02. Mai 2026
Randnotizen: Die Zukunft des Iran
Oligarchisierung als friedlicher Ausweg?
Gerade beim Iran führt die moralische Empörung oft zu einem Denken, das die Lage eher verdunkelt als erhellt. Geopolitik muss man zunächst wie ein sehr großes, sehr gefährliches Wirklichkeitsfeld betrachten, in dem individuelle Moral allein wenig bewegt. Der Einzelne gestaltet diese Kräfte kaum. Er kann sich ihnen anpassen, ihnen ausweichen, sie zu lesen versuchen – aber selten steuert er sie. Hätte ich mein Leben nach den ersten Jahren weiter im Iran verbracht und wären mir individuelle Freiheit, Privatsphäre und Selbstbestimmung auch so wichtig gewesen, dann wäre mein nüchternster Rat an mein jüngeres Selbst vermutlich gewesen: Geh so früh wie möglich. Nicht, weil Weggehen edel wäre, sondern weil es manchmal die realistischste Form ist, ein Leben nicht von einer Struktur zermahlen zu lassen, die sich nicht von innen reformieren lässt.
Einer der gefährlichsten Irrtümer in der westlichen Betrachtung ist die Vorstellung, Regime stürzten schlicht durch Straßenprotest. Das ist fast nie der Fall. Regimewechsel geschehen in der Regel dann, wenn sich innerhalb des Apparats etwas verschiebt – in der zweiten Reihe, in Fraktionen, in Teilen des Sicherheits- oder Machtapparats. Die Straße kann Druck erzeugen, sie kann Signale senden, sie kann die Erosion der Legitimität sichtbar machen. Aber sie ersetzt selten die Spaltung im Inneren des Regimes. So zerfiel auch der Sozialismus: Man sah die Menschen an der Berliner Mauer, aber es waren Teile der Eliten, die die Seiten gewechselt hatten. Darum ist es gefährlich, einen Protest so zu lesen, als beginne bereits der Sieg. Sobald man implizit von Straßenmobilisierung zu Bürgerkrieg übergeht, muss man das auch so benennen. Man kann nicht zugleich den friedlichen zivilen Protest und den bewaffneten Umsturz haben, ohne in eine furchtbare Zwischenzone zu geraten.
Es gibt Situationen, in denen bewaffneter Widerstand tragisch und dennoch nachvollziehbar sein kann. Aber man darf ihn nicht unter den Begriff einer bloß „friedlichen Bewegung“ schieben. Gerade Iran ist das besonders heikel, weil das Regime nicht nur ein ideologisches, sondern ein paramilitärisch unterfüttertes System ist.
Dass der Name des Schahs wieder aufgetaucht ist, ist nicht überraschend. Als Symbol funktioniert er sofort: Er markiert das Gegenteil des Systems, das sich ursprünglich über die Verwerfung des Schahs legitimiert hat. In diesem Sinn ist der Schah-Ruf ein Schlag gegen den Legitimationskern der Republik. Er sagt: Selbst das, was ihr einst verdrängt habt, erscheint heute vielen besser als ihr. Aber Symbole sind noch keine politische Ordnung. Ein Name kann zur Chiffre der Sehnsucht werden, ohne dass daraus bereits eine real tragfähige Struktur entstünde. Reza Pahlevi als Person hat keine militärische Struktur, keine Verankerung im Land, ist lange schon Zivilist im Westen. Genau darin liegt die Schwäche der westlich-naiven Hoffnung, man müsse nur einen legitimen Namen, freie Wahlen und ein paar gute Slogans zusammenbringen, und schon sei ein neuer Iran geboren. So funktioniert Politik nicht, schon gar nicht in einem Land, das über Jahrzehnte ideologisch, institutionell und sicherheitsstaatlich derart verformt wurde.
Hinzu kommt, dass ein erheblicher Teil des Landes keineswegs einfach „verwestlicht“ werden will. Auch im Iran gibt es weiter identitär gebundene Milieus, traditionelle Schichten, antiwestliche Reflexe, religiöse Selbstverständnisse. Man mag das bedauern oder kritisieren – aber politisch kann man es nicht wegphantasieren. Wer das Land so behandelt, als ließe es sich in einem großen nationalen Mehrheitsakt in eine westlich-liberale Form überführen, ist naiv.
Darum halte ich für einen künftigen Iran nicht die große zentrale Neuerfindung für den klügsten Weg, sondern Dezentralisierung. Verschiedene Lebensformen können nebeneinander bestehen, wenn man sie nicht auf Biegen und Brechen in eine einzige nationale Homogenität presst. Die Emirate haben, bei aller Autorität ihres Systems, etwas verstanden, was viele Demokratien vergessen haben: Man kann westlich offene Wirtschaftszonen schaffen, ohne den religiös-konservativen Teil der Gesellschaft über Nacht per Mehrheitsbeschluss zu vernichten. Man kann Sonderräume zulassen, in denen andere Regeln gelten, andere Formen des Wirtschaftens, andere Freiheitsgrade. Auf Iran übertragen hieße das: die Insel Kisch, bereits eine Freihandelszone, radikal öffnen. Hafen- und Grenzräume zu echten Sonderzonen machen. Diaspora-Kapital anziehen. Neue urbane Räume zulassen, statt Teheran immer weiter künstlich aufzublasen. Teheran funktioniert in vielem bereits wie ein gescheitertes Zentrum. Iran bräuchte nicht den nächsten top-down geplanten Prestigebau wie in Ägypten, sondern die Möglichkeit, neue Städte, neue Wirtschaftsorte, neue Übergangsräume entstehen zu lassen – auch von außen mitgetragen, durch Investoren, Rückkehrer, Unternehmer. Vor allem aber dürfte man nicht denselben Fehler nur gespiegelt wiederholen. Heute den Tschador erzwingen und morgen den Tschador verbieten – das ist dieselbe Hybris in entgegengesetzter Richtung.
Wenn man nach plausiblen Wegen aus dem Bestehenden fragt, landet man leider bei wenig romantischen Antworten. Der wahrscheinlichste Pfad eines Wandels ist kein reiner Volksaufstand, sondern ein Bruch oder eine Neuverteilung innerhalb des Systems. Die beste, weil realistischste Entwicklung wäre, dass Teile des Apparats zu Oligarchen werden – reich genug, um auf einen Teil der politischen Totalität zu verzichten. So zerfiel auch manches sozialistische System. Wenn ein Teil der herrschenden Klasse merkt, dass er in einer geöffneten Wirtschaft mehr zu gewinnen hat als in permanenter ideologischer Belagerung, dann entsteht gelegentlich ein Ausweg. Iran hätte dafür gewaltiges Potenzial.
Leider hat der offene Krieg all diese Szenarien unwahrscheinlicher gemacht. Angriffe von außen schließen Fronten, die von innen bereits brüchig waren. Und breite Zerstörung kann am Ende bewirken, was dem Regime selbst kaum noch gelang: das Land gegen einen gemeinsamen Feind zu einen.
Information
Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 24. April erscheinenden Mai/Juni-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 261.
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