16. Februar 2026

Freibier Auf die Freiheit!

Schwarzbräu und die freien Brauer

von Helge Pahl

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Bildquelle: (Schwarzbräu) von Helge Pahl Mitglied der „Freien Brauer“: Schwarzbräu aus Zusmarshausen

Bereits vor einigen Millionen Jahren entstand das Allgäu. Hier entspringt die Zusam, die sich nach knapp 100 Kilometern Reise nordwärts mit der Donau vereint. Auf dem Weg dahin passiert sie namensgeberisch den beschaulichen, bayrisch-schwäbischen Ort Zusmarshausen. Hier siedelten bereits die Neandertaler, wie der berühmte Faustkeil von Wörleschwang belegt. Wie diese Westfalen jedoch zu den Schwaben kamen – das Neandertal liegt bekanntlich östlich und unweit von Düsseldorf – ist nicht bekannt. Immerhin fand der Westfälische Friede, der 1648 einen Schlusspunkt unter den Dreißigjährigen Krieg setzte, in Zusmarshausen sein bieriges Echo. Am 17. Mai 1648, zwei Tage nach dem Frieden von Münster, fochten hier noch kaiserliche Truppen und schwedische Söldner eine der letzten Schlachten dieses vermeintlichen Konfessionskrieges aus. Die siegreichen, doch ausgezehrten Schweden fielen im Anschluss an den Kampf in die Brauerei „Zum Grünen Baum“ ein und soffen dort sämtliche Bierfässer leer. 

Diese Brauerei, direkt am Markt gelegen, ist heute unter dem Namen Schwarzbräu bekannt. Ein fahnenschwingender Landsknecht schmückt seitdem das Wappen der Brauerei, und auch das Motto „Auf die Freiheit“ soll auf das schwedische Trinkgelage zurückgehen. Es überrascht nicht, dass dieser alte Wahlspruch der Schwarzbrauerei die Aufmerksamkeit eines jeden Freigeistes weckt, neudeutsch würde man wohl triggern sagen.

Mark Twain wird der Aphorismus „Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich“ zugeschrieben. Knapp 300 Jahre nach dem Westfälischen Frieden reimt sie sich in Zusmarshausen. Der Zweite Weltkrieg neigte sich dem Ende, und 14 amerikanische Soldaten quartierten sich barsch im Frühjahr 1945 in der Brauerei ein, besetzten diese und erklärten sie kurzerhand zur amerikanischen Militärbrauerei. Den pfiffigen Brauern gelang es jedoch, einige Malzvorräte vor der Requirierung zu retten, kurzum ein dunkles Bockbier einzubrauen und in den Tiefen des Lagerkellers einzumauern. Ganz ähnlich haben es übrigens zwangskollektivierte Winzer im sozialistischen Ungarn gehalten: eine Hälfte des Kellers für die Kolchose – sie nannten ihn Sozialismuskeller – und die andere Hälfte, zugemauert, mit Weinen für das eigene Wohl und den Schwarzmarkt. Einige Jahre später, als die Amerikaner endlich abzogen, konnte dieses besonders lang und konstant kühl gereifte, heimlich gebraute Bier endlich auf dem jüngst von Ludwig Erhard befreiten Markt legal angeboten werden. Es läutete den guten Ruhm der Zusmarshausener Starkbiere ein. Denn auch heute noch reifen im Lagerkeller tief unter der Brauerei einzigartige Doppelböcke heran. Zu nennen ist hier vor allem der „Aged Bock“, der wie sein historisches Vorfahrprodukt eine extrem lange und gleichmäßig kühle Lagerung wiederfährt und dabei über die Jahre eine einzigartige Komplexität entwickelt: Dörrobst, samtige, weiche Holzaromen, Karamell- und Sherrynoten ringen harmonisch um die Hoheit auf Zunge und Gaumen, bevor die gereifte Essenz aus Malz und Hopfen freudig die Kehle hinabrinnt und den gesamten Leib aus seinem Zentrum wohlig erwärmt.

Mit einem jährlichen Ausstoß von rund 100.000 Hektolitern und circa 75 Mitarbeitern ist die mittelständische Brauerei auch heute noch Hort und Heimat handwerklicher Braukunst. Über 20 Biersorten, vom bayrischen Hellen, spritzigen Schwedenpils – ein ironischer Gruß an die Plünderer von 1648 – über diverse Weißbiere bis hin zu malzbetonten, zuweilen fassgelagerten oder sogar ausgefrorenen Bockbieren, bezeugen die Liebe zur Biervielfalt.

Daneben setzt man auf Regionalität, Bodenständigkeit und Tradition. Schwarzbräu ist eine von nur noch sechs bayrischen Brauereien, die in der hauseigenen Mälzerei ihr eigenes Malz aus regional angebauter Braugerste erzeugt. Das Brauwasser entstammt dem eigenen Tiefbrunnen. In Bayern, wo naturgemäß viele Brauereien mit härteren Wässern arbeiten müssen, dominieren traditionell eher dunkle und malzbetonte Bierstile, wie beispielsweise das Münchner Dunkel (siehe ef 234). Nicht so in Zusmarshausen: Die eiszeitliche Quelle liefert sehr weiches Wasser, das die perfekte Grundlage für die hellen, hopfenbetonten Biere wie Pils oder Helles bildet, die bei Schwarzbräu im Vordergrund stehen. Die verwendeten Bierhefen werden im eigenen Labor rein nachgezüchtet, und das Würzen der Biere erfolgt ausschließlich mit Hopfen aus den nahegelegenen bayrischen Anbaugebieten Hallertau, Spalt und Tettnang. 

Durch die Nähe zur Rohstoffproduktion hat die Brauerei großen Einfluss auf die Qualität der verwendeten Zutaten. Neben der fachlichen Qualifikation der Brauer und Mälzer, die weitestgehend im Betrieb selbst ausgebildet werden, ist dies die Grundvoraussetzung für konstante, gute Produktqualität. Schwarzbräu scheut sich nicht, seine Biere regelmäßig bei diversen internationalen Bierwettbewerben mit der Konkurrenz zu messen. Die Ergebnisse sprechen für sich: Bis heute erlangte die Brauerei über 700 Auszeichnungen, darunter 2015 der Titel „Beste deutsche Brauerei“ und der Bundesehrenpreis im Jahr 2010. Als erste deutsche Brauerei gewann Schwarzbräu 1958 den „Croix d’Honneur“ in Brüssel für sein dunkles Bockbier und ist wahrscheinlich die meistprämierteste deutsche Braustätte überhaupt.

In fünfter Generation in Familienbesitz führt Leopold Schwarz die Geschäfte. Schwarzbräu ist Mitglied der „Freien Brauer“, eines Zusammenschlusses von 46 unabhängigen, zumeist familiengeführten Privatbrauereien aus Deutschland, Österreich und Luxemburg. Im Gegensatz zum Deutschen Brauerbund, der von den großen Brauereikonzernen dominiert wird und als Lobbyistenverein stets die größtmögliche Nähe zur herrschenden Politik sucht, setzen die freien Brauer auf eigenverantwortliches, selbstbewusstes Unternehmertum. Sie haben ihre marktwirtschaftlichen und unternehmerischen Grundprinzipien in sieben Werten formuliert, die ein vernunftbegabter Mensch allesamt unterschreiben kann. An erster Stelle steht die „Große Freiheit“, die für die Eigenständigkeit und den persönlichen, langfristig orientierten und verantwortungsbewussten Unternehmergeist steht. Die „Persönliche Verantwortung“ tragen die Brauereien dabei nicht nur für sich selbst, sondern natürlich zuvörderst für Mitarbeiter, ihre Familien, Geschäftspartner, aber auch für ihre jeweilige Heimatregion. Die „Einzigartige Vielfalt“ betont den außerordentlichen Sortenreichtum, den die freien Brauereien bewahren und erschaffen, und ist gleichermaßen Gegenpol zur Eintönigkeit industriell gebrauter, austauschbarer Fernsehbiere. Unterstrichen wird dies durch den eigenen Anspruch an „Höchste Qualität“ des Produktes. „Saubere Umwelt“, also ein respektvoller und nachhaltiger Umgang mit den natürlichen Ressourcen, ist Grundvoraussetzung eines langfristig orientierten, heimatverbundenen Unternehmertums. Die freien Brauer stehen zudem für „Echte Tradition“, die sich durch herkunftstypische Biervielfalt und handwerkliche Brautradition in oft sehr alten und über Generationen in Familienbesitz befindlichen Braustätten auslebt. Sie spiegelt gleichsam eine „Gelebte Heimatverbundenheit“ wider. Die Brauer sind fest verwurzelt in ihrer jeweiligen Region, sichern viele, zumeist ländliche Arbeitsplätze direkt und bei lokalen Zulieferern und Dienstleistern. Ihre Liebe zum Bier, zu ihrer Heimat, leben sie nicht nur durch die Produktion und die Produkte selbst, sondern auch als Veranstalter und Ausstatter unzähliger traditioneller Bierfeste und Events. Hier schließt sich der Kreis: Neben dem schönen, sehr vielseitigen Beruf, den ein Brauer tagein, tagaus ausüben darf, kann er des Abends und am Wochenende die Früchte seiner Arbeit in den ausgelassenen Gesichtern seiner Mitmenschen ernten. Unbezahlbare Freude, die Finanzbeamte, Politessen, Zöllner, Spitzel und Konsorten im Laufe ihrer erbärmlichen Leben niemals werden erfahren können.

Freuen wir uns also, dass wir unser Leben in bessere Gefilde steuern konnten. Am besten mit einem Bier von Schwarzbräu oder den vielen anderen der 45 freien Brauer erheben wir unsere Gläser: „Auf die Freiheit!“

Information

Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 22. Dezember erscheinenden Jan.-Feb.-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 259.


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