06. Februar 2026

Schuld und Unschuld der Boomer Apell zur Besinnung

Eine libertäre Betrachtung generationeller Verantwortung

von Bettina Lohr

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Bildquelle: Sascha Koll / ChatGPT Zwischen Anklage und Verantwortung: Generationen werden gegeneinander ausgespielt – doch Schuld trägt nur das Individuum.

Der Begriff „Boomer-Schuld“ geistert durch die politischen Debatten unserer Zeit wie ein Gespenst der Kollektivschuld. Doch kann eine ganze Generation schuldig sein? Und wenn ja, woran? Eine genauere Betrachtung offenbart die intellektuellen Fallstricke dieser Diskussion – und warum sie fundamentale Prinzipien individueller Verantwortung untergräbt.

Das Dogma der Generationenschuld

„Die Boomer haben uns den Planeten ruiniert.“ – „Sie haben die Renten geplündert.“ – „Ihre Politik hat uns die Zukunft gestohlen.“ Solche Vorwürfe prägen den generationellen Diskurs. Doch diese Anschuldigungen beruhen auf einem gefährlichen Trugschluss: der Vorstellung, dass Kollektive einen einheitlichen Willen besitzen und als solche zur Rechenschaft gezogen werden können.

Diese Denkweise ist keineswegs neu. Sie folgt dem gleichen Muster wie andere historische Kollektivschuldzuweisungen – seien es die Juden als Sündenböcke für wirtschaftliche Krisen oder ganze Völker für die Verbrechen ihrer Regierungen. Stets wird dabei eine abstrakte Gruppe für konkrete Übel verantwortlich gemacht, als ob sie mit einer Stimme gesprochen und mit einem Willen gehandelt hätte.

Das Individuum als Träger von Schuld

Aus libertärer Sicht ist diese Betrachtungsweise fundamental falsch. Schuld und Unschuld, Verantwortung und Verdienst – all diese Kategorien können nur auf das Individuum angewendet werden, niemals auf ein Kollektiv. Ein Auto ist nicht böse, wenn es einen Unfall verursacht. Eine Waffe ist nicht schuldig, wenn sie zum Mord verwendet wird. Diese Objekte sind Werkzeuge, die dem Willen handelnder Subjekte unterworfen sind. Nur diese Subjekte – konkrete, individuelle Menschen – können moralisch beurteilt werden.

Dasselbe gilt für Generationen. „Die Boomer“ sind keine handelnde Einheit, sondern eine statistische Kategorie von Millionen unterschiedlicher Individuen mit verschiedenen Überzeugungen, Entscheidungen und Lebenswegen. Unter ihnen finden sich Sozialdemokraten und Libertäre, Umweltaktivisten und Industrielle, Pazifisten und Kriegsbefürworter. Sie alle über einen Kamm zu scheren bedeutet, die Komplexität menschlicher Existenz auf eine absurde Weise zu reduzieren.

Die Illusion der demokratischen Verantwortung

Vielleicht, so könnte man einwenden, geht es nicht um individuelle Schuld, sondern um kollektive Verantwortung. Haben die Boomer nicht demokratisch gewählt und damit die Politik mitbestimmt, die zu den heutigen Problemen geführt hat?

Auch dieser Einwand greift zu kurz. In einem demokratischen System entscheidet die Mehrheit über alle – auch über jene, die anders gewählt oder gar nicht gewählt haben. Die Meinung des Einzelnen verschwindet im kollektiven Willensbildungsprozess. Wer als Einzelner gegen den Mainstream gestimmt hat, kann schwerlich für die Folgen der Mehrheitsentscheidung verantwortlich gemacht werden.

Wahre Verantwortung setzt voraus, dass Menschen tatsächlich wählen können – nicht nur zwischen verschiedenen Varianten des Staatsinterventionismus, sondern zwischen grundlegend verschiedenen Gesellschaftsmodellen. In einer libertären Ordnung mit konkurrierenden Rechtsgemeinschaften hätten Individuen echte Wahlmöglichkeiten. Sie könnten sich für jene Gesellschaftsform entscheiden, die ihren Überzeugungen entspricht. Und sie würden dann auch die Konsequenzen ihrer Wahl tragen.

Der wahre Ursprung der Probleme

Zweifellos wurden in der Vergangenheit Entscheidungen getroffen, die zu den heutigen Problemen beigetragen haben. Der kontinuierliche Ausbau des Wohlfahrtsstaates, die Ausweitung staatlicher Regulierung, die Verschuldungspolitik – all dies hat Deutschland in seine gegenwärtige Lage gebracht. Doch diese Entscheidungen wurden nicht von „den Boomern“ als Generation getroffen, sondern von konkreten Politikern und ihren Unterstützern.

Die eigentliche Trennlinie verläuft nicht zwischen den Generationen, sondern zwischen den Weltanschauungen: zwischen jenen, die auf staatliche Lösungen setzen, und jenen, die dem Markt vertrauen; zwischen Kollektivisten und Individualisten; zwischen Etatisten und Libertären. Ein Boomer, der Zeit seines Lebens für freie Märkte und begrenzte Regierung eingetreten ist, trägt keine Schuld an den Folgen sozialdemokratischer Politik – auch wenn seine Generation mehrheitlich anders gewählt haben mag.

Die Gefahr des Generationenkampfes

Die Schuldzuweisung an ganze Generationen ist nicht nur intellektuell unredlich, sondern auch politisch gefährlich. Sie lenkt von den wahren Ursachen der Probleme ab und verhindert sinnvolle Reformen. Anstatt über die Grundlagen unseres Wirtschafts- und Gesellschaftssystems zu diskutieren, verschwendet man Energie in einem unfruchtbaren Generationenkonflikt. Schlimmer noch: Diese Rhetorik untergräbt das Prinzip individueller Verantwortung, das für eine freie Gesellschaft fundamental ist. Wer Kollektive für schuldig erklärt, bereitet den Boden für kollektive Bestrafung – und damit für Ungerechtigkeit.

Ein Appell zur Besinnung

Die jüngere Generation täte gut daran, aus der Geschichte zu lernen, anstatt sie zu verurteilen. Viele der heute kritisierten Entscheidungen wurden in bestem Glauben getroffen, mit dem Wissen und den Möglichkeiten der jeweiligen Zeit. Und viele junge Menschen machen heute dieselben Denkfehler wie ihre Vorgänger – nur mit anderen Vorzeichen.

Wer wirklich Veränderung will, sollte nicht mit dem Finger auf Vergangenes zeigen, sondern konkrete Alternativen aufzeigen. Die libertäre Bewegung bietet solche Alternativen: begrenzte Regierung, freie Märkte, individuelle Verantwortung. Aber sie muss von Menschen aller Generationen getragen werden, die bereit sind, über ideologische Gräben hinweg für die Freiheit einzutreten.

Fazit: Jenseits von Schuld und Sühne

Es gibt keinen kollektiv schuldigen Boomer, genauso wenig, wie es eine kollektiv unschuldige junge Generation gibt. Es gibt nur Individuen mit ihren jeweiligen Entscheidungen und Überzeugungen. Die Probleme unserer Zeit sind nicht das Werk einer Generation, sondern das Ergebnis falscher Ideen – Ideen, die von Menschen aller Altersgruppen geteilt und vorangetrieben wurden und werden.

Der Weg zu einer besseren Zukunft führt nicht über Anklage und Verurteilung, sondern über das Verstehen und Überwinden dieser Ideen. Dazu sind alle aufgerufen – Boomer wie Millennials, GenX wie GenZ. Denn Freiheit ist kein Generationenprojekt, sondern eine immerwährende Aufgabe für jeden, der sie zu schätzen weiß.

Information

Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 22. Dezember erscheinenden Jan.-Feb.-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 259.


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Dossier: Liberalismus

Autor

Bettina Lohr

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