09. Februar 2026
Schuld und Unschuld der Boomer: Danke für dieses Deutschland!
Graues Haar, Falten, Einkaufstrolley, Lesebrille und Strickjacke
von Julius Tiede
Prolog
„Der alte weiße Mann ist an allem schuld!“ So oder so ähnlich hört man es immer wieder aus vielen Mündern in der Republik. Doch nicht nur alte weiße Männer, auch Omas sind mittlerweile längst als böse „Klimasauen“ gebrandmarkt. Ein Feindbild des ultimativ Bösen wird skizziert. Eine gesamte Generation wird verantwortlich gemacht für alles Negative in der Welt. Alles Böse führe letztendlich auf die Generation unserer Eltern und Großeltern zurück. Doch wie schuldig sind Boomer wirklich? Oder überwiegt am Ende doch die Unschuld, und es steckt am Ende nichts als heiße Luft in diesem Diskurs?
Die Unschuld
Wenn das Wort „Boomer“ fällt, erscheint vor unserem inneren Auge sofort das Bild eines alten Mannes mit grauem Haar, Falten im Gesicht und dunkelblauem Wollpullunder. Oder das einer älteren Dame mit Einkaufstrolley, Lesebrille und knallpinker Strickjacke. Doch was in Vergessenheit gerät, ist, dass auch diese Menschen einst jung und voller Tatendrang waren. Eine Generation, für die das Wort „Work-Life-Balance“ fremd war. Während es noch bis vor wenigen Jahrzehnten eine Selbstverständlichkeit war, Überstunden zu leisten, löst dieser Begriff heute nur noch Unbehagen und Stress in den Köpfen junger Berufstätiger aus. Berliner Langzeitstudenten brauchen erst einmal einen Matcha mit Hafermilch, um vom Schock des Wortes „Überstunden“ runterzukommen. Der starke wirtschaftliche Aufschwung Deutschlands in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war auch ein Ergebnis von Arbeitsmoral. Er bildet das heutige Fundament, auf das unser Land fußt und auch noch in Zukunft bauen kann. Die Bundesrepublik wurde eines der reichsten Länder der Welt – durch Boomer.
Es wäre schlichtweg falsch, mit dem nackten Finger auf einen alten Mann zu zeigen und ihn für alles verantwortlich zu machen, nur weil er alt ist. Boomer waren optimistisch. Sie glaubten daran, dass die Welt sich verbessern ließe – durch Bildung, durch Fleiß, durch Technik. Euphorie herrschte in der noch jungen Bundesrepublik. Ein kollektiver Fortschrittsglaube manifestierte sich in den Köpfen der Menschen.
Gefühle, die man heute teils vermisst. Aus diesem fast schon einmaligen Optimismus erwuchs auch das große Vertrauen in den Sozialstaat. Er galt als zivilisatorischer Meilenstein, nicht als geldfressendes Milliardenloch. Stütze kassieren und Beine hochlegen waren die Ausnahme. Kein Jammern über körperliche Arbeit. Lebensrealität bedeutete für Boomer: drei Fernsehprogramme, Butter in Zeitungspapier und eine Ehe, die länger hielt als jedes heutige Software-Update. Statt Digitalisierung und Globalisierung bestimmten mechanische Innovationen, industrielle Arbeitsplätze und klare gesellschaftliche Rollenbilder ihren Alltag. Das Leben war einfacher, weniger komplex. Die Stabilität geriet nicht ins Schwanken, die Sorgen waren andere. Heutzutage sind Boomer der Garant für unsere wirtschaftliche Stabilität. Ohne sie gäbe es uns in dieser Form nicht – wirtschaftlich wie gesellschaftlich.
Die Schuld
Doch genauso groß wie die Unschuld ist auch die Schuld. Die Generation der Achtundsechziger und Woodstock, die Anarchie, Hippie-Lifestyle und freie Liebe predigten, ist heute diejenige, die am stärksten die Regulierungen und Einschränkungen des Staatsapparates verteidigt und stützt. Es gleicht einer Doppelmoral, fast einer Groteske, in welchem Kontrast Boomer zu ihrem früheren Ich stehen. Statt Rebellion und Freiheit sind heute Mündigkeit und Gehorsam angesagt. Onkel Gerd, Ehrenpräsident im Gartenverein, demonstrierte 1968 gegen Springer. Heute ruft er das Ordnungsamt an, wenn sein Nachbar falsch parkt.
Keine Generation konsumiert mehr öffentlich-rechtliche Medien, ist häufiger im Staatsdienst tätig und wählt öfter „Altbewährtes“. Der „Nanny-Staat“ – ein Traum jedes Boomers. Man hat blindes Vertrauen und verliert sich im Verwaltungsfetisch. Diese moralische Externalisierung steht sinnbildlich für das Wegducken vor Eigenverantwortung. Man drückt sich vor dieser Last, um es sich bequem zu machen in der Hängematte Staat. Benjamin Franklin bringt es mit auf den Punkt: „Wer die Freiheit für ein bisschen Sicherheit aufgibt, hat sie nicht verdient.“
Absurder wird es nur noch, wenn man ein Auge darauf wirft, wie sich diese Generation ihren Wohlstand aufgebaut hat: wirtschaftlich günstige Rahmenbedingungen und, im Vergleich zu heute, größere wirtschaftliche Freiheiten. Das Korsett des Gespenstes Regulierung war noch nicht geschnürt. Lieferkettengesetz? Ein Fremdwort. Doch genau hier greift das Wort Generationengerechtigkeit, ein Wort, das eher im linken Spektrum üblich ist. Wie gerecht können Boomer sein, wenn sie die Mittel und Wege, durch die sie selbst an Wohlstand gekommen sind, kappen?
Junge Menschen, geprägt von Tatendrang und Ideengeist, werden gebremst durch die Generation Ego, die Überregulierung und notorische Vorsicht walten lässt. Fortschritt wird ausgebremst. Bitcoin und Blockchain-Technologie? Lieber weiter auf das Fiat-Geldsystem setzen ...
Der Konflikt zwischen Alt und Jung wird auch auf diesem Schlachtfeld ausgetragen. Kryptowährungen werden als „Zockerei“ abgetan. Stattdessen setzt man auf das Sparbuch – das Tamagotchi der Boomer: pflegeleicht, tut nix und lebt von Zinsen, die so ausgestorben sind wie das Feierabendbier in der Kneipe. „Sicherheit“ ist hier das Schlagwort. Bloß kein Risiko eingehen. Neuen Arbeitsmodellen und insbesondere neuen Technologien zeigt man sich verschlossen und abgeneigt. In der Welt der Boomer ist KI keine Chance – sondern der erste Schritt in die Maschinenherrschaft. Als wäre es gefährlicher, einem Algorithmus zu trauen als dem deutschen Finanzamt.
Man vertraut auf den Staat als die Institution, die niemals falschliegen kann. Dieses Vertrauen nimmt teils Ausmaße einer gottesgleichen Verehrung an. In der Jugend noch kritisch, heute ein Weltbild, das vor Naivität und Irrglauben trieft. Die Staatsgläubigkeit hat die Oberhand gewonnen. Massenüberwachung und Gesichtserkennung: Warum nicht? Es gleicht einer selektiven Freiheitsauffassung. Überall dort, wo Freiheit für einen selbst von Nutzen ist, wird sie akzeptiert und gewollt. Doch dort, wo es um die Freiheit anderer geht, sieht es teils anders aus. Diese Bequemlichkeitsmoral hat sich fest in das Denken der Boomer integriert. Sie betrachten die Freiheit nicht als ein universelles Prinzip, sondern als einen Begriff, den sie sich flexibel nach Belieben zu eigen machen können.
Epilog
Schuld trägt kein Geburtsjahr. Eine Kollektivschuld oder gar Unschuld auszusprechen, ist falsch. Dies würde linker Rhetorik und Gleichmacherei entsprechen. Das Individuum ist entscheidend. Schuldig sind jene, die in Machtpositionen die Stricke geleitet haben. Personen, die sich nach jeder weiteren Regulierung und Verengung der Freiheit im Bundestag selbst beklatschten. Jene, die dafür gesorgt haben, dass unser Land in der jüngeren Vergangenheit vom Regen in die Traufe fiel. Personen, die eine Wohlstandsverwahrlosung einmaligen Ausmaßes erlitten und eine immer größere Distanz zur Realität aufgebaut haben. Was jedoch alle eint, ist die fehlende Akzeptanz für einen Generationenwechsel. Es mangelt an Mut und Verständnis, den Schritt in die Gegenwart zu gehen. Während Boomer einst an vorderster Front für Freiheit in ihrem Sinne kämpften, verwalten sie diese heute nur noch.
Doch es braucht auch eine kritische Selbstreflexion der jüngeren Generationen. Während Boomer nicht mit der Zeit gehen, sind der GenZ grundlegende Werte und Tugenden abhandengekommen. Ein Generationenkonflikt ist als Folge der Asymmetrie zwischen Alt und Jung entstanden. Die Herausforderung liegt darin, die jeweils eigene Blase zu überwinden und den Dialog zwischen den Generationen als komplementären Akt zur Beendigung des Konflikts zu starten.
Information
Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 22. Dezember erscheinenden Jan.-Feb.-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 259.
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