07. Juni 2026
Therapeutische Phänomenologie: Peter S. Reznik liest Gesichter
Eine Andeutung von Zusammenhängen zwischen Form und Ausdruck
von Bettina Lohr
Sind Sie mit der Praxeologie vertraut? Falls nicht, sei sie hier kurz eingeordnet. Pierre Bourdieu untersuchte die Gewohnheiten und Verhaltensweisen von Menschen innerhalb sozialer Systeme und zeigte, wie diese durch alltägliches Handeln fortgeschrieben werden. Dabei rekonstruierte er Handlungslogiken und Muster, ohne ihnen vorschnell eine bereits bekannte rationale Ursache teleologisch zuzuschreiben. In dieser Art richtet auch die Praxeologie, die Methodik, die er damit begründete, den Blick zunächst nicht auf das „Warum“, sondern auf das „Wie“ menschlichen Handelns. Sie zeigt uns, dass wir nicht alles von Anfang an komplett durchdringen müssen, dass nicht alles uns bekannten Logiken unterliegen muss, damit es dennoch ordnend wirksam sein kann. Daraus ergibt sich eine gewisse Anschlussfähigkeit an das libertäre Prinzip der Nicht-Einmischung: Ordnung kann entstehen, ohne dass fremde Lebensentwürfe verstanden, bewertet oder reguliert werden müssen, und wohlwollende Ignoranz wird zur Haltung.
Aber was hat das mit Phänomenologie zu tun? Praxeologie und Phänomenologie teilen die grundlegende Annahme, dass menschliches Handeln sinnhaft ist, selbst dann, wenn dieser Sinn nicht einmal dem Handelnden selbst zugänglich ist. Während der Praxeologe diesen Gedanken heranzieht, um soziale Ordnung zu erklären und – insbesondere im Fall organisch entstandener Strukturen – zu legitimieren, wendet sich der Phänomenologe an das Individuum und spricht ihm und seinem Verhalten einen Sinn zu, auch wenn dieser ihm selbst noch nicht bewusst ist. Der Praxeologe Andreas Tiedtke entwarf in seinem Buch „Der Kompass zum lebendigen Leben“ eine Philosophie, die es ermöglichte, dem Einzelnen nicht seine Rationalität absprechen zu müssen, nur weil er sich gängigen Deutungsrastern entzieht. Diese Perspektive wirkte deshalb so befreiend, weil sie einem verbreiteten Narrativ widersprach: der Annahme, menschliches Handeln lasse sich im Wesentlichen auf einen Dualismus zwischen möglichst rationaler persönlicher Entscheidung und Fremdbestimmung reduzieren. Der Mensch erscheint darin vor allem als anfällig für Letzteres, automatisch von Systemen geformt und letztlich ohnmächtig gegenüber äußeren Zwängen. Der einzige Ausweg wäre das Binden an das eine und einzige, was Wahrheit ermögliche – die Vernunft.
Tiedtke erklärte jedoch plausibel, dass das Handeln immer einem Prinzip folgt, dieses Prinzip aber nicht immer von außen als Vernunft zu identifizieren ist –, dass Ordnung nicht notwendigerweise Zwang bedeutet und dass Menschen durchaus strukturell Einfluss auf ihre gesellschaftliche und persönliche Situation ausüben, auch wenn es ihnen nicht so erscheinen mag.
Was uns von der Praxeologie zur Phänomenologie führt.
Eine Gesellschaft besteht aus einer Vielzahl handelnder Individuen. Die zentrale Frage lautet daher: Wie ist es möglich, dass diese Individuen füreinander verständlich und in ihrem Handeln zumindest in Grundzügen vorhersehbar bleiben? Wie kann Ordnung entstehen, ohne ausschließlich auf Rationalität oder auf Zwang zurückzugreifen? Wie ist es möglich, Fairness herzustellen, wenn wir gleichzeitig annehmen müssen, dass wir nach unterschiedlichen Prinzipien handeln, die uns nie alle bekannt sein werden?
Voraussetzung dafür, dass das funktionieren kann, ist zunächst die Fähigkeit des Einzelnen, die Realität wahrzunehmen und anzuerkennen, Widersprüche zum eigenen Weltbild auszuhalten und eigene Vorurteile zurückzustellen. Genau hier setzt die Phänomenologie an. Sie fordert, das Erleben des Anderen zunächst als sinnvoll gegeben zu akzeptieren, auch wenn die Logik dahinter noch nicht vollständig verstanden wird.
Edmund Husserl, der Begründer der Phänomenologie, formulierte diesen Anspruch mit der Forderung, sich wieder den Dingen selbst zuzuwenden, anstatt Wahrnehmung vorschnell durch theoretische Deutungen zu überformen. Martin Heidegger vertiefte diesen Ansatz, indem er den Menschen nicht als mentales Konstrukt oder Symptombündel verstand, sondern als Dasein: als ein Sein, das immer schon in der Welt steht, in Beziehung zu anderen, zu Zeit, Sinn und Geschichte. Daraus ergibt sich eine ebenso einfache wie anspruchsvolle Konsequenz: den Menschen nicht primär erziehen oder korrigieren zu wollen, sondern anzuerkennen, dass sein Leben auf anderen Strukturen fußt und entsprechend zu anderen Ergebnissen führen muss.
Peter S. Reznik, selbst Phänomenologe, verfügt über eine psychotherapeutische Ausbildung, hat sich jedoch im Laufe seiner beruflichen Praxis bewusst von den dort vermittelten methodischen Ansätzen distanziert. Diese Abkehr ist nicht primär als Folge wissenschaftstheoretischer Kritik zu verstehen, auch wenn solche Einwände eine Rolle gespielt haben mögen. Ausschlaggebend war vielmehr seine eigene klinische Erfahrung, sein Erleben, dass ihm die Diskrepanz zwischen dem theoretischen Anspruch seiner Ausbildung und der praktischen Wirksamkeit der dort gelernten Methoden tagtäglich neu vor Augen hielt.
Im Zwiegespräch erläutert er mir seine neue Herangehensweise ans menschliche Dasein und Erleben: „In meiner Praxis arbeite ich ohne psychologische Theorien – nicht, weil sie falsch wären, sondern weil sie das Erlebte überlagern und unzugänglich machen. Sie können ordnen, aber auch blenden, und verführen dazu, Kategorien zu sehen, statt den Menschen. Warum Menschen sind, wie sie sind, werden wir vielleicht nie vollständig wissen. Sicher ist nur ihr Schmerz.“
Ich nicke, hake aber nach. „Trotzdem, ganz nutzlos können diese Theorien doch nicht sein? Wenn Sie dieses Wissen nicht nutzen, heißt das dann nicht, dass Sie sich selbst verbieten, bekannte Muster zu sehen? Wie helfen Sie Ihren Patienten, wenn Sie nicht auf wissenschaftlich belegte Zusammenhänge aufmerksam machen?“
Reznik schüttelt den Kopf. „Nur wenige unserer Entscheidungen treffen wir bewusst und vernünftig. Das weiß ich auch ohne Studien zu zitieren, aber ich habe gelesen, es seien wohl nur fünf Prozent unserer Handlungen, die bewusst passieren. Und doch will uns die Psychologie erzählen, dass all unsere Entscheidungen rational durchdrungen werden können? Das ist doch lächerlich! Unser Handeln folgt einem Prinzip, keine Frage. Aber wir sind weitaus weniger rational, als wir von uns annehmen. Und leider verschließt sich die Wissenschaft, so wie ich sie kennengelernt habe, allem, was ihren bekannten Prinzipien widerspricht.“
„Aber“, frage ich verwirrt nach, „heißt das, Sie stellen infrage, dass wir rational handeln können? Ist das zielführend? Es ist doch wichtig, Ursache und Wirkung rational festzumachen, damit man nicht denselben Fehler wiederholen muss.“
„Richtig. Wenn du eine Entscheidung aufgrund deiner Vernunft getroffen hast, sie dir also zunächst zugänglich war und du sie bewusst getroffen hast, dann kannst du sie rational untersuchen und zukünftig anders handeln. Aber wie ich ja schon gesagt habe, sind das die wenigsten unserer Entscheidungen. Die meisten treffen wir aufgrund einer anderen Verhaltenslogik. Und da sitzen dann Patienten beim Therapeuten und suchen nach rationalen Gründen in ihrem Unterbewusstsein oder ihrer Kindheit, wo keine sind, und drehen sich im Kreis.“
„Andere Verhaltenslogik?“, frage ich nach.
„Da gibt es einige, nicht nur die Vernunft. Um einen Menschen wirklich zu verstehen, muss man alle Sinne nutzen, die man hat: Natürlich die Vernunft, aber auch den Willen, die Intuition und die Vorstellungskraft. Und man muss die Realität wahrnehmen und deuten, etwa Nachtträume oder auch das Äußere über die Morphologie.“
„Was ist das – Morphologie?“
„Das ist die Lehre vom Zusammenhang zwischen Form und Ausdruck. Vereinfacht könnte ich auch ‚Gesichtslesen‘ sagen, wenngleich eigentlich noch viel mehr darunterfällt als nur das Gesicht. Mit den Informationen, die mir die Morphologie über einen Menschen gibt, gebe ich meinen Patienten einen Sinn für ihr Verhalten, worauf wir dann aufbauen können. Dabei geht es nicht darum, denjenigen hin zu einem ‚Normal‘ zu korrigieren, sondern das Erlebte verständlich zu machen, in seiner Logik ernst zu nehmen und nutzend zu integrieren.“
„Interessant!“, sage ich und frage nach: „Aber bekommen Sie dann nicht massiven Widerstand aus der etablierten Wissenschaft?“
Der Doktor schaut ein wenig abschätzig: „Teils, teils. Entscheidend ist das für mich aber nicht. Ich arbeite in eigener Verantwortung, forsche unabhängig und versuche, phänomenologisches Denken so anzuwenden, dass es den Menschen in ihrem Leben weiterhilft. In meiner New Yorker Praxis habe ich damit bisher Erfolg gehabt. Gerade bin ich dabei, mein Wissen auch an Laien weiterzugeben. Damit möchte ich zur psychischen Heilung unserer Gesellschaft beitragen. Denn wenn der Geist krank ist, verdirbt alles andere auch.“
„Wie und wo kann man Sie finden?“, frage ich, und er nennt einen Youtube-Kanal, einen Podcast sowie Beiträge und Bücher, die künftig auch auf Deutsch erscheinen sollen.
Erst einige Zeit nach dem Gespräch stellt sich eine Verbindung her, die mir zuvor nicht bewusst war. Ich erinnere mich an einen Vortrag von Markus Vahlefeld, in dem er der Zeit, in der wir leben, eine zunehmende Wirklichkeitsverfinsterung diagnostiziert hatte: eine Situation, in der Sprache, Deutungsmuster und Ideologismen dazu beitragen, dass Fakten nicht mehr wahrgenommen werden, wenn sie nicht ins Weltbild passen. Wissenschaft bewege sich heute immer häufiger in geschlossenen Echokammern, in denen nicht mehr Erkenntnis erzeugt, sondern vor allem bestehende Überzeugungen – insbesondere die der Eliten – bestätigt würden. Diese Entwicklung, so denke ich mir, hat wohl zu der Krise der Wissenschaft geführt, die zuletzt in der Coronazeit ihre hässliche Fratze gezeigt hat – ein Problem, das offensichtlich nicht nur Deutschland beschäftigt.
Umso wertvoller, denke ich mir, ist dabei aber auch derjenige, der den Zugang zur Erkenntnis und Realität für andere wiederherstellt. Und da beunruhigt es mich überhaupt nicht, dass Dr. Reznik innerhalb der therapeutischen Landschaft als Exzentriker wahrgenommen wird. Im Gegenteil halte ich es sogar für wahrscheinlich, dass er mit seinem Ansatz insbesondere in Deutschland auf ein erhebliches Bedürfnis und damit auf hohe Nachfrage stoßen wird.
Information
Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 24. April erscheinenden Mai/Juni-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 261.
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