28. Februar 2026
DeutschlandBrief: Riss durch Europa
Die Ukraine zwischen Krieg und Frieden
von Bruno Bandulet
450 gegen 143 Millionen: Die Rede von einer neuen Erbfeindschaft
Ende 2025, als der Krieg in der Ukraine noch tobte, herrschte bittere Feindschaft zwischen der Großmacht im Osten und den Europäern, genauer: den mit der Ukraine verbündeten maßgeblichen Regierungen der EU. Russophobie hier, Verachtung europäischer Dekadenz dort, und auf beiden Seiten schrille Kriegspropaganda, die die Rückkehr zur friedlichen Koexistenz auf dem Kontinent so gut wie auszuschließen schien. Außenminister Sergei Lawrow zog erstaunliche historische Parallelen und verglich die Machthaber der EU mit Napoleon und Hitler – auch die hätten die Europäer gegen Russland mobilisiert. Im Westen wurde ebenfalls aufgerüstet und die Gefahr eines großen Krieges an die Wand gemalt. Mark Rutte, Generalsekretär der Nato, behauptete am 11. Dezember in Berlin: „Wir sind Russlands nächstes Ziel.“ Er sprach von einem möglichen Konflikt „in der Größenordnung des Krieges, wie ihn unsere Großeltern und Urgroßeltern mitgemacht haben“. Schon vorher hatte der deutsche Außenminister Johann Wadephul eine neue Erbfeindschaft ausgerufen: „Russland wird immer unser Feind sein.“ Und sein Chef, der deutsche Bundeskanzler, ließ sich im September 2025 den beängstigenden Satz einfallen: „Wir sind nicht im Krieg, aber wir sind auch nicht mehr im Frieden.“
Die Europäer, zumindest die sogenannte Koalition der Willigen um Friedrich Merz, Emmanuel Macron und Keir Starmer, hatten sich offenbar auf einen neuen Kalten Krieg oder vielleicht sogar auf einen heißen Konflikt eingerichtet. Die Europäer hatten Russland verloren und zugleich misstrauten sie der Regierung Trump, die mit der Außen- und Europapolitik ihrer Vorgänger radikal gebrochen hatte. 450 Millionen EU-Europäer gegen 143 Millionen Russen, ein Bruttoinlandsprodukt von 14,4 Billionen Dollar gegen ein solches von 2,2 Billionen – beziehungsweise 20 gegen sieben Billionen, wenn die jährliche kaufkraftbereinigte Wirtschaftsleistung zugrunde gelegt wird. Da wirtschaftliche Stärke zwar nicht den alleinigen, aber den letzten Endes wichtigsten Machtfaktor darstellt, müsste Mark Rutte die Frage beantworten, mit welchen Erfolgsaussichten dieses Russland die EU der 27 angreifen sollte und warum. Zugleich ist die Logik eines Donald Trump schwer zu widerlegen, die ungefähr so lautet: Warum braucht es 340 Millionen Amerikaner, um 450 Millionen Europäer gegen 143 Millionen Russen zu verteidigen? Der Mann im Weißen Haus meint, die bequem gewordenen Europäer sollten – unter amerikanischer Aufsicht – künftig für ihre eigene Sicherheit sorgen.
1990: Als der Kalte Krieg für immer enden sollte
So wie die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts hatte auch der bislang blutigste Landkrieg in Europa seit 1945 eine lange Vorgeschichte mit Weichenstellungen, die sich später als fatal herausstellten. Eine Vorgeschichte, die zurückgeht auf das Jahr 1990, als der Kalte Krieg zu Ende ging, als sich Moskau aus den 1945 eroberten Gebieten zurückzog, als die europäische Landkarte mit der Wiedervereinigung Deutschlands neu gezeichnet wurde.
Als die Frage der deutschen Wiedervereinigung auf der Tagesordnung stand, waren es drei der vier Siegermächte, die sie zunächst zu verhindern suchten: Großbritannien, Frankreich und die Sowjetunion. Nur die USA sahen in einem größeren Deutschland eine Stärkung ihrer Position in Europa, aber nur, wenn Deutschland in der Nato bliebe. Der sowjetische Staatschef Gorbatschow weigerte sich noch im Dezember 1989, die sowjetische Kriegsbeute, die DDR, herauszugeben, bestand dann aber nur noch darauf, dass das wiedervereinigte Deutschland nicht der Nato angehören werde. Schließlich willigte er doch ein – US-Außenminister James Baker sagte ihm im Kreml zu, dass die Nato „keinen Zoll nach Osten“ („not one inch eastward“) vorrücken werde. Am 30. Januar 1990 gab Gorbatschow sein Plazet zur Wiedervereinigung, einen Tag später versicherte Außenminister Hans-Dietrich Genscher in Tutzing: „Es wird keine Ausdehnung des Nato-Territoriums nach Osten geben, das heißt in Richtung der Grenzen der Sowjetunion.“ Zwei Tage später sagte er in Washington, beide Allianzen – Nato und Warschauer Pakt – sollten Teil eines „neuen Europäischen Sicherheitssystems“ werden.
Damit war Moskau einverstanden. Margaret Thatcher und François Mitterrand konnten die Dynamik, die zur deutschen Einheit führte, nicht mehr stoppen. Frankreich wurde besänftigt, indem Helmut Kohl die D-Mark zugunsten einer europäischen Einheitswährung opferte. Und die Bundesregierung finanzierte den Abzug der Roten Armee aus Deutschland. Es war das letzte Mal, dass Moskau Geld von den Deutschen wollte.
Mit dem, was Genscher in Tutzing sagte, würde er heute als Russland-Versteher gelten. Nach seiner Meinung „sollte die sowjetische Führung wissen, dass wir auch ihre Sicherheitsinteressen im Auge behielten und ernsthaft um eine Entfeindung im Verhältnis zueinander bemüht waren“. Sein Konzept für eine europäische Ordnung, seine Bereitschaft, sich in die Lage der Gegenseite zu versetzen, traf auf offene Ohren in Moskau. Damit konnte Gorbatschow die Hardliner, die es im russischen Machtapparat auch gab und die sich dem Abzug aus der DDR widersetzten, ausmanövrieren.
In den 90er Jahren stellte sich heraus, dass die Falken in Washington den Deal nicht honorieren würden. Es war die Zeit, in der Russland verarmte und von der neuen Klasse der Oligarchen ausgeplündert wurde. Boris Jelzin, Darling des Westens und Insolvenzverwalter Russlands von 1991 bis 1999, erinnerte den US-Präsidenten Bill Clinton am 15. September 1993 ganz höflich an den „Geist von 1990“ und plädierte noch einmal für ein „wirkliches pan-europäisches Sicherheitssystem“. Als Clinton im Januar 1995 die Nato-Expansion „unvermeidlich“ nannte und im Mai nach Moskau fuhr, explodierte Jelzin: „Ich sehe nichts als Erniedrigung für Russland, wenn du so weitermachst.“ Jelzin beklagte eine „neue Form der Einkreisung“ und einen „Verrat am russischen Volk“.
Ein Jahr später hatte er in seinem Büro im Kreml Statuen von Peter dem Großen, Katharina der Großen und Alexander II. aufgestellt. Drei Jahre später installierte er den Mann aus St. Petersburg als seinen Nachfolger. Auf Elend und Depression folgte das Wirtschaftswunder, Russland kehrte zurück auf die Weltbühne.
2008, 2014, 2022: Als Europa Russland verlor
Es war nicht so, dass Wladimir Putin mit einer imperialistischen Agenda antrat. 2001 feierte ihn der Deutsche Bundestag, 2009 vereinbarte er mit der EU eine umfassende Zusammenarbeit: die Rohstoffe aus Russland, die Industrieprodukte aus dem Westen. Noch 2010 machte sich Putin stark für eine Europäische Wirtschaftsgemeinschaft von Lissabon bis Wladiwostok. Nord Stream wurde zum Symbol für eine für beide Seiten profitable Zusammenarbeit. Auch die Pipeline hatte eine Vorgeschichte, die bis in die letzten Jahre der Regierung Adenauer zurückreicht. Damals sicherte sich die noch florierende westdeutsche Stahlindustrie mitten im Kalten Krieg einen Großauftrag: sie würde die Röhren liefern, mit denen die neuen Gasvorkommen in Westsibirien erschlossen werden sollten. Das Geschäft wurde von der Regierung Kennedy verhindert und später doch noch von der Regierung Willy Brandt durchgesetzt. Mannesmann und Thyssen produzierten die Röhren und die Ruhrgas AG konnte 1973 das erste Gas aus Russland einführen. 2021 erreichte der russische Anteil an den deutschen Gasimporten 57 Prozent. Washington missfiel die Energiepartnerschaft, und der Streit eskalierte, als der US-Senat im Juni 2020 ein Gesetz gegen Nord Stream 2 beschloss und mit Sanktionen drohte. Noch wehrte sich die Bundesregierung gegen Eingriffe in die Souveränität Deutschlands. Am 26. September 2022 wurden drei der vier Röhren in der Nähe von Bornholm gesprengt. Der frühere polnische Außenminister Radoslaw Sikorski twitterte: „Thank you, USA.“ Da war der Wirtschaftskrieg des Westens gegen Russland schon in vollem Gange, und russische Truppen waren bereits in die Ukraine einmarschiert.
Ob es so weit gekommen wäre, kann bezweifelt werden, wenn die Ukraine an ihrem neutralen Status festgehalten hätte, wenn die Nato nicht 2008 in Bukarest die Aufnahme Georgiens und der Ukraine beschlossen hätte, wenn der Putsch in Kiew 2014 nicht eine amerikahörige Regierung an die Macht gebracht hätte. 14 Jahre nach Bukarest schrieb der Historiker Michael Stürmer in der „Welt“ über den damaligen Beschluss: „Was für Russland eine Frage von Sein oder Nichtsein war, war für die westliche Staatenwelt eine fast beiläufige Entscheidung. Ihr Gewicht indessen ergab sich für russische Strategen aus Geschichte, Geographie und alten Ängsten. Die Nato-Versprechen reichten damals aus, Russland zu verlieren.“ Russland zurückzugewinnen, ohne die Europäer zu verlieren, ist Inhalt der im vergangenen November veröffentlichten Nationalen Sicherheitsstrategie der USA.
Was seit 2014, dem Jahr des Umsturzes in Kiew, falsch gelaufen ist, war mehr als einmal Thema im DeutschlandBrief. Als sich die Nato zwar nicht de jure, aber de facto in der Ukraine, dem russischen Kernland am Dnjepr, festsetzte, war aus Sicht des Kreml die ultimative rote Linie überschritten. Erst Donald Trump distanzierte sich von der alten Politik, er spricht von „Bidens Krieg“. Merz, seine Verbündeten und der jetzt mächtig aufblühende militärisch-industrielle Komplex verdrängen, dass auch dieser Krieg eine komplexe Vorgeschichte hatte. Dass Russland der Aggressor war, stimmt, beantwortet aber nicht die Frage, wie damit umgegangen wird und was darauf folgen soll. Wenn so viel Vertrauen zerstört wurde, ist es schwer zurückzugewinnen. Russland wieder in die Weltwirtschaft zu integrieren und Europa einschließlich Russland strategisch zu stabilisieren, so das Ziel der neuen US-Sicherheitsstrategie, sind vernünftige Ansatzpunkte für den großen Ausgleich. Wiederaufzubauen, in Deals zu denken und Geschäfte zu machen, ist immer noch besser, als neue Kriege herbeizureden.
Information
Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 27. Februar erscheinenden März/April-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 260.
Anzeigen
Kommentare
Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.
Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.
Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.


