus auf, weil dort wenigstens Zeit, Gespräch, Aufmerksamkeit und die Abwesenheit der Kassenlogik geboten werden. Wer den florierenden Markt für alternative Beratung als reine Irrationalität der Patienten deutet, übersieht, dass er auch eine sehr rationale Reaktion auf eine apparatsmüde Schulmedizin ist.
So ergibt sich ein nüchternes Bild. Junge Menschen drängen in den Beruf, Funktionäre verknappen und dokumentieren, und die Werkzeuge, die die Diagnostik veredeln könnten, werden mit datenschutzrechtlicher Geste vom Patienten ferngehalten.
Was eingangs Ärztemangel hieß, ist also nichts dergleichen. Es ist die organisierte Verschwendung ärztlicher Lebensenergie durch eine Standesvertretung, die ihren eigenen Lebensstil pflegt, kurzfristig, statusorientiert und reserveverbrennend.
„Ärztemangel als Funktionärsleistung“ wäre die ehrlichere Überschrift. Die Patienten werden den Preis ohnehin zahlen, und zwar nicht in Statistiken, sondern in Lebenszeit.
Information
Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 26. Juni erscheinenden Jul.-Aug.-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 262.
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