21. Juni 2026
Dominic Frisby: National Anthem of Libertaria
Libertäre Jukebox – Kolumnenstart
von Helge Pahl
„Wo man singt, da lass Dich nieder, böse Menschen haben keine Lieder“, lautet ein deutsches Sprichwort, das dem Gedicht „Die Gesänge“ von Johann Gottfried Seume entsprungen ist. Diesem Spruch kann man nur einen gewissen Wahrheitsgehalt zuschreiben, wenn man unterstellt, dass die Sozialisten aller Farben nicht prinzipiell böse, sondern lediglich geisteskrank sind, wenn sie lauthals und energisch die Internationale oder das Horst-Wessel-Lied schmettern. Am optimalsten bohrt sich die Propaganda mithilfe von Ohrwürmern in die Hirne. Gemeinsames Singen schafft Verbindung, schweißt zusammen, fördert das Kollektiv. Wahrscheinlich scheuen wir Libertäre uns deshalb vor Hymnen, die andere beim Aufeinandertreffen eifrig singen. Eine allzu enge Verbrüderung über ein emotionales Vehikel stimmt uns suspekt. Und dennoch gibt es sehr viel freiheitliche Musik: schöne, traurige, lustige, spöttische, intelligente, eingängige – und weil wir die besseren Ideen haben, haben wir auch die besseren Lieder. An dieser Stelle will ich Ihnen, lieber Leser, fortan in jedem Heft ein freiheitliches Musikstück vorstellen und es somit in die libertäre Musikbox aufnehmen. Die Lieder in dieser Kiste der Freiheitmusik finden Sie nicht nur in den Heften beschrieben, sondern auch in der Spotify-Playlist „Libertäre Jukebox“.
Ein Sozialist kann diese Lieder nicht beklatschen, denn er hat bekanntlich die Hände in den Taschen anderer Leute. Diesen Trick bemühte auch der englische Musiker, Schauspieler, Finanzjournalist und libertäre Comedian Dominic Frisby, als er „die“ Hymne der Libertären schrieb. Er klaute einfach die kraftvolle, feierliche und orchestrale Melodie der sowjetischen, heute russischen Nationalhymne und verpasste ihr einen eingängigen, marktwirtschaftlichen und libertären Text. Es war das Beste, was dieser Melodie jemals passiert ist. Ursprünglich wurde sie 1938 von Alexander Alexandrow als Hymne der bolschewistischen Partei komponiert. „Dieses Lied ist wie ein Kriegsschiff“, bejubelte Stalin das Kampflied. Im Jahre 1944 erhob er es mit neuem Text zur Nationalhymne der Sowjetunion. Nach dem Zusammenbruch des Sowjetreiches pausierte die Melodei, bis Putin sie im Jahre 2000 im Zuge seines Amtsantritts mit einem nun patriotischen Text zu neuem Glanz erscheinen ließ. Seitdem dürfen die Russen mit dem Lied ihren „heiligen Staat“ besingen.
Mit seiner Neutextung aus dem Jahre 2019 sühnt Dominic Frisby die früheren Vergewaltigungen der Kollektivisten auf eine sehr intelligente und humorvolle Weise. Allein der Titel „National Anthem of Libertaria“ (Nationalhymne von Libertarien) triggert, denn weder gibt es einen Staat Libertarien, noch würden seine fiktiven Bewohner eine Nationalhymne gutheißen, da sie mit dem Staat natürlich auch alle staatlichen Symbole ablehnten. Der Textstil gleicht dem seiner kollektivistischen Vorfahrversionen. „Wir“ Libertäre sind aufgefordert, „uns“ über Totalitäre zu erheben. Geführt durch die mächtige unsichtbare Hand feiern und fordern wir den freien Markt, freie Rede, freies Denken, Wahlfreiheit, Voluntarismus, Antimilitarismus, Gold und Bitcoin, Selbsteigentum, Verantwortung, Leben, Liebe und Freiheit. Angeprangert werden Totalitarismus, Planwirtschaft, Besteuerung, Sozialismus, Fiatwährungen und Inflation, Schuldwirtschaft, Gehirnwäsche durch staatliche Bildung und Propaganda sowie Konformismus und Meinungshoheit durch (vermeintliche) Experten.
Indem sie alle grundlegenden libertären Ideen und Prinzipien aufgreift, schweißt diese Nationalhymne das ideelle Staatsvolk Libertariens fest zusammen und endet mit der von Mao Zedong geprägten Metapher für Vielfalt im Denken und Sein: „Lasst tausend Blumen blühen“. Nach 100 Millionen Toten des Sozialismus hat dieses Lied dank des Texts von Dominic Frisby endlich die ihr gebührende Metamorphose hin zu einem mutmachenden, Gänsehaut verleihenden, wahren Meisterwerk durchlaufen. Sie finden die Libertäre Jukebox auf Spotify und Youtube.
Information
Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 24. April erscheinenden Mai/Juni-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 261.
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