22. Februar 2026
Erinnerung an einen libertär-konservativen Filmklassiker: Der Erbarmungslose
Jean Gabin gegen die „French Connection“
Ein Filmklassiker, den jeder libertär oder konservativ gestimmte Cineast einmal gesehen haben sollte, ist die französisch-italienisch-deutsche Koproduktion „Der Erbarmungslose“ aus dem Jahr 1970 mit Jean Gabin in der Hauptrolle.
Die Handlung des Films, der ohne Überlänge auskommt, gestaltet sich nicht übermäßig kompliziert: Auf einem abgelegenen Bauernhof in der Normandie lebt der verwitwete Großbauer Auguste Maroilleur (Jean Gabin) mit seiner Familie: seinen Töchtern, seinen Schwiegersöhnen und seinen Enkeln. Auguste herrscht mit eiserner Hand über Hof und Angehörige. Seine Werte sind Ordnung, Disziplin und Arbeit.
Der Konflikt beginnt, als der älteste Enkel Henri (Marc Porel), der in Paris studiert, für kurze Zeit auf den Hof zurückkehrt. Er hat sich in Drogengeschäfte verwickeln lassen. Ohne Wissen des Großvaters versteckt er ein Paket mit Heroin – Ware, die einer Pariser Gang gehört. Dies gibt dem Film auch den französischen Namen „La Horse“, ein Argot-Ausdruck für Heroin. Als die Bande bemerkt, dass das Paket verschwunden ist, reisen ihre Mitglieder in mehreren Wellen aufs Land, um es zurückzuholen. Auguste, der das Drogenversteck zufällig entdeckt und das millionenschwere Drogenpaket einfach wegschüttet, begreift, dass seine Familie in Gefahr ist und dass ein polizeiliches Eingreifen nur Skandal und Gefängnis für den Enkel bedeuten würde. Er beschließt, die Angelegenheit selbst zu regeln.
Mit der Entschlossenheit eines alten Kriegsveteranen und der sprichwörtlichen Schläue eines Bauern greift er zu den Waffen. Unterstützt von seinem jüngeren Enkel und einigen vertrauenswürdigen Arbeitern, darunter ein alter Indochina-Kämpfer mit dem Spitznamen Bien-Phu (André Weber), versucht er, die Bande in Schach zu halten, die die Familie brutal terrorisiert, die Scheune anzündet, das Vieh über den Haufen fährt und schließlich sogar die Enkelin vergewaltigt. Dabei reagiert Maroilleur mit der Brutalität und Zielstrebigkeit eines Mannes, der keine staatliche Autorität über sich duldet.
Schließlich rückt die Polizei an, nachdem Schüsse gefallen sind. Auguste weigert sich, Details preiszugeben, und gibt sich unbeteiligt. Die Beweise sind verschwunden, die Bande gänzlich „erbarmungslos“ vernichtet, der Skandal abgewendet.
Am Ende des Films kehrt eine trügerische Ruhe ein: Henri, der Enkel, der die Katastrophe verursacht hat, bleibt auf dem Hof. Trotz seines Studiums und seiner anfänglichen Distanz fügt er sich in das Regiment des Großvaters. Die Schlussszene deutet an, dass er eines Tages den Hof übernehmen wird.
Was macht den Film aus libertärer Sicht interessant? Es scheint recht offensichtlich: Das fehlende Vertrauen der Akteure in den Staat, der stümperhaft agiert und die Verhältnisse auf dem Land nicht durchblickt. Und der konsequente Übergang zur Selbstjustiz. Dann aber auch die Begründung, mit der Maroilleur seine Familie im Kampf gegen die Drogenbande hinter sich bringt: „Ich habe den Hof geerbt!“ Also die Legitimation durch Eigentum und Erbrecht. Vollends verdutzt er die staatlichen Ermittler, als er auf der Polizeiwache seinen Beruf angibt: „Grundbesitzer!“ – „Das ist doch kein Beruf?“ – „Für mich ist es einer.“
Aus konservativer Sicht spricht uns der Gegensatz von Land und Stadt, von Ordnung und Verbrechen und ein Generationen-Gegensatz an. Auf dem Land herrschen noch traditionelle Werte und das Patriarchat, in der Stadt werden die jungen Studenten an den Unis überintellektualisiert und mit Achtundsechziger-Denken vertraut gemacht. Der Drogenkonsum und dann auch die Drogengeschäfte folgen auf dem Fuß, letztlich geht jegliche Moral verloren.
Im Film bricht nun diese verkommene und lasterhafte Moderne in die ländliche, vielleicht etwas drückende, Idylle und Ordnung ein, verbreitet Chaos und Angst. Dem gegenüber steht als mythische Autoritätsfigur der alte Bauer, kurz „der Alte“, den Jean Gabin verkörpert. Als Hauptdarsteller war er dem seinerzeitigen Publikum schon aus vorangegangenen Rollen als Vertreter der Ordnung des alten Frankreich vertraut; die Besetzung der Rolle war bereits ein Signal.
Bemerkenswert auch, dass im Film ein alter Indochina-Veteran nicht als „rechter“ Ballast der Gesellschaft dargestellt wird, sondern als Hilfe bringende loyale Ressource, auf deren Kriegserfahrung man zurückgreifen kann. Der Film des Regisseurs Pierre Granier-Deferre (Drehbuch: Pascal Jardin) lag mit seiner Besetzung, seinem Plot und seinen Stimmungen völlig quer zur damaligen roten „Aufbruchsstimmung“ der Achtundsechziger an den Universitäten.
Das unwahrscheinliche Ende, in dem der wieder mit dem Großvater versöhnte intellektuelle Enkel andeutet, trotz seines Studiums den Hof einst zu übernehmen, weist den Film als regelrechte reaktionäre Utopie aus, denn natürlich befand sich die Landwirtschaft in Frankreich bereits im Niedergang und es setzte ohne Rückwärtsbewegung eine Landflucht der jungen Generation an die Universitäten ein.
Realistisch ist am Film, dass es damals auf dem Land durchaus noch patriarchale Strukturen gab, Frankreich dort recht dünn besiedelt und nicht so gut kontrollierbar ist. Bis heute fallen französische Bauern durch eigenwillige und markante Aktionen auf, etwa wenn sie protestieren oder Einbrecher mit der Schrotflinte abwehren.
Man kann aus dem Film auch zwei Seiten des Kapitalismus herauslesen, eine moderne, schmutzige und kriminell entartete und eine wertorientierte, traditionelle.
Die Drogenhändler repräsentieren die schmutzige, skrupellose Seite, die mit „verderblicher“ Ware schnellen kolossalen Gewinn erzielen will. Feiner Businessdress oder Tenniskluft beim Sport kann die moralische Verkommenheit der Gangster nicht verbergen. Flugreisen deuten auf zumindest überregionale, wahrscheinlich nach der damaligen Struktur des mediterranen Heroinhandels auch internationale Aktivitäten der Drogengroßdealer hin. Zwischen einzelnen Gangstern mit italo-französischen Namen scheinen familiäre Bande zu bestehen, ob man es hier mit regelrechten Mafiaclan-Strukturen zu tun hat, bleibt im Ungewissen, ist aber nach der Natur der damaligen realen „French Connection“ anzunehmen.
Eine andere Form von Familienorientierung bietet hingegen der langfristig denkende, wertorientierte, bodenorientierte Kapitalismus, wie ihn der Bauernhof als Keimzelle verkörpert. Der in Gummistiefeln und mit geschulterter Schrotflinte über das Feld stapfende Patriarch, der diesen leitet, ist auf soziales Ansehen bedacht. Auf keinen Fall soll einer der Familie ins Gefängnis gehen, was den Übergang zur Selbstjustiz im konkreten Fall unvermeidlich macht. Die Weitergabe des landwirtschaftlichen Betriebs an künftige Generationen ist das klare nachhaltige Ziel. Das Sagen hat in solch mittelständischen Betrieben der Eigentümer, es herrschen kaum anfechtbare Hierarchien.
Damit ist in „La horse“ schon eine weite Spannbreite dargestellt, wie sich der Kapitalismus grundsätzlich präsentieren kann, wie er aus konservativer Sicht eigentlich sein sollte und wie er nicht sein sollte.
Ästhetisch ansprechend machen den Film die Landschaftsaufnahmen und die Filmmusik des legendären Chansonniers und Komponisten Serge Gainsbourg. Der Bildaufbau ist einfach und klar. Er verkörpert die Ordnung und die Einfachheit des Landlebens, in die immer wieder in teils quälend langen Schreckmomenten die Gangster platzen.
Der Film war seinerzeit als „reaktionär“ recht umstritten und zog auch negative Kritiken auf sich. Der Evangelische Pressedienst meinte etwas, der Film rechtfertige „diktatorisches Verhalten“. Konservative Medien feierten den „Erbarmungslosen“.
Wenn es so etwas wie konservatives Kino gibt, dann hat „Der Erbarmungslose“ als Beitrag aus Europa, der quasi einen Western in die Normandie verlegt, einen festen Platz unter den Klassikern darin. Die Frage, wie sich der Einzelne, der noch Eigentum hat, gegenüber einem übergriffigen, aber zunehmend dysfunktionalen Staat und einer hemmungslosen Kriminalität positionieren soll, verleiht dem Streifen heute besondere Aktualität.
„Der Erbarmungslose“ kann in der französischen Originalversion und auf Deutsch auf Amazon gestreamt werden, auch DVDs der Originalversion sind noch erhältlich. Der Film basiert auf dem Roman „La Horse“ von Michel Lambesc aus dem Jahr 1968.
Information
Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 22. Dezember erscheinenden Jan.-Feb.-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 259.
Anzeigen
Kommentare
Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.
Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.
Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.


