22. Juni 2026

ef 262 Editorial

Eine fast verschüttet geglaubte Gesprächskultur

von André F. Lichtschlag

Artikelbild
Bildquelle: KI-generiert (Chat-GPT) Artikel aus ef 262, Jul./Aug. 2026.

Aus einer leisen Vorahnung wird langsam eine tiefe Gewissheit. Wir befinden uns bereits inmitten eines kolossalen technologischen, ökonomischen und politischen Epochenbruchs. Wirtschaftlich nagt der Sozialismus, wer hätte das gedacht, so langsam an der Substanz. Der Kapitalismus wurde so sehr entkernt, dass kein Überschuss mehr produziert wird, der noch verteilt werden kann. Die anstehenden Verteilungskämpfe werden immer ungemütlicher. Und die Künstliche Intelligenz stellt ohnehin mehr oder weniger alles infrage.

Der Zeitenwechsel widerspiegelt sich in neuen Formen der Kultur – und in der Rückbesinnung auf alte, bewährte. Haben wir zuletzt noch alle die Fetzen- oder Clipkultur im Tiktak-Zeitalter beklagt, in dem die Aufmerksamkeitsspanne insbesondere der Jugend kaum mehr über eine Minute hinausreicht, staunen wir nun über ein neues Phänomen: In Long-Form-Gesprächen im Internet hören Millionen Menschen interessanten Gästen oft vier Stunden oder länger zu. Der Moderator unterbricht nicht, sondern möchte den Gästen durch gespanntes Zuhören bewusst verborgene Geschichten entlocken. Die alten Torwächter des Mainstreams stehen fassungslos vor dem neuen Medienphänomen, das in Deutschland eng mit dem Namen Ben Berndt verknüpft ist, der sich wiederum an den US-amerikanischen Long-Form-Podcast-Pionier Joe Rogan anlehnt.

Unser polnischer Cartoonist erzählte mir, dass auch in dessen Heimat plötzlich Podcaster in überlangen, ruhigen Gesprächen mit alternativen, interessanten Persönlichkeiten ein Publikum erreichen, von dem der alte Mainstream nur noch träumen kann. Es geht also gar nicht speziell um Joe Rogan oder Ben Berndt. Die beiden haben offenbar nur einen Nerv der Zeit getroffen, der kurz zuvor noch totgesagt wurde. Eine fast verschüttet geglaubte Gesprächskultur wurde und wird zu neuem Leben erweckt, auf die Spitze getrieben in XXLLänge – ein retrofuturistisches Phänomen unter vielen?

Wir wollen all dem in dieser Ausgabe nachspüren, und ich wünsche Ihnen, verehrte Leser, bei der Lektüre viel Lesefreude und Erkenntnisgewinn. Zur retrofuturistischen Gesprächskultur zählt auch der gestiegene Stellenwert des persönlichen, non-virtuellen Austauschs. Sind Sie eigentlich schon angemeldet zu unserer großen Jubiläumskonferenz im kommenden Januar auf der Insel Usedom (mehr Informationen unter https://ef-magazin.de/konferenz/)? Viele Freunde haben bereits zugesagt. Ich würde mich persönlich sehr über ein Wiedersehen oder Kennenlernen freuen. Doch zunächst wünsche ich sonnige Sommertage. Genießen Sie die schönen Momente in einer Zeit, in der sich so vieles so rasant ändert. Unsere bewährte Parole kennen Sie: Kein Fußbreit den neosozialistischen Ausbeutern aller Parteien aller Länder aller Zeiten! Mehr Freiheit.

Information

Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 26. Juni erscheinenden Jul.-Aug.-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 262.


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