14. Februar 2026
Neurowissenschaft: Kann die Psychologie erklären, was Freiheit ist?
Friedrich August von Hayek und die moderne Hirnforschung
von Ralf Blinkmann
Die Psychologie wird häufig als eine verstehende Wissenschaft angesehen, die die Sinnzusammenhänge menschlichen Handelns deutet. Das ist ein ausgesprochen wichtiger Ansatz, können wir doch dadurch besser verstehen, warum sich Menschen ihre kostbare Freiheit nehmen lassen. Doch eine verstehende Psychologie kann nur etwas über Freiheit als subjektives Erleben, erlebte Autonomie, aussagen. Freiheit wird beispielsweise verstanden als die Fähigkeit, zwischen Handlungsalternativen zu wählen, als Wahrnehmung relativer Kontrolle oder als Selbstverwirklichung beziehungsweise Authentizität.
Politisch relevante Freiheitsbegriffe kommen aus der Philosophie. Dazu zählt auch die Praxeologie wegen ihrer erkenntnistheoretischen Begründung, nicht aus der Psychologie. Friedrich August von Hayek hat sich ausführlich mit ihrer Vielzahl befasst und als beste Definition herausgefiltert: „Freiheit ist die Abwesenheit von willkürlichem Zwang.“ Er verkürzt dies meist zu „Freiheit ist die Abwesenheit von Zwang“, was nicht dasselbe ist, aber er meint natürlich dasselbe.
Ich glaube, dass Hayek diesen Freiheitsbegriff gerne psychologisch begründet hätte, so wie wir ja auch über Freud wissen, dass er seine Psychoanalyse gerne neurowissenschaftlich begründet hätte, nur standen ihm seinerzeit dazu die Mittel nicht zur Verfügung. Was manche nicht wissen, ist, dass sich Hayek, noch bevor er Ökonomie studierte, sehr tiefgehend mit Psychologie befasst hat. Er verfasste 1920 einen rund 40 Seiten umfassenden Text mit dem Titel „Beiträge zur Theorie der Entwicklung des Bewusstseins“, den er überarbeitet und ausgebaut aber erst 1952 als „Die sensorische Ordnung“ veröffentlichte, ein Werk, das man heute in den Bereich neurowissenschaftlich orientierte Psychologie einordnen würde. Er hat aber selbst nie eine Verbindung zwischen seinen psychologischen und philosophisch-ökonomischen Überlegungen hergestellt.
Hayek verfolgt in dem Werk einen erklärenden Ansatz der Psychologie. Tatsächlich ist die Psychologie in ihrer Geschichte ständig zwischen einem Selbstverständnis als Geistes- beziehungsweise Sozialwissenschaft oder Naturwissenschaft, also zwischen einer verstehenden oder erklärenden Wissenschaft, hin- und hergependelt. Heute wird sie meist als Brückenwissenschaft zwischen beiden Bereichen gesehen. Kann eine erklärende Psychologie Freiheit erklären? Hätte also Hayek, wäre er bei der Psychologie geblieben, die Brücke zwischen Psychologie und Philosophie bauen können?
Die Grundlagenwissenschaften einer erklärenden Psychologie sind heute die Neurowissenschaften und die Verhaltensbiologie. Eines der berühmtesten Experimente der Psychologie ist das Libet-Experiment. Libet zeigte 1979, und das ist heute mit modernsten Methoden bestätigt, dass die bewusste Entscheidung für eine Handlung nicht die Ursache der Handlungsvorbereitung im Gehirn ist, das Bewusstsein also ein dem Handeln nachgeordnetes Phänomen ist.
Das befeuert bis heute die Willensfreiheitsdebatte, die schon von Hayek verwirrte: „Die Verwirrung zeigt sich deutlich, wenn wir die Schlussfolgerungen prüfen, die von den beiden Parteien aus ihren Positionen gezogen werden. Die Deterministen argumentieren gewöhnlich, dass, da die Handlungen der Menschen völlig durch natürliche Ursachen bestimmt sind, es unberechtigt ist, sie verantwortlich zu machen oder ihr Handeln zu loben oder zu tadeln. Die Voluntaristen dagegen behaupten, dass, weil es im Menschen einen Faktor gibt, der außerhalb der Kausalkette steht, dieser Faktor der Träger der Verantwortlichkeit und der legitime Träger von Lob und Tadel ist. Nun kann wohl kaum ein Zweifel bestehen, dass, was diese praktischen Schlussfolgerungen betrifft, die Voluntaristen eher recht haben, während die Deterministen einfach verworren sind.“ (Die Verfassung der Freiheit, Seite 96f.)
Hayek ist hier auch verworren, denn was sollte denn dieser „Faktor außerhalb der Kausalkette“ sein? Er spricht an anderer Stelle vom „mythischen Ich“. Hayek argumentiert vom Ergebnis her, und das der Deterministen gefällt ihm nicht, weil es Freiheit unmöglich zu machen scheint. Der immer brillant argumentierende Hayek zeigt hier eine ungewöhnliche Schwäche, was auch Markus C. Kerber bemerkt: „Hayek, normalerweise äußerst belesen in Fragen der Philosophie, geht bei seiner Grundlegung des Freiheitsbegriffs mit keinem Wort auf jene bedeutenden Geister ein, die in der abendländischen Tradition den Freiheitsbegriff herleiten und entfalten.“ (Kerber et al.: Der Nomos der Freiheit. Friedrich August von Hayek Institut 2024, S. 31)
Ich glaube, das ist so, weil Hayek keine Möglichkeit sah, seinen Freiheitsbegriff philosophisch zu begründen. Was ihm fehlte, war eine naturwissenschaftliche Erklärung, wie Freiheit in einer unbezweifelbar deterministischen Welt überhaupt möglich sein soll. Dabei hatte er den ersten und entscheidenden Schritt zur Lösung dieses Rätsels bereits getan! Bereits in seinem oben erwähnten Skript von 1920 stellte er fest: „Wir haben also nicht Empfindungen, die dann vom Gedächtnis aufbewahrt werden, sondern erst durch das Gedächtnis wird die physiologische Erregung zur Empfindung.“ (Die sensorische Ordnung, S. 52)
Hayek steht in der Tradition von Kant, der erkannt hatte, dass immer schon a priori etwas („Kategorien“) vorhanden sein muss, um überhaupt erkennen zu können. Nicht das Denken richtet sich nach den Dingen, sondern die Dinge (wie sie uns erscheinen) richten sich nach den Bedingungen unseres Denkens. Hayek überträgt diese philosophische Erkenntnis in die Sprache der Psychologie. „Die sensorische Ordnung“ ist dann die Entfaltung obigen Grundgedankens.
Hayek benutzt bereits den Begriff „Modell“ für innere Repräsentationen, die nötig sind, um Sinneserfahrungen zu verarbeiten. „Mentales Modell“ wird in der Neurowissenschaft erst seit den 1990er Jahren verwendet! Laut Hayek entstehen im Nervensystem spontan „Kategorisierungen“ sensorischer Inputs. „Modelle“ sind abstrakte Hervorbringungen unseres Nervensystems, die es erst ermöglichen, konkrete Phänomene der Umwelt zu erkennen. Das geschieht vollkommen unbewusst und nicht intentional. Hayek benutzte den Begriff „spontane Ordnung“ damals noch nicht, aber rückblickend kann man mit Streit, der „Die sensorische Ordnung“ ins Deutsche übersetzt hat, sagen: „Nach ihren von Hayek hervorgehobenen Eigenschaften kann die sensorische Ordnung als spontane oder ungeplante Ordnung angesehen werden.“ (Jenaer Beiträge zur Wirtschaftstheorie und Wirtschaftspolitik, Nomos 2004, Seite 118)
Die Ordnung, die wir in der Welt erkennen, beruht also auf etwas, das unserem Verstand vorangeht und nicht Ergebnis unseres Verstandes ist, also keines ordnenden Geistes bedarf. Es ist zurückzuweisen, dass „das Modell die Schöpfung eines denkenden Geistes sei“. (Die sensorische Ordnung, Seite 122) „Oder, um es anders auszudrücken, Ordnung setzt nicht den Verstand voraus, der sie macht, wie die animistische oder anthropomorphistische Anschauung der Vergangenheit annahm, sondern Verstand ist selbst eine der gewachsenen, geordneten Strukturen, die den Einzelnen mit einer Art Modell oder Landkarte der Welt versieht, in der er sich bewegt und die ihn in den Stand setzt, die verschiedenen Ereignisse, die auf seine Sinne einwirken, zu interpretieren und seine Reaktionen anzupassen.“ (Die Anmaßung von Wissen, Seite 92)
Hier ist die Schnittstelle zwischen Hayeks Psychologie und der modernen Verhaltensbiologie, die ebenfalls erforscht, wie Lebewesen zu ihren „Reaktionen“ kommen. Der Psychologe und Anthropologe Michael Tomasello verfolgt den Prozess nach, den die Verhaltenssteuerung entlang des evolutionären Weges bis zum Menschen genommen hat. (Die Evolution des Handelns, Suhrkamp 2024)
Das behavioristische Reiz-Reaktionsmodell ist dafür vollkommen ungeeignet, es kann allenfalls das Verhalten von Einzellern beschreiben. Die Evolution des Verhaltens ist dadurch gekennzeichnet, dass das Verhalten in immer komplexerer Weise von den Sinnesdaten entkoppelt wird. Tomasello verwendet dafür den Begriff „Feedbacksteuerungssystem“. Es ist aber nicht ein mentales Feedbacksteuerungssystem, das immer komplexer wird, sondern im Laufe der Evolution wird auf ein vorhandenes System ein weiteres draufgelegt, sodass sich eine zwiebelartige Struktur von Systemen ergibt. Die einzelnen „Zwiebelebenen“ lassen sich unterscheiden und evolutionären Entwicklungsständen zuordnen.
Im Zuge dieser Entwicklung entkoppelt sich das Verhalten immer mehr von äußeren Reizen und orientiert sich immer mehr an inneren Zuständen. Ein solches Verhalten beschreiben wir dann auf der Entwicklungsebene der höheren Wirbeltiere als zielgerichtet („zielgerichtete Akteure“, zum Beispiel Eidechsen), weil es eben nicht mehr durch einen äußeren Reiz, sondern durch einen inneren Zustand, eben ein Ziel des Organismus, erklärt werden muss.
Auf diesen Entwicklungsstand legen sich aber weitere Steuerungsebenen. Zunächst entwickelt sich eine Schicht, die Pläne für zielgerichtetes Handeln ermöglicht („intentionale Akteure“, zum Beispiel Eichhörnchen), dann eine Schicht, die auch Pläne für zukünftige Ziele ermöglicht („rationale Akteure“, zum Beispiel Menschenaffen) und schließlich noch eine Schicht, die Ziele mit denen anderer Angehöriger der gleichen Spezies verschränken kann, um zu kooperieren („normative Akteure“, derzeit nur der Mensch). Wichtig ist zu verstehen, dass alle Ebenen aufeinander aufbauen. Die höhere Ebene setzt die darunterliegenden nicht außer Funktion, sondern ergänzt diese immer nur. Ein normativer Akteur ist also immer auch ein rationaler Akteur, oder anders ausgedrückt: Im Zweifel haben die eigenen Ziele Vorrang, weil evolutionär älter.
Auf der Ebene der normativen Akteure kommt laut Tomasello ein Steuerungselement hinzu, das er „Ich“ nennt. Dieses steht neben einem „Partner“, mit dem es sich koordiniert, wodurch die Intentionalität zweier rationaler Akteure zur gemeinsamen Intentionalität eines „Wir“ wird. Wie das genau passiert, erklärt er nicht. Tomasello arbeitet aber heraus, dass das Verständnis von Kausalität im Prozess der Evolution erst entsteht, und zwar bei den Säugetieren. Eidechsen haben noch kein Verständnis von Kausalität. Kausalität ist also eine evolutionär entstandene „Kategorie“ des Verstandes. Hayek nennt das „Modell“. Deshalb ist es naheliegend, auch das „Ich“ als eine neue Kategorie des Verstandes, als ein Modell zu betrachten. Der Neurowissenschaftler Kevin Mitchell, der sehr ähnlich wie Tomasello argumentiert, tut genau das und nennt das Ich ein „internal model“. (Free Agents, Princeton Univers. Press 2025)
Der neurowissenschaftlich arbeitende Psychologe Michael Saunders Gazzaniga weist darauf hin, dass es im Zuge der Menschwerdung zwei nachweisbare Neuorganisationen im Gehirn gegeben hat, die nach bisherigem Wissensstand nur beim Menschen zu finden sind. Das eine ist die „Theory of Mind“, die besagt, dass der Mensch eine „Theorie“ davon hat, wie der Verstand (oder „Geist“) eines anderen Menschen funktioniert. Das zweite ist, dass die sogenannten Spiegelneuronen beim Menschen eine andere Funktion bekommen als bei Tieren. Die Spiegelneuronen sind nicht nur wie beim Affen an der Nachahmung von Handlungen beteiligt, sondern auch daran, die Handlungen anderer zu verstehen. Verstehen ist menschlich. Einen Menschen zu verstehen heißt, ihn zu „modellieren“. Und wozu? Um mit ihm zu kooperieren.
Nun ist es aber objektiv so, dass das Verhalten eines Menschen auf eine sehr komplexe Weise zustande kommt. Eine Vielzahl von Feedbacksystemen greifen hierarchisch ineinander, und das ist nicht mehr kausal interpretierbar. Nicht, weil das Gehirn nicht kausal funktioniert, sondern weil die Zusammenhänge zu komplex sind, um auf dieser Ebene verstehbar zu sein. Ein neues Modell ist dazu nötig: Der Mensch ist die Ursache einer Handlung. Und da ich genauso bin wie der andere Mensch, bin auch ich die Ursache einer Handlung. Das „Ich“ wird in diesem Modell zu einer weiteren Ursache in einer kausalen Welt. Das ist eine Vereinfachung, deren evolutionärer Nutzen unbestreitbar ist.
Diese evolutionäre Neuerung hat aber Nebenwirkungen. Der Mensch erscheint sich selbst als durch einen Geist bewegt, der die eigentliche Ursache der Handlung ist. Dieses Modell, das evolutionär entstand, um zu kooperieren, generalisiert. Die gesamte Umwelt wird nun auf der Basis dieses Modells interpretiert, was die Ursache für den Animismus ist, den man bei ausnahmslos allen Jäger- und Sammlerkulturen findet. Daraus entwickelt sich später der Glaube an Götter, der nach dem gleichen Modell funktioniert. Religion ist eine Nebenwirkung der Evolution. Eine weitere Nebenwirkung ist die generelle Kontrollüberzeugung des Menschen. In einer kausal interpretierten Welt gibt es keine Kontrolle, weil es keinen unbewegten Beweger gibt. In der menschlichen Welt gibt es den aber, und deshalb auch Kontrolle.
Gazzaniga beschreibt die Kontrollüberzeugung folgendermaßen: „Das ist das Problem des Homunculus in uns allen, den wir nicht loswerden – nämlich die Vorstellung, dass eine Person, ein Männchen, ein Geist, irgendjemand in uns die Kontrolle hat. Selbst wenn man alle Daten und Fakten kennt und weiß, dass es in Wirklichkeit anders läuft, bleibt diese überwältigende Sicherheit bestehen, dass man selbst alles unter Kontrolle hat.“ (Die Ich-Illusion, Hanser 2012, Seite 53)
Gazzaniga nennt das „Ich-Illusion“, doch das ist irreführend, weil diese Art, die Dinge zu sehen, unhintergehbar ist. Tatsächlich ist in der Evolution eine neue Welt entstanden, die nur dem Menschen zugänglich ist. Sie liegt über der Welt, die wir mit den Tieren teilen und in der wir auch immer noch leben. Aber in der uns eigenen Welt können wir frei sein. Wir sind es, wenn wir in der Weise leben, die zu unserer besonderen Evolution geführt hat: kooperierend. Das Willensfreiheitsproblem entsteht nur durch die Konfusion zweier Welten.
Die Weltsicht des Menschen, dass sein Wille die Ursache seiner Handlung ist, ermöglicht ihm Freiheit in Verantwortung, da sie in der Kooperation entsteht. Sie ermöglicht ihm aber auch, nicht zu kooperieren, den Anderen zum Objekt zu machen, willkürlichen Zwang auszuüben.
Freiheit ebenso wie ihre Abwesenheit ist eine Tatsache, die sich aus der besonderen, evolutionär gewordenen Psyche des Menschen ergibt.
Information
Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 22. Dezember erscheinenden Jan.-Feb.-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 259.
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