25. April 2026

Make love not law Mein Friseur

Ein Abschied

von Carlos A. Gebauer

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Bildquelle: Carlos A. Gebauer KI-Gemälde von Carlos A. Gebauer: Osterpicknick der Landfrauen

Auch sechs Jahre nach der „Pandemie“-Ausrufung ist das mediale Establishment unbeirrt damit beschäftigt, die Richtigkeit und Wichtigkeit der damals jahrelangen Exzesse zu betonen. Es habe tatsächlich genau die Sondergefahr epidemischer Art geherrscht, die seinerzeit regierungsseitig behauptet wurde. Die ergriffenen staatlichen Maßnahmen seien nötig und angemessen gewesen. Keine Politik, keine Verwaltung und keine Justiz habe versagt.  

In meiner Selbstbeobachtung stelle ich erstaunt fest, dass die eigene Irritation über das Geschehene – nicht zuletzt wegen der beinharten Kritikunfähigkeit der seinerzeitigen Akteure – mit den Jahren nicht geringer wird. Sie klingt nicht ab. Die Bilder von damals werden, anders als bei wachsenden örtlichen Entfernungen üblich, nicht kleiner, sondern größer. Die Fassungslosigkeit über die Manipulierbarkeit der Massen, über die Anfälligkeit der Gruppen gegen Panikgesänge und die Erkenntnis von den Grenzen des Verstandes bei der Einhegung des monströs Unsinnigen – all das will nicht verschwinden. Je präziser sich der immer noch aufarbeitende Blick auf das Gewesene fokussiert, desto größer wird also der betrachtete Gegenstand. Das gesellschaftliche Scheitern und das staatliche Abirren wird – mitsamt allem kleinteiligen Mitläufertum und willenlosen Instrumentalisiertwerden von Millionenmassen – zunehmend riesenhafter. Das Erforschen der Abläufe lässt die Details groß und größer werden.  

Ein Teilbereich dieses zeitgeschichtlichen Teleskopierens eigener Art ist die bohrende Erinnerung an einen menschlichen Verlust von unschuldigster Qualität. Ich spreche von meinem Friseur.  

Der Mann, den ich hier Klaus nennen möchte, war im Frühling des Jahres 2020 seit knapp 29 Jahren monopolartig für meine Haare zuständig gewesen. Monat für Monat suchte ich ihn auf. Und Monat für Monat erfuhr ich bei dieser Gelegenheit Einzelheiten über den Fortgang seines Lebens. Üblicherweise samstags saß ich vormittags auf seinem Stuhl. Müde von der Woche, im Gefühl, alles gesagt zu haben, schwieg ich ihn an. Und also erzählte er, was ihn bewegte.  

Über die Jahrzehnte ereignete sich viel bei ihm, in seiner Familie, in seinem Umfeld, in seinem Geschäft. So nahm ich als zuhörender Beobachter teil an seinen Freuden, aber auch an seinen Schicksalsschlägen. Und derer gab es viele: Trauerfälle, familiäres Unglück, finanzielle Unwägbarkeiten, unbeeinflussbare Änderungen örtlicher Rahmenbedingungen. Ich empfand über die Zeit immer größere Hochachtung vor ihm. Ich bewunderte seine unbeirrte Beharrlichkeit, die Tradition seines kleinen Geschäftes gegen alle Widrigkeiten fortzusetzen. Klaus und seine Frau standen wie die sprichwörtlichen Felsen im Sturm. Trotzig meisterten sie ihre Herausforderungen, die kleinen Gängeleien der Hausbank ebenso wie die Übergriffigkeiten behördlicher Bevormundung. Dem selbständigen Unternehmer Klaus kam nie in den Sinn, die Brocken hinzuwerfen, seine Angestellten zum Teufel zu wünschen, alles zu verkaufen und sich in eine behagliche Unselbständigkeit zu verkriechen. Jeden Klotz, der ihm vor die Füße geworfen wurde, räumte Klaus geduldig beiseite. Dienstags bis samstags im Geschäft, sonntags zu Hause und montags – ohne Kunden – wieder im Laden: um die Buchführung zu machen und die nächste Woche vorzubereiten. Dass es bei alledem um seine eigene Gesundheit nie bestens stand, in einem Maß, das manchen anderen schon in die Frührente (oder in Vergleichbares) gezogen hätte, spielte keine Rolle. Klaus jammerte nie. Klaus arbeitete weiter.  

Multipliziert man meine Jahre in seinem Friseurgeschäft überschlägig mit jährlich wenigstens zehn Terminen, lägen also leicht rund dreihundert Notizzettel Stoffsammlung vor mir, hätte ich all das aufgeschrieben, was er mir erzählte. Zwar habe ich nicht ein Wort schriftlich dokumentiert. Aber die Erinnerungen an diese jahrzehntelange Fortsetzungsgeschichte haben sich naturgemäß in meiner Seele gespeichert. Wiewohl wir niemals Freunde wurden, lebten er und seine ganze große Familie in eigenwilliger Weise in meinem Herzen. Die unternehmerische Standfestigkeit des Handwerkers vor meinen Augen, seine unerschütterliche Beharrlichkeit, auch in den Jahren, als die Geschäfte ringsum schlossen, war nicht nur Gegenstand meiner Bewunderung. Mir wurde irgendwann auch klar: Dieser Ethos einzelner Unternehmer ist es, der eine gesamte Gesellschaft wirtschaftlich trägt. Wo es in jeder Straße auch nur einen einzigen Klaus gibt, da kann eine Stadt nicht im Chaos versinken.  

Dann aber kam „Corona“. Klaus wurde erschlagen von Vorschriften. Und ich erschien im Rahmen der Gesetze zu meinem nächsten turnusmäßigen Termin bei ihm. Mit der gewohnten Duldsamkeit eines tausendfach gegängelten Unternehmers hatte er die Möblierung seines Geschäftes umgruppiert. Der Durchgang in den Damensalon war nun mit einem Tisch versperrt. Auf diesem lag ein Namensverzeichnis, in das er mich schon eingetragen hatte und mit dem er mich bat, meine Anwesenheit durch Unterschrift und Zeitergänzung zu dokumentieren. Links und rechts auf dem Tisch standen – in Becher geordnet – Wälder aus Kugelschreibern. Ein großer Wald mit der Aufschrift „neu“ und ein kleiner, gekennzeichnet als „gebraucht“. Die virale Todesseuche sollte auch an den Fingerkuppen eingehegt werden. Aus den Lautsprechern unter der Decke tönte unüberhörbar WDR 2. Wie immer. Jetzt allerdings mit den wichtigen Nachrichten über die neuesten Erkenntnisse zur „Pandemie“. Mit frisch geschnittenen Haaren verließ ich den Salon. Ohne Handschlag. Sicherheitshalber.  

Zum nächsten Anschlusstermin kehrte ich zurück. Die Ausstattung des Geschäftslokals war sichtlich weiter im Kampf gegen das Virus komplettiert. Nun musste ich – den ganzen Körper sorgsam eingewickelt in Plastikfolien – zunächst von einer Assistentin an besonderer Stelle die Haare gewaschen bekommen, bevor der Schnitt auf dem vertrauten Platz möglich wurde. Die Bügel meiner pflichtgemäß getragenen Gesichtsmaske durfte ich nur für das Ausspülen von den Ohren streifen. Währenddessen war die Maske an ihrer Vorderseite mit der Hand festzuhalten. 70 wöchentliche Radiostunden mit einschlägiger Angstpropaganda hatten Klaus zu einem zeitgleich willenlosen wie willigen Instrument der Ministerpräsidentenkonferenz und ihrer Kanzlerin werden lassen. Und rund um die Handdesinfektionsspender sah tatsächlich alles ganz wissenschaftlich aus, im Haarsalon.  

Während ich zu diesem Zeitpunkt selbst bereits aus der propagierten Todesangst ausgestiegen war, zogen die Panikmacher an den Marionettenfäden meines tapferen Friseurs. Ich sah seine eigene Angst: vor dem Virus, vor dem Tod, vor den möglichen Denunzianten, aber auch an seinen breiten Schaufensterscheiben und vor den Häschern eines ordnungsbehördlichen Kontrollganges. Und ich war bei alledem hilflos. Denn mein Handwerk, meine Justiz, meine Verfassung und alle Gesetze fielen aus. Ich konnte ihm nicht zur Seite stehen.  

Ich habe diesem satanischen Eindruck aus unbeugsamer Tapferkeit, die sich mit widerstandsloser Unterwerfung mischt, nicht standhalten können. Es war das Ende meiner Besuche bei Klaus. Auch nach der Pandemie bin ich nicht zu ihm zurückgekehrt. Im Kern, weil ich mich vor ihm schäme. Weil mir mit meinem Beruf in diesen Jahren nicht gelungen ist, was er mir in Jahrzehnten vorgelebt hat: den Widrigkeiten zu trotzen und die Lage stabil zu halten.

Information

Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 24. April erscheinenden Mai/Juni-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 261.


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