26. April 2026

DeutschlandBrief Showdown am Persischen Golf

Wie sich Donald Trump mit dem Krieg gegen den Iran selbst entzauberte

von Bruno Bandulet

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Bildquelle: Sascha Koll / ChatGPT Trump blickt auf Hormuz — und auf das Scheitern (KI-generiert)

Augenschein an der Straße von Hormuz

Vor ein paar Jahren besuchten wir einen Ort, an den sich Reisende aus Europa nur selten verirren. Es war Khasab, ein kleiner Hafen in der nur 1.800 Quadratkilometer großen omanischen Exklave Musandam. Sie ragt dort in die Meerenge von Hormuz, wo sie nur 55 Kilometer breit ist. Sie trennt den Persischen Golf mit seinen enormen Öl- und Gasvorkommen vom Golf von Oman, der sich zum Indischen Ozean hin öffnet. Es war früh am Morgen, als wir Zeugen eines seltsamen Schauspiels wurden. Im Hafenbecken, in dem eine ganze Flotte von Schnellbooten ankerte, schwammen Ziegen, die nach und nach an Land kletterten und sich auf dem Areal verteilten. Dann warfen die überladenen Boote ihre Motoren an, verließen den Hafen und nahmen Kurs auf die iranische Küste. Wir fragten Einheimische und erfuhren, dass die iranischen Gäste Ziegen gegen elektronische Waren getauscht hatten. Sie brachen die von den USA gegen Teheran verhängten Sanktionen, und die omanischen Behörden schauten weg. Alltag im Orient, wo die im fernen Weißen Haus gefassten Beschlüsse so oft ins Leere laufen.

Genau hier, wo auch 2026 immer noch Ziegen aus dem Iran und Elektronik aus dem Westen gehandelt werden, stieß der von den Vereinigten Staaten und Israel am 28. Februar begonnene Krieg an seine Grenzen. Die Geographie machte Donald Trump einen Strich durch die Rechnung. Hätte er sich mit der Straße von Hormuz vertraut gemacht, dann hätte er gewusst, dass die zwei Fahrrinnen, die an normalen Tagen von 80 oder mehr Schiffen durchquert werden, nur je drei Kilometer breit sind, dass sie selbst mit bescheidenen militärischen Mitteln leicht blockiert werden können und dass amerikanische Marines die gegenüberliegende iranische Küste freikämpfen müssten, damit der Schmierstoff der Weltwirtschaft ungehindert fließen kann. Aber selbst dann könnten im Landesinneren stationierte Drohnen zum Einsatz kommen.

Weil die Iraner nach mehr als einem Monat Krieg die Karte, auf die es ankam, immer noch in der Hand hatten, musste sich Trump schließlich fast verzweifelt um eine Waffenruhe bemühen. Sie kam – zunächst für zwei Wochen – am 7. April zustande, nachdem sich die islamische Nation Pakistan als Vermittler eingeschaltet hatte. Sie kam zustande, obwohl die USA und Israel ihre selbsterklärten Kriegsziele nicht annähernd erreicht hatten. Sie hatten einen erheblichen Teil der iranischen Führungsschicht „enthauptet“, wie sie es nannten – umgehend rückte Ersatz an deren Stelle. Sie riefen das iranische Volk zum Aufstand auf – das Volk blieb ruhig, weil es gleichermaßen Angst vor der Repression des Regimes und den Bomben der Aggressoren hatte. Sie schalteten die iranische Luftabwehr aus und flogen mehr als fünf Wochen lang Einsätze gegen militärische und zivile Ziele – und doch reichte das den Persern verbliebene Arsenal, um Hormuz zu blockieren und die Energieinfrastruktur am Golf unter Beschuss zu nehmen. Washington spielte auch mit dem Gedanken, die Kurden, schätzungsweise zehn Prozent der iranischen Bevölkerung, gegen Teheran marschieren zu lassen – die Kurden wollten nicht, und die militärisch potente Türkei stellte sich quer. 

So scheiterte der dilettantische Plan eines „Regime Change“, der Plan, eine nicht gefügige Regierung durch eine amerikahörige zu ersetzen. In Venezuela war das zuvor erstaunlich schnell gelungen. Washington hatte 50.000 Dollar auf die Ergreifung des Machthabers Maduro ausgesetzt. Sein Chauffeur und zwei andere Sicherheitskräfte kooperierten mit den amerikanischen Kommandos und halfen bei seiner Entführung. Der Iran aber ist keine Bananenrepublik, die Machtstrukturen sind gesellschaftlich stärker verankert als die des 1979 gestürzten Schah. 

Wovon Netanjahu besessen ist

Die Gefahr, die insbesondere der israelische Regierungschef Netanjahu in der Islamischen Republik Iran sieht, ließe sich zuverlässig und endgültig nur durch einen Regimewechsel beseitigen. Ob der israelische und der amerikanische Kriegsherr wirklich geglaubt haben, das System werde unter den massiven Luftschlägen zusammenbrechen, sei dahingestellt. Offenbar hat Netanjahu eben das Trump eingeredet. Sie hätten Lehren aus früheren Kriegen ziehen können. Das nationalsozialistische Deutschland konnte nicht aus der Luft und nicht durch die Vernichtung ganzer Großstädte besiegt werden – und Vietnam, wo mehr Bomben abgeworfen wurden als über dem Dritten Reich, nicht einmal durch den Einsatz von Bodentruppen. 

Auch der am 8. April zunächst abgebrochene Luftkrieg konnte nur zerstören und töten. Das Problem, von dem Israels Regierungschef Netanjahu seit Jahren besessen ist, bleibt ungelöst: die Vorräte an hochangereichertem Uran. Die Ironie liegt darin, dass der langjährige Revolutionsführer, der den Bau der Bombe aus religiösen Gründen abgelehnt hatte, nämlich der Ayatollah Khamenei, den Angriffen zum Opfer fiel und dass sich die neuen Machthaber eben wegen des Krieges mehr Sicherheit durch den Bau der Bombe versprechen könnten. Der amerikanische Investigativjournalist Seymour Hersh zitierte am 7. April israelische Geheimdienstquellen, wonach mehr als 400 Kilogramm angereichertes Uran in drei weitverzweigten Tunnelsystemen lagern. Die Haupteingänge seien durch die Bombardierung verschüttet, vermutlich existierten noch andere Ausgänge. 

Durchgespielt wurde laut Hersh, wie sich amerikanische und israelische Kommandoeinheiten durch die Tunnels kämpfen könnten, um das Uran – es ist verpackt in schweren Behältern zu je drei Kilogramm – sicherzustellen. Die Kanister würden dann mit Hubschraubern zu einem geheimen US-Stützpunkt in Aserbeidschan ausgeflogen. Eine Operation, die hochriskant wäre und nach Meinung von Militärexperten etwa 1.000 Mann erfordern würde. Die Alternative bestünde in Verhandlungen mit Teheran, das weitgehende Konzessionen verlangt, zum Beispiel das Ende der Wirtschaftssanktionen. Käme ein solches, umfassendes Abkommen zustande, wäre für Persien der Weg frei zum Status der führenden Regionalmacht. 

Warum Trump einlenkte

Noch am Morgen des 7. April drohte Trump den Iranern mit Völkermord: „Eine ganze Zivilisation wird heute sterben und nie mehr wiederkommen.“ Dann ließ er sich am selben Tag doch noch auf eine Feuerpause ein, um sich aus dem Dilemma zu befreien, in das er sich selbst manövriert hatte. Denn eine Fortsetzung des Krieges hätte die Weltwirtschaft in die Depression gestürzt, einen Crash an der Wall Street ausgelöst, Amerikas Ansehen in Europa und dem globalen Süden auf das Schwerste beschädigt und die Republikaner bei den Kongresswahlen im Herbst abstürzen lassen. 

Trump hatte das Weiße Haus mit dem Versprechen einer konservativen Kulturrevolution und mit der Beteuerung, keine neuen Kriege anzufangen, erobert. Dass er Geschäfte machen wollte, anstatt Kriege anzuzetteln, war durchaus glaubhaft. Dass sich Teile der Maga-Bewegung jetzt verraten fühlten, musste Trump ernst nehmen. Es war kein Zufall, dass er mit den Verhandlungen einen seiner wenigen seriösen Mitstreiter betraute: den Vizepräsidenten J. D. Vance. Der hatte Trump in den internen Besprechungen im Weißen Haus eindringlich davor gewarnt, sich auf einen Krieg einzulassen. Aber auch Vance musste wissen, dass die amerikanischen und iranischen Positionen und Forderungen fast unüberbrückbar weit auseinanderlagen, jedenfalls zum Zeitpunkt der fragilen Feuerpause. 

Saßen die Iraner zuletzt am längeren Hebel? In mancher Hinsicht ja, auch wenn sie militärisch um Jahre zurückgeworfen wurden. Sie sagten am 7. April zu, die Straße von Hormuz zunächst wieder zu öffnen. Aber sie wollten die Kontrolle über das Nadelöhr des Öl- und Gashandels behalten. Alles Weitere war Sache von Verhandlungen. Verlierer sind die Monarchien am Persischen Golf. Sie hatten sich amerikanische Stützpunkte ins Haus geholt. Sie hatten sich auf eine amerikanische Sicherheitsgarantie verlassen, die sich als ziemlich wertlos erwies, als der Ernstfall eintrat. Beschädigt ist auch die Nato, deren europäische Mitglieder („nicht unser Krieg“) zum ersten Mal unmissverständlich auf Distanz zum Hegemon gingen. Trump, ein schlechter Stratege und noch schlechterer Diplomat, hätte gut daran getan, die Geographie der Straße von Hormuz ins Kalkül zu ziehen und, besser noch, das damals funktionierende Atomabkommen mit dem Iran nicht in seiner ersten Amtszeit am 8. Mai 2018 einseitig aufzukündigen. Jetzt ist der Mann, der vom Friedensnobelpreis träumte, entzaubert.

Information

Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 24. April erscheinenden Mai/Juni-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 261.


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