20. Februar 2026
Aus der Welt von Werbung und Medien: Aufgeschnappt
Die monatliche Aufschau
Parteinahme
Wolfram Weimer, der Staatsminister für Kultur und Medien der Bundesregierung, produziert oder evoziert seit seinem Antritt im Mai jede Menge Schlagzeilen. Zunächst, weil Weimer, der nach Bekanntwerden seines Wechsels in die Politik sogleich von der Claudia-Roth-verwöhnten linken Kulturschickeria als schrecklich rechts und von der früher mal konservativen „FAZ“ als kulturell leichtgewichtig diffamiert wurde, in seinen ersten Wochen im Amt allerlei angekündigt hat (siehe ef 255): Die großen Digitalplattformen, sagte Weimer oft und sinngemäß, verbreiteten Desinformation und Hass, wiegelten die Menschen auf (von schlechter Politik als Co-Ursache ist in solchen Politikerworten ja selten die Rede) und klauten Medieninhalte. Deshalb müssten Google, Facebook, Tiktok und Co härter reguliert und zu einer Sondersteuer verdonnert werden. Dieses Geld solle dann an die Medien verteilt werden. Außerdem drängte er die großen US-Streaming-Anbieter wie Netflix zu mehr Investitionen in Deutschland. Und bei der Übernahme der TV-Gruppe Pro Sieben Sat1 hat Weimer den neuen Mehrheitseigentümer – die italienische Berlusconi-Familie – ermahnt, den Standort München zu stärken und die journalistische Unabhängigkeit zu wahren: „Wir werden darauf ein Augenmerk haben.“ All dies kam in den begünstigten Communitys gut an. Würden sie sich nach ihrer Vorschusskritik vielleicht mit Weimer arrangieren, gar versöhnen?
In Erhards Namen
Doch der Wind drehte sich wieder. Kritik kam etwa aus der deutschen Filmbranche, die einen gesetzlichen Investitionszwang für internationale Streamer will; Selbstverpflichtungen seien zu lasch. Und von rechten Medien, federführend „Junge Freiheit“ und „Apollo News“, die kritischen Journalismus betrieben: indem sie das Tun von Mächtigen hinterfragten. Und recherchierten. Diese Enthüllungen schafften es in viele große Leitmedien, die diese Quellen zwar mit spitzen Fingern anfassten – doch sauber zitierten, zentrale Fakten bestätigten und ähnlich deuteten. Hier geht es um zwei Themen, die sich um Weimers vorherige Tätigkeit als Unternehmer drehen: Die Weimer Media Group (WMG) betreibt Medien („Börse am Sonntag“) und Kongresse, etwa den „Ludwig-Erhard-Gipfel“. Die Pointe, dass Weimer, insofern Andenkenbewahrer des Marktwirtschafts-Apologeten Ludwig Erhard, nun als Politiker Eingriffe in den (Medien-) Markt betreibt, blieb eher unbeachtet. Es geht um mehr.
Textübernahme
Erster Vorwurf: Das WMG-Portal „The European“ hat als selbsternanntes „Debattenmagazin“ jahrelang Reden von Prominenten zweitveröffentlicht – auch von Politikern. So etwas ist zulässig, auch honorarfrei; auch andere Medien tun dies. Aber nur selten, nicht systematisch. Und: „The European“ suggerierte, diese Promis seien offizielle Gastautoren, wohl meist ohne deren Wissen. Angesichts der Attacken des Politikers Weimer gegen die Digitalriesen, denen er „geistigen Vampirismus“ vorwirft, wirkt diese Praktik des Ex-Verlegers Weimer seltsam. Und auch hier gibt es eine wenig beachtete Pointe: Einzig Alice Weidel protestierte öffentlich gegen die ungefragte Weiterverbreitung ihrer Reden. Die Leitmedien reportierten Weidels Empörung – anstatt sich, wie man sonst erwarten müsste, darüber zu empören, dass der Staatsminister sich zuvor als Verleger auch mit der AfD-Chefin als Autorin geschmückt hatte.
Einflussnahme
Zweiter Vorwurf: Weimer hat mit dem Wechsel in die Politik zwar seine operativen WMG-Funktionen niedergelegt – er hält aber weiter die Hälfte der Anteile; die andere hält seine Frau. Beide verdienten also daran, dass WMG-Events 2025 Steuergeld-Zuschüsse in addiert fast sechsstelliger Höhe erhielten; Bayern überprüfte diese Praxis nach den Vorwürfen. Nach weiterem Druck erklärte Weimer, seine Anteile zum Jahreswechsel bei einem Treuhänder zu parken – vorläufig. 2026 verdient also erstmal nur seine Frau daran, wenn Sponsoren für den „Erhard-Gipfel“ hohe fünfstellige Beträge zahlen, auch, um laut Berichten unter Berufung auf WMG-Werbematerial „Einfluss“ auf die anwesenden „politischen Entscheidungsträger“ zu erhalten. Auch andere Verlage veranstalten solche Events – aber sie werben nicht derart dafür. Und sie gehören auch keinem Staatsminister, der so etwas anleiern könnte. Eine Pointe auch hier: „Medienpartner“ eines WMG-Events war RTL – der große Konkurrent von Pro Sieben Sat1, von Weimer fast zeitgleich ermahnt.
Information
Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 22. Dezember erscheinenden Jan.-Feb.-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 259.
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