19. Juni 2026
Freibier: Ich hab das Paradies gesehen!
Nürnberg, Wodanstraße 15
von Helge Pahl
Das Erreichen des Himmelreiches, des Paradieses also, stellt in der Vorstellung eines religiösen Menschen die Vollendung seines Seins dar. Ob tagtäglich mit Petrus übers Wetter quatschen, unermüdlich an Wodans fröhlicher Tafel bechern oder 72 Jungfrauen vernaschen – den Preis für die jeweilige Belohnung bezahlt man immer mit dem Leben. Und da noch niemand aus einem der unzähligen Paradiese zurückgekommen ist, scheint es den Toten dort aufgrund all der Verlockungen nicht schlecht zu ergehen. Aus dem Niederdeutschen kennen wir das Determinativkompositum „dootblieven“ (hochdeutsch: „totbleiben“) für „sterben“ beziehungsweise „verstorben sein“. Es könnte ein Hinweis darauf sein, dass sich die Toten nach dem Ableben freien Stückes entscheiden, im Totenreich zu verweilen. Dass die für das Jahr 2021 prophezeite Zombie-Apokalypse augenscheinlich ausgeblieben ist, vermag diese These zu stützen. Es geht den Verstorbenen offenbar zu gut im Paradies, so dass niemand, der noch bei Sinnen ist, ernsthaft erwägt, sich erneut den Peitschen der irdischen Halbgebildeten und ihrem Steuerregime zu unterwerfen.
Auch der Sozialist hat eine Landkarte in der Hosentasche, mit der er alle seine Mitmenschen in sein Paradies lotsen möchte. Bei ihm geht es jedoch nicht in einen imaginären, transzendenten Himmel, der den vermeintlich Unterjochten als Verheißung auf ein unendliches Leben vorgegaukelt wird, sofern sie sich nur frisch, fromm, fröhlich und fleißig ausbeuten lassen. Der Sozialismus selbst ist die Verheißung des Paradieses auf Erden. Ist er erst einmal richtig umgesetzt, werden alle Menschen (und neuerdings auch Tiere) bereits zu Lebzeiten paradiesische Zustände erreichen, so die Theorie. Bedauerlicherweise ist es zuweilen ungemein schwierig, alle Menschen ohne Gebrauch von Waffengewalt von diesem hehren Ziele zu überzeugen. Eine Planwirtschaft kann nur den Mangel verwalten. Es ist ihr nicht möglich, Wohlstand zu mehren, und somit kann der sozialistische Anspruch, paradiesische Zustände herbeizuführen, nur scheitern. Naturgemäß erreichen daher die Insassen sozialistischer Versuchsanstalten das himmlische Paradies, bevor das weltliche errichtet werden konnte. Allein die Kader und Parteifunktionäre, die die vermeintlich zukünftigen paradiesischen Zustände für alle vorab ausprobieren und ausloten dürfen, bekommen bereits zu Lebzeiten ein Gefühl dafür, was sie im Totbleiben vielleicht verpassen werden, wenn sie endlich zur Hölle fahren – setzen wir einmal die Existenz eines gerechten Gottes voraus, und davon gehe ich als gläubiger Agnostiker aus, denn ich habe das Paradies gesehen.
Beruflich zieht es mich oft nach Nürnberg. Messe, sehr lange, stehende Tage, trockene, oft hohle Luft, fern, so fern dem Heimatland. Aber was tut man nicht alles für das Geld fremder Leute? Vor einigen Jahren allerdings entdeckte ich zufällig das Paradies, genauer gesagt das Landbierparadies in der Wodanstraße 15, und alle Entsagungen sind seither wie fortgewischt. Gedämpftes Licht, zur rechten Zeit gedrängt gefüllt, alte Gasthausmöbel, bieriges Ambiente mit alten Bildern und jungen Hopfenpflanzen, rustikaler Dielenboden, holzgetäfelte Wände, schlichtweg urig. Emsige, hilfreiche, allezeit umsichtige Gastleute sowie einfache, doch nahrhafte und preisgerechte Speisen fangen selbst den fremdesten Fremden ein und machen ihn hier heimisch. Nahezu 100 verschiedene fränkische Biere auf der Karte warten darauf, jedweden menschgemachten Feinstaub aufs Köstlichste hinfort zu spülen.
Eröffnet wurde das Landbierparadies in der Nürnberger Südstadt bereits 1994 vom Getränkeunternehmer Joachim Glawe und seiner Frau Charlotte. Die 90er Jahre waren getragen von Besinnung auf Althergebrachtes und ein gutes, genussvolles Leben. Die Glawes trafen den Nagel auf den Kopf. Die Kundschaft war begeistert, und im Laufe der Zeit eröffneten sie zwei weitere Gärten Edens in Nürnberg, 2002 in der Sterzinger Straße und 2016 im Nordosten der Stadt in der Leipziger Straße 32. Das Wort Paradies entstammt dem Persischen und bedeutet so viel wie ummauertes Gehege. In den vier Wänden des Landbierparadieses wird nicht nur die fränkische Biervielfalt gehegt, hier pflegt man auch die Stammtischkultur. An die 35 verschiedene Stammtische finden ihre Heimstatt, dazu viele Schafkopf- und Skatrunden. Sie durchbrechen die urbane Anonymität der zweitgrößten Stadt Bayerns und machen Nachbarn zu Freunden und Stadteile zu Dörfern.
Die Dependance in der Wodanstraße, ich bezeichne sie mittlerweile als mein Nürnberger Wohnzimmer, wird von dem fleißigen und freundlichen Wirt Tuy geführt. Er ist vor etlichen Jahren der vietnamesischen Planwirtschaft entronnen, um in einer fränkischen Gastwirtschaft Marktwirtschaft zu betreiben – ein sehr korrekter Mann mit dem Gedächtnis eines asiatischen Elefanten. Im Jahr 2018 ergab es sich, dass ich aufgrund mangelnden Wechselgeldes ein Guthaben von 23 Euro auf dem Bierdeckel stehen hatte. Da ich abreisen musste, konnte ich es weder abholen noch einlösen. Ein Jahr später, beim nächsten Besuch Nürnbergs, stand der Betrag aber immer noch in Tuys imaginärer Buchhaltung parat, um sodann in handwerkliche, fränkische Brauliquidität eingelöst zu werden. Im Paradies kommt halt nichts weg.
Neben der enorm großen Biervielfalt Frankens, die die drei Paradiese als Flaschenbiere vorhalten, ist das Fassbier der Star eines jeden Abends. Hier hat sich keine (große) Brauerei mit Krediten auf Mobiliar und Schanktechnik samt einhergehenden, knebeligen Abnahmeverträgen oder lukrativen Rückvergütungen das Monopol auf die Zapfhähne gesichert, wie bei vielen Gaststätten üblich. Nein, ein unbekannter Algorithmus bewirkt, dass fast täglich die Fassbiersorte wechselt. Diese steht aber natürlich immer mit den fast 100 Flaschenbieren in Konkurrenz. Kommt es bei den Gästen nicht gut an, wird es zukünftig nicht mehr angeboten. Die Fässer müssen zügig entleert werden, damit das Bier nicht schal wird. Denn das Fassbier wird stets frisch aus einem ungespundeten Fass, also ohne klimazerstörende CO2-Zugabe, in die Steinkrüge der Landbierparadiese gezapft. Das ist kultig, traditionell und altbewährt – und daher natürlich der EU ein Dorn im Auge. Der Steinkrug ist eigentlich seit 2014 in der gesamten EUdSSR für kohlensäurehaltige Getränke höchst bürokratisch verboten. In Ausnahmefällen darf er nur noch verwendet werden, wenn der Wirt auf Verlangen des Gastes demselben ein Referenzmaß (Messbecher) zur Verfügung stellt, damit dieser nachweisen kann, dass der Wirt ihn übervorteilte, als der den Eichstrich absichtlich im Bierschaum ertränkte (siehe Freibier in ef 237). Ich bin mir sicher: Kein Gast hat sich hier jemals getraut, danach zu fragen. Es gibt aber natürlich auch nicht-kohlensäurehaltige Getränke, wie beispielsweise fränkische Obstbrände. Diese werden in marktwirtschaftlicher Zuvorkommenheit in wiederkehrenden Abständen unaufgefordert an jedem Tisch kredenzt. „Mogst no a Schnaps?“, duzt Tuys walkürische Kollegin. Im frängischen Bierparadies ist der Gast Gumpel und Gönig zugleich.
Neben den drei Gastwirtschaften betreiben die Glawes einen Getränkemarkt unter demselben Namen in der Galgenhofstraße. Auch hier steht bieriges Ambiente neben einer unfassbar großen Biervielfalt an vorderster Stelle. Über 400 verschiedene Biere von gut 100 fränkischen Brauereien sind auf engstem Raum versammelt. Zudem gibt es wechselnde Probierpakete, schwer erhältliche Abfüllungen in Großflaschen und einen Fassbierservice. Neben den seltenen Bieren werden auch andere erlesene fränkische Spezialitäten feilgeboten, darunter eine erschlagend große Auswahl an Obstbränden, Likören und Weinen sowie Wurstwaren und Gebäck. Wer als Reisender ein besonderes Mitbringsel aus Franken sucht, wird hier allemal fündig. Und wer aufgrund von Kraftstoffmangel oder Klimaschuld nicht zu reisen vermag, kann die rund 400 verschiedenen Biere und andere Köstlichkeiten im Online-Shop des Landbierparadieses bestellen und sich so die fränkische Genusswelt direkt nach Hause bringen lassen.
Sie bekommen dann ein Windhauch des Paradieses zu spüren. Das echte irdische Elysium, fern von Religion, Ideologie und Politik, kann man jedoch nur in Nürnberg erleben, ob tagtäglich oder nur einmal im Jahr. Hier findet der Bierfreund sein Segenheil. Der Wahlspruch des Landbierparadieses ist denn auch: „Das Leben ist zu kurz, um schlechte Biere zu trinken.“ Er unterstreicht damit den markanten Unterschied zwischen irdischem und himmlischem Paradies: Die meiste Zeit seines Lebens bleibt man tot. Die Erklärung dafür wurde eingangs schon angedeutet: Wer jemals von echtem Durst malträtiert im Landbierparadies Platz genommen hat, sodann mit geschlossenen Augen eines der vielen exzellenten fränkischen Handwerksbiere in sich hineinlaufen ließ, kann ahnen, warum die Toten, dort, wo sie sind, lieber totbleiben. An dem Ort muss es mindestens so gut wie im Landbierparadies sein.
Information
Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 24. April erscheinenden Mai/Juni-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 261.
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