08. Februar 2026

Schuld und Unschuld der Boomer Die Silberne Revolution

Erinnerung an die vergessenen libertären Wurzeln von 68

von Gabriel Richter

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Bildquelle: Sascha Koll / ChatGPT Rebellion, Kooptierung, Fortschritt: Von 1968 bis zur digitalen Befreiung – die Boomer zwischen Staat und Dezentralisierung

Das große Paradoxon

„Trau keinem über 30!“ Dieser Schlachtruf der 68er-Generation hallt heute wie bittere Ironie durch die politischen Säle, in denen dieselben Rebellen von einst als grauhaarige Establishment-Vertreter regieren. Doch was, wenn diese scheinbare Heuchelei in Wahrheit die größte libertäre Erfolgsgeschichte des 20. Jahrhunderts verbirgt?

Die Generation, die einst Polizeiautos anzündete und „das System“ bekämpfte, wird heute als systemtreue Wohlfahrtsstaat-Profiteure geschmäht. Aber stimmt das wirklich? Oder haben wir die wahre Rebellion der Boomer übersehen?

Die vergessenen libertären Wurzeln von 68

Eine ideengeschichtliche Neubewertung der Achtundsechziger-Bewegung offenbart ihre zutiefst libertären Ursprünge. „Make Love, Not War“ war radikaler Pazifismus gegen Staatskriege. Die Kommunen-Bewegung praktizierte freiwillige Assoziation statt staatlicher Zwangsgemeinschaft. Die Forderung nach Drogenliberalisierung bedeutete Selbstbestimmung über den eigenen Körper. Freie Liebe hieß Ablehnung staatlicher Moral-Regulierung. Der Anti-Autoritarismus war pure Staatskritik.

Während die Medien die vermeintlich „sozialistischen“ Achtundsechziger feierten, übersahen sie die individualistischen Strömungen: die Hippies, die Aussteiger, die Technologie-Pioniere, die später das Internet und die Personal Computer entwickelten. Diese Generation legte die Grundlagen für Dezentralisierung und digitale Befreiung.

Wie Frédéric Bastiat treffend bemerkte: „Der Staat ist die große Fiktion, durch die jeder versucht, auf Kosten aller anderen zu leben.“ Die Achtundsechziger erkannten diese Fiktion intuitiv – zumindest anfangs.

Machtpiraterie – wie der Staat die Rebellion kaperte

Der Staat entwickelte eine raffinierte Strategie: Statt die Rebellen zu bekämpfen, kooptierte er sie in ihrem „Marsch durch die Institutionen“. Aus Staatsfeinden wurden Staatsdiener, aus Systemkritikern wurden Systemverwalter, aus Individualisten wurden Kollektivisten.

Der Mechanismus war durchdacht: Lockmittel in Form gut bezahlter Jobs in Universitäten, Medien und Politik. Ideologische Umdeutung – aus „Befreiung des Individuums“ wurde „Befreiung der Klasse“. Institutionelle Macht verwandelte die Rebellen selbst in Autoritäten.

Die Liste ist lang: Joschka Fischer mutierte vom Steine werfenden Straßenkämpfer zum kriegsführenden Außenminister. Daniel Cohn-Bendit transformierte sich vom Anarchisten zum EU-Parlamentarier und Verfechter europäischer Bürokratie. Ehemalige Rudi-Dutschke-Anhänger bevölkerten systematisch Ministerien und Chefredaktionen. Dies war kein Zufall, sondern bewusste Strategie. Der Staat überlebt, indem er seine gefährlichsten Feinde zu seinen loyalsten Freunden macht – eine Erkenntnis, die bereits Niccolò Machiavelli formulierte.

Die Boomer-Rebellen? Unternehmer statt Politiker

Die authentischen libertären Rebellen mieden die Politik und schufen alternative Strukturen. Während die einen in Parlamenten über Redistribution diskutierten, revolutionierten die Anderen Technologie und Wirtschaft.

Schauen wir uns die wahren Pioniere an: Wau Holland (1951–2001), Gründer des Chaos Computer Clubs, kämpfte bereits in den 1980ern für Datenschutz und gegen staatliche Überwachung. Sein Credo „Öffentliche Daten nützen, private Daten schützen“ war pure libertäre Philosophie – Transparenz für den Staat, Privatsphäre für den Bürger. In den USA entwickelten Boomer-Unternehmer wie Steve Jobs (1955–2011) Personal Computer, die Macht dezentralisierten. Tim Berners-Lee (geboren 1955) erfand das World Wide Web als dezentrales Informationsnetzwerk.

Auch deutsche Unternehmer dieser Generation schufen Alternativen: Die SAP-Gründer Hasso Plattner (geboren 1944) und Dietmar Hopp (geboren 1940) verließen 1972 den IBM-Konzern, um eigenständig Unternehmenssoftware zu entwickeln und hierarchische Strukturen aufzubrechen. Diese Boomer schufen mehr echte Befreiung als alle Politiker zusammen: Dezentralisierung der Macht durch Informationstechnologie, freien Informationsfluss, wirtschaftliche Unabhängigkeit durch Unternehmertum.

Der kommende Boomer-Aufstand – die Silberne Revolution

Nun werden die Boomer langsam alt – und zunehmend desillusioniert. Sie erleben die Defizite des Wohlfahrtsstaates am eigenen Leib. Die Rentenlüge zeigt sich, wenn lebenslange Beitragszahler trotz Jahrzehnten der Einzahlungen Altersarmut erleben. Der Pflegenotstand entlarvt staatliche Versprechen als Betrug. Die Inflation entwertet ihre Ersparnisse. Bürokratie-Terror gängelt sie bis ins hohe Alter.

Diese Erfahrungen machen sie zu idealen Steuerrebellen. Sie haben nichts mehr zu verlieren – Karriere vorbei, Reputation irrelevant. Sie verfügen über Zeit für Widerstand, kennen das System von innen und besitzen Glaubwürdigkeit: „Wir haben es ausprobiert – es funktioniert nicht.“

Die ersten Anzeichen sind bereits sichtbar: Die Gelbwesten-Bewegung in Frankreich, wo Rentner an vorderster Front gegen Steuererhöhungen protestierten. Die Tea Party in den USA als Boomer-dominierte Bewegung gegen Staatsverschuldung. In Deutschland zeigen Wahlanalysen zuweilen auch ältere Wähler bei systemkritischen Parteien.

Die späte Wende

Jetzt kommt die Wendung: Die Boomer können ihre generationelle „Schuld“ durch die Befreiung nachfolgender Generationen tilgen. Der neue Generationenvertrag basiert auf ehrlicher Bilanz: „Wir haben euch belogen – der Sozialstaat funktioniert nicht.“ Aktive Wiedergutmachung bedeutet, für Systemabbau statt -ausbau zu kämpfen. Konkrete Schritte umfassen politischen Widerstand durch Wahl libertärer Kandidaten, legale Steuervermeidung, Bargeld-Nutzung als Protest gegen Überwachung, Bildungsarbeit über Staatsversagen in Familie und Freundeskreis sowie Investitionen in Bitcoin, Edelmetalle und private Bildung statt in Staatsanleihen.

Die neue Boomer-Botschaft könnte lauten: „Macht nicht unsere Fehler – vertraut nicht dem Staat!“ Wie Ayn Rand erkannte: „Die Regierung ist nicht Vernunft, sie ist nicht Beredsamkeit. Sie ist Gewalt.“

Die vollendete Revolution

Die 68er-Revolution war nie gescheitert – sie war nur noch nicht vollendet. Die wahre Befreiung kommt erst jetzt, wenn die Boomer erkennen: Der Staat war nie ihr Freund, sondern immer ihr Ausbeuter.

In zwei Dekaden werden wir auf die Silberne Revolution der 2020er zurückblicken als den Moment, in dem die Boomer ihre libertären Wurzeln wiederentdeckten und den Grundstein für eine freie Gesellschaft legten. Die Revolution ist erst dann vollendet, wenn der letzte Staatsknecht produktiver Arbeit nachgeht.

Information

Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 22. Dezember erscheinenden Jan.-Feb.-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 259.


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