01. Februar 2026
Schuld und Unschuld der Boomer: Die Anklagebank der Generationen
Wer steht als Nächstes vor Gericht?
von Anna Fornfeist
Wir, die Jury, stehen bereit, und die Anklagebank ist voll besetzt. Vorne sitzen sie, die Kinder der Nachkriegszeit, aufgewachsen im Schatten der Schuld ihrer Eltern. Liebevoll als Boomer getauft, das Symbol des Aufschwungs, Profiteure des Wirtschaftswunders, Rebellen von 1968 – die Architekten des für Deutschland charakteristischen Sozialstaates. Heute stehen sie vor Gericht, und die belastende Anklageschrift ist dick. Der Richter blättert sie durch, Seite um Seite füllt sich mit Beweisen. Die Stille wird durchbrochen, und die Verlesung beginnt.
Seite 1: Das Rentensystem
Eine Idee, gebaut auf trügerischem Fundament: „Kinder bekommen die Deutschen immer.“ Doch die erwarteten Kinder blieben aus, und die Boomer gingen in Scharen in Rente – satt, versorgt und abgesichert – die nachfolgenden Generationen versklavt. Ihre Verantwortung wurde verschoben, ihre Lasten in die Zukunft verlagert und die eigenen gegenwärtigen Vorteile bevorzugt, trotz Aussicht auf eine enorme Rentenlücke von 1,3 Billionen Euro bis 2050. Ein System, das nur funktioniert, solange man die Augen vor der harten Realität verschließt. „Dass das nicht aufgehen wird, wusstet ihr schon von Anfang an!“, schreit die Jury in den Saal hinein. Der Richter bittet um Ruhe. Die Verlesung geht weiter. Die Anklagebank senkt ihren Blick.
Seite 2: Die Revolution
1968 stellten sich die Boomer gegen die Autorität der Väter, gegen Kirche, Staat und Universität. Sie griffen nach Freiheit, weniger Zwang und lang ersehntem Individualismus. Doch die Freiheit, die sie schufen, tauschte autoritären Konservatismus gegen autoritären Progressivismus, Gleichheitsdoktrin und Klimamoral. Ein Angeklagter ruft dazwischen: „Wir haben für eure Rechte gekämpft!“ – die Jury erwidert mit: „Und uns in eure Ideologie gezwungen.“ Die Verlesung wird fortgesetzt. Misstrauten sie einst Polizei, Justiz und Militär, so ersetzten sie diese durch Antifaschismus, soziale Gerechtigkeit, Quoten und Subventionen. Sie institutionalisierten ihre Werte in Gesetzen, Bildung und Kulturpolitik. Ihre noble antiautoritäre Bewegung endete in einem neuen Autoritarismus – nur mit anderen Parolen.
Seite 3: Der Konsum
Die Boomer brauchten an nichts zu sparen und lebten wie Könige. Der wirtschaftliche Aufschwung bot neue Chancen und Möglichkeiten. Ob Eigenheim oder Zweitwagen, alles war möglich – für sehr viele. „Hättet ihr es anders gemacht?!“, entgegnet ein Angeklagter. In der Jury tauschen sie fragende Blicke aus – es wird geschwiegen. Jetzt, da ihre Zeit schwindet, mahnen sie uns, die Jüngeren, zum Verzicht. Kein Fleisch, weniger Fliegen, keine Verbrenner, da wir zu lang so gut gelebt haben und das Klima, naja, das wartet nicht. Sie selbst hat dies wenig interessiert, aber wir müssen jetzt in Askese leben. Die Heuchelei steht ihnen ins Gesicht geschrieben.
Seite 4: Die Migration
Merkels „Wir schaffen das“ als moralisches Mantra. Millionen strömen ins Land, ohne klare Integrationspolitik, ohne klaren Plan. Kosten explodieren, das Sozialsystem ist maßlos überlastet, Spannungen wachsen, Integration scheint unmöglich. Die Gegenwart der Boomer vertröstete sich mit dem guten Gewissen, der erhöhten Moral ohne Weitblick. Die einhergehenden Probleme können die zukünftigen Generationen tragen. Auf der Anklagebank senkt so mancher seinen Blick, denn die Folgen sind unübersehbar.
Es zieht sich wie ein roter Faden: „Jetzt genießen, später zahlen andere.“ Ein unausgesprochenes, aber gelebtes Boomer-Motto. Der Richter atmet durch und faltet die Hände. Als er die Verlesung fortsetzen möchte, erhebt sich die Jury, leise und zögernd. „Sind sie wirklich in der Schuld? Oder ist es nicht eine menschliche Reaktion, den eigenen Vorteil zu nutzen, solange er greifbar ist?“, beginnen sie zu erläutern. Warum sollte ein Boomer für andere Generationen stimmen, wenn er sofort profitieren kann? Das rigide System selbst ist das Problem, es erzieht jeden einzelnen dazu. Vielleicht liegt die tiefere Schuld nicht bei einer Generation, sondern in der deutschen Mentalität – in dieser Mischung aus Bequemlichkeit und Resignation. Ein Volk, das alles erträgt und aussitzt, ohne es zu ändern, trägt Mitschuld.
Die Boomer waren vielleicht sogar revolutionärer als andere Generationen. Sie schrien nach der großen Freiheit, nach weniger Zwang, gezeichnet von dem erdrückenden Autoritarismus ihrer Eltern. Doch fehlgeleitet suchten sie nicht Eigenverantwortung, sondern einen neuen Staat, der sie liebevoll füttert und umsorgt – auf Kosten aller. Nicht mehr Krieg, Konservatismus und Kirche, sondern Minderheiten, Klima und soziale Wohltaten. Nicht das Vaterland, sondern die bemutternde Nation, die für alle sorgt.
Sie waren gierig, ja. Vielleicht auch heuchlerisch. Aber auch Kinder der Trümmer, die nicht wussten, dass die Politik sie eiskalt betrügt, wie viele es auch heute nicht wahrhaben wollen. Die Politik, die ihre Leistung vereinnahmte und verschwendete, falsche Versprechungen machte. Sie wollten Freiheit – doch schufen neue Ketten. Sie wollten Zukunft – doch raubten sie zugleich.
Schluss: Die Resolution
Und so bleibt die Anklage ambivalent, der Richter schaut müde in den Saal. Schuld und Unschuld auf beiden Seiten des Blattes. Die Boomer sind Täter und Opfer zugleich – Teil der Politik und des Volkes. So wie meine Generation. Das Urteil wird vertagt, denn jede Generation ist zugleich Kläger und Angeklagte, Richter und Zeugen. Die Jury und die Angeklagten stehen auf und gehen aufeinander zu. Sie beide holen ein betroffenes Lächeln hervor und reichen sich die Hände.
Die Akten bleiben auf dem Tisch, der richtende Hammer wird weitergereicht. Wir können ihn schwingen oder ruhen lassen. Doch die Verantwortung, ob wir wollen oder nicht, liegt jetzt bei uns. Und während wir die Anklagebank räumen, erhebt sich eine neue Frage: Wer wohl als Nächstes vor Gericht steht? Vielleicht der eigentliche Schuldige: der Staat, der mit falschen Versprechungen, kurzfristigen Lösungen und unter Androhung von Gewalt die Weichen für die Fehler aller Generationen stellt.
Information
Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 22. Dezember erscheinenden Jan.-Feb.-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 259.
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