04. Juli 2026

Nachruf auf Antony P. Mueller Handlungsreisender für die Freiheit

Ein Riese, der unermüdlich international im libertären Einsatz stand

von Burkhard Sievert

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Bildquelle: Hochkultur (YouTube) Feiner Mensch: Anthony P. Mueller auf dem Afuera-Fest 2025 (22.02.1948–24.05.2026)

Plötzlich und unerwartet ist Professor Dr. Antony Peter Mueller am 24. Mai 2026 verstorben. Noch am 20. Mai stand ich mit ihm elektronisch in Kontakt. Die Nachricht von seinem Tod traf mich daher umso mehr. Persönlich kannten wir uns seit dem Afuera-Fest in Regensburg im August 2025. Sein Name war mir schon lange zuvor bekannt. Im September 2025 war er bei der Atlas-Initiative in Köln zu Gast. Als Sektionsleiter hatte ich die Gelegenheit, ihn dort näher kennenzulernen. Sein Vortrag trug den Titel „Rückkehr zum Wirtschaftswachstum: Zeigt Milei Argentinien den Weg?“. Der Vortrag und die anschließende Fragerunde machten deutlich, dass er nicht nur ein ausgewiesener Kenner der Österreichischen Schule, sondern auch ein überzeugter Verteidiger der Freiheit war.

Bereits am Vortag begleitete ich ihn nach Bonn, wo er vor einer katholischen Mittelstandsvereinigung über die Österreichische Schule referierte. Auf der Fahrt dorthin empfahl er mir Paul Feyerabends Werk „Wider den Methodenzwang“, das ich erst vor kurzem erworben habe. Meinen Artikel „Weltbürger für die Freiheit“ über Anthony de Jasay in eigentümlich frei kommentierte er in einer Nachricht mit den Worten: „Hervorragend. Habe sein Buch über den Staat zwar schon gelesen, aber wusste nicht viel über seinen Werdegang.“

Antony P. Mueller und Anthony de Jasay verbindet nicht nur der gleiche Vorname – Antal ist die ungarische Form von Anton –, sondern auch eine bemerkenswert ähnliche Lebensgeschichte.

Antony P. Mueller wurde am 22. Februar 1948 in Forchheim in Oberfranken geboren. Seine ersten Auslandsreisen führten ihn ab seinem 16. Lebensjahr nach Großbritannien, Frankreich, Spanien und Skandinavien. Später bereiste er auch Jugoslawien und Bulgarien, um Griechenland und die Türkei zu besuchen. Den „Summer of Love“ des Jahres 1967 erlebte er in London.

Als Mueller Ende der 1960er- und Anfang der 1970er-Jahre an der Universität Erlangen-Nürnberg Rechts- und Staatswissenschaften studierte, prägten zahlreiche radikale Studentengruppen das politische Klima. Sie beriefen sich auf unterschiedliche Varianten des Sozialismus, Marxismus oder Maoismus. Während eines „Marxistischen Ausbildungsworkshops“ der Sozialistischen Hochschulvereinigung kam die Österreichische Schule zur Sprache. Antony P. Mueller bot an, einen Aufsatz über „Das Wertkonzept der Österreichischen Schule der Nationalökonomie“ zu verfassen. Ohne es zu ahnen, stieß er damit auf einen grundlegenden Unterschied zwischen kollektivistischen Ideologien und einer freiheitlichen Gesellschaftsordnung.

Die subjektive Wertlehre faszinierte Antony P. Mueller von Anfang an. So fand er ausgerechnet während eines marxistischen Workshops zur Österreichischen Schule. Carl Mengers Erkenntnis von der subjektiven Natur des Wertes und der daraus folgende methodische Individualismus wurden zu den Grundlagen seines freiheitlichen Denkens.

Obwohl Mueller die klassische sozialistische Literatur gründlich studierte, lagen seine geistigen Sympathien von Anfang an bei den klassischen Liberalen und den individualistischen Anarchisten. Die kollektivistischen Vorstellungen, die unter vielen Studenten jener Zeit großen Anklang fanden, erschienen ihm stets wenig überzeugend.

Zur Vorbereitung seiner Magisterarbeit über die Public-Choice-Theorie hielt sich Antony P. Mueller 1978 am Center for the Study of Public Choice in Blacksburg, Virginia, auf. Dort lernte er James M. Buchanan und Gordon Tullock kennen und nahm an ihren Lehrveranstaltungen teil. Die Auseinandersetzung mit ihren Ideen führte ihn dann erneut zur Österreichischen Schule.

Das Institut, an dem Antony P. Mueller seine akademische Laufbahn begann, war auf Sozialpolitik spezialisiert. Seine Beiträge aus der Perspektive der Österreichischen Schule wurden zunächst positiv aufgenommen, insbesondere wenn sie Argumente gegen die Ausweitung des Wohlfahrtsstaates lieferten, der in den 1970er-Jahren in Westdeutschland stark an Bedeutung gewann. Mueller betrachtete die Österreichische Schule als das wirksamste intellektuelle Gegengift gegen den Wohlfahrtsstaat. In einer Zeit, in der dessen Ausbau weithin als Fortschritt galt, wurde er zu einem immer entschiedeneren Kritiker der Sozialpolitik. Damit geriet er zunehmend in Gegensatz zum akademischen und politischen Zeitgeist.

In seiner Dissertation behandelte Antony P. Mueller die Frage des öffentlichen Haushalts als Instrument der Sozialpolitik. Die Arbeit enthält bereits zahlreiche Bezüge zur Österreichischen Schule. Damals führte der Weg zur Professur in Deutschland nicht allein über die Promotion, sondern auch über eine umfangreiche Habilitationsschrift. Um sein wissenschaftliches Profil zu erweitern, entschied sich Mueller für eine zusätzliche Spezialisierung auf internationale Wirtschaftsfragen. Anfang der 1980er Jahre begann er daher, sich intensiv mit internationaler Finanzwirtschaft zu beschäftigen. Von 1994 bis 1998 leitete er das Institut für Staats- und Versicherungswissenschaft in Erlangen.

Obwohl die monetaristische Gegenrevolution der Chicagoer Schule die Vorherrschaft des Keynesianismus gebrochen hatte, wurde die Österreichische Schule selbst in den 1990er Jahren in seinem akademischen Umfeld kaum wahrgenommen. Er durchlief in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre eine Phase großer beruflicher Unzufriedenheit. Seine Spezialisierungen auf internationale Finanzwirtschaft sowie auf die europäische Wirtschafts- und Währungsintegration eröffneten ihm jedoch neue akademische Perspektiven. Diese führten ihn als Fulbright Scholar und Associate Professor in die Vereinigten Staaten sowie später als Gastprofessor im Rahmen des Deutsch-Brasilianischen Akademischen Austauschprogramms nach Brasilien. Als er 1999 das Angebot erhielt, für einige Jahre als Gastprofessor nach Brasilien zu gehen, zögerte er daher nicht lange.

Eigentlich hatte er geplant, sich danach zur Ruhe zu setzen. Doch der Umzug nach Brasilien markierte den Beginn eines neuen Lebensabschnitts. Erst in Brasilien fand Antony P. Mueller den Freiraum, offen aus der Perspektive der Österreichischen Schule zu schreiben. Auf der Suche nach Gleichgesinnten stieß er durch Internetrecherchen auf das Mises Institute in Auburn, Alabama. Seit dem Jahr 2000 besuchte er dessen Jahreskonferenzen, knüpfte enge wissenschaftliche und persönliche Kontakte und wurde zu einem regelmäßigen Autor auf der Webseite des Instituts.

Seine Jahre in Brasilien wurden durch zwei Gastaufenthalte an der Universidad Francisco Marroquín in Guatemala bereichert. Dort hielt Antony P. Mueller 2004 eine Vortragsreihe und lehrte 2006 einen Kurs über die Österreichische Schule. Später wirkte er an den Online-Programmen der Universität mit, die inzwischen auch Teilnehmer in Spanien und Brasilien erreichten.

Im Jahr 2007 gründete Mueller das Continental Economics Institute (CEI). Über das Institut veröffentlichte er zahlreiche Beiträge zu Wirtschafts-, Geld- und Gesellschaftsfragen und baute ein internationales Netzwerk von Wissenschaftlern und Freiheitsdenkern auf.

Mit der Gründung des Instituto Mises Brasil im Jahr 2007 erreichte Antony P. Muellers langjährige Beschäftigung mit der Österreichischen Schule eine neue Stufe. Als erster akademischer Direktor gestaltete er dessen Entwicklung von Anfang an mit. Er veröffentlichte regelmäßig Beiträge, sprach auf ihren wichtigsten Konferenzen und engagierte sich intensiv in ihrer akademischen Lehrtätigkeit. Heute ist das Instituto Mises Brasil eines der wichtigsten Stimmen des freiheitlichen Denkens in Brasilien.

Ab 2008 wirkte Mueller als Professor für Volkswirtschaftslehre an der Bundesuniversität von Sergipe (UFS) sowie am Zentrum für Angewandte Ökonomie, wo er bis zu seinem Tod im Jahr 2026 tätig blieb. Im Jahr 2025 wurde er zum Senior Fellow ernannt. Auch nach seiner Pensionierung im Jahr 2023 blieb er wissenschaftlich aktiv. Er unterrichtete an der Mises Academy in São Paulo, wirkte im globalen Netzwerk des Mises Institute in Auburn mit und gehörte dem wissenschaftlichen Beirat der Partei „Die Libertären“ an.

Seit 2014 arbeitete er regelmäßig als Autor mit dem im Oktober 2012 gegründeten Ludwig von Mises Institut Deutschland zusammen und war wissenschaftlicher Beirat. Ich erinnere mich noch gut an seinen Vortrag „Revolution auf Samtpfoten: Wie der Marxismus seinen Herrschaftsanspruch durchsetzt“ auf der Jahreskonferenz 2019 des Ludwig von Mises Instituts Deutschland in München. Der klassische Marxismus konzentrierte sich vor allem auf Klassenkampf und Eigentumsverhältnisse; spätere Strömungen wie Gramsci, die Frankfurter Schule und verschiedene neo-marxistische Ansätze erweiterten den Fokus auf Kultur, Medien und gesellschaftliche Machtstrukturen.

Im April 2023 nahm Antony P. Mueller als Referent an der Atlas Geldkonferenz in Königstein im Taunus teil und sprach dort über die wirtschaftlichen Folgen staatlicher Geldpolitik. In seinen Büchern „Kapitalismus ohne Wenn und Aber“, „Kapitalismus, Sozialismus und Anarchie“, „Technokratischer Totalitarismus“ und „Antipolitik“ entwickelte Antony P. Mueller seine Kritik an Staat, Interventionismus und politischer Herrschaft konsequent weiter. Besonders „Kapitalismus, Sozialismus und Anarchie“ liest sich wie die Summe seiner jahrzehntelangen intellektuellen Reise.

Zuletzt beteiligte er sich an der Schrift „Zurück zu Wohlstand für alle. Wie man das Ruder jetzt rumreißt“ des Ludwig von Mises Instituts, in der er sich für eine Privatisierung des Bildungswesens aussprach.

Antony P. Mueller war ein unermüdlicher Verfechter der Freiheit und ein herausragender Ökonom. Mit seinen Schriften, Vorträgen und seiner Lehrtätigkeit inspirierte er Studenten, Leser und Weggefährten in vielen Ländern. Sein Tod hinterlässt eine große Lücke, und sein geistiges Erbe wird weit über sein eigenes Leben hinauswirken.

Information

Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 26. Juni erscheinenden Jul.-Aug.-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 262.


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