20. Juni 2026
Gute, wahre und schöne Gemälde: Ben Johnson
Der Meister der Architekturmalerei
Die foto- und hyperrealistische Malerei ist geprägt von außergewöhnlichen Menschen, die wochen-, monate- oder gar jahrelang an einem einzigen Bild arbeiten. Eine solche Hingabe zum eigenen Schaffen setzt einen besonders unbeugsamen Willen des Künstlers voraus, eine unbedingte Eigenständigkeit und einen Drang zu Unabhängigkeit.
Der 1946 in Wales geborene Brite Ben Johnson ist heute weltbekannt für seine malerische Beschäftigung mit Architektur, geprägt durch seine Passion für Symmetrie, geometrische Formen und Perspektive sowie von einer Perfektion in Farbe, Textur, Licht und Materialität. Erst spät in seinem Leben hinterfragte Johnson diese Leidenschaft und machte seine schwere Kindheit öffentlich. Der Vater war ein sechs Mal verheirateter rauschhafter Spieler und Lebemann, die Mutter ebenfalls vielfach verheiratet, Künstlernatur, glamourös, Femme fatale. Immer wieder traten später Halbgeschwister in sein Leben, von denen er nichts ahnte. Bei Wutanfällen warf der exzentrische Vater nicht nur einmal Tische und Stühle durchs Fenster, zerstörte das gesamte Heim. Erklärt sich damit die Motivwahl von Ben Johnson: feine, geordnete, schöne Häuser von innen und außen, die zum Leben und Wohlfühlen einladen?
Materiell schwankte seine Kindheit zwischen überbordendem Wohlstand und plötzlichem Mangel. Zuweilen brachte der Vater auch überraschend ein Pony für den kleinen Ben mit nach Hause oder 2.000 Hüte standen im Lieferwagen für die Mutter vor der Haustür, nachdem diese zuvor bemängelt hatte, dass ein anständiger Ehemann der Frau doch gelegentlich einen Hut schenke. Und dann war mal wieder alles verspielt.
In der Schule war Ben Johnson eine Katastrophe, er brach sie mit 13 Jahren ab und beschloss, Künstler zu werden. An der Kunstakademie war er dann ein Überflieger, wurde noch als Kind zu den Graduierten durchgewunken und arbeitete mit Kollegen, die viel älter waren als er. Schnell wurde Johnson von New Yorker Kunstenthusiasten entdeckt und in wohlhabenden Kreisen an der US-Ostküste hoch gehandelt. Er war gerade Anfang 20 und hatte es geschafft – mit abstrakten, expressionistischen Gemälden. Doch Johnson hinterfragte sich und schmiss die sichere Karriere hin, um sich ganz eigenen Formen der figurativen, genauen, immer fotorealistischeren Malerei hinzugeben – im Auge dabei stets die Architektur, die er bewundert. Menschen malte er nie, auf keinem einzigen seiner Bilder.
Johnson erklärt uns den künstlerischen Übergang: „1971 hatte ich das Glück, eine Einzelausstellung in der Madison Avenue in New York zu haben. Trotz, oder vielleicht gerade wegen des finanziellen Erfolgs, konnte ich meine vom deutschen Expressionismus beeinflussten Gemälde objektiv betrachten und beurteilen. Mir wurde klar, dass ich meine eigene Sprache und Richtung finden musste. Als ich zum ersten Mal in New York lebte, erlebte ich die Dynamik einer hochmodernen Stadt. Überall Baustellen und die ganze Energie, Neues zu feiern. Ich stieß auch auf die fotorealistischen Gemälde von Richard Estes und empfand sie nicht nur als zeitgemäß, sondern auch als Ausdrucksmittel der Perspektive. Mir wurde bewusst, dass dies mein Wegweiser für die Zukunft sein könnte. Ich bemerkte auch, dass in meinen Skizzenbüchern, die ich bereits mit 14 Jahren geführt hatte, fast jede Seite Ausschnitte zeitgenössischer Architektur enthielt. Dies schien mir ein wichtiger Bereich zu sein, den es zu würdigen galt. Auch hatte ich schon immer eine Leidenschaft für Geometrie. So verband ich Geometrie und Architektur mit der mir durch die Perspektive vermittelten Sprache, um voranzukommen. Ich habe das Gefühl, diesen Weg die letzten 60 Jahre konsequent weitergegangen zu sein.“
Auch als Fotorealist blieb Johnson ein Unikat. Den Fotorealismus als Bewegung hält er ohnehin für längst abgeschlossen, für „eine kurze Periode, die sich vielleicht von den 1960er Jahren bis Mitte der 1970er Jahre erstreckt, als Ausdruck des damaligen Zeitgeistes unter den Künstlern“. Johnson erklärt uns, er sei „der Ansicht, dass wir alle Können als selbstverständlich ansehen sollten; es allein genügt nicht. Können schafft kein Kunstwerk.“ Ihm waren „immer die Themen wichtig. Ich wollte die Ambitionen von Architekten und Ingenieuren gleichermaßen würdigen. Ich hatte nie Interesse daran, ein Foto zu reproduzieren.“
Wie er seine Motive auswählt? „Im Vordergrund steht für mich immer das Bedürfnis nach Ausgewogenheit und Ruhe. Die klassischen oder zeitgenössischen Gebäude, die ich male, zeichnen sich zudem durch eine sehr strenge Geometrie aus. Norman Foster war einer der ersten Architekten, nach denen ich zu malen begann.“ Auch Zaha Hadid fasziniert ihn, „weil sie mit konventioneller Architekturgeometrie bricht“. Die Klarheit der Architektur Richard Meiers und dessen Umgang mit Licht im Raum schätzt Johnson ebenfalls. Zunehmend bewundert er auch die Arbeit der Ingenieure – „heute verbringe ich ebenso viel Zeit mit der Recherche über die Ingenieure wie über die Architekten“.
Und Maler, die er besonders schätzt? Er nennt den spätmittelalterlichen Altniederländer Jan van Eyck, den Italiener der Frührenaissance Piero della Francesca, natürlich den Meister des Lichts Jan Vermeer, den neoimpressionistischen Pointillisten Georges Seurat, den russischen Expressionisten und Pionier der geometrischen Abstraktion Wassily Kandinsky sowie am Ende dann doch auch Chuck Close, eine Gallionsfigur aus der ersten Generation der Fotorealisten. Johnson fügt spitzfindig hinzu: „Diese kleine Liste mag die Bedeutung des Verhältnisses zwischen Kunst, Wissenschaft, Materiellem und Spirituellem in meiner Malerei verdeutlichen.“
Weltweite Bekanntheit erlangte Ben Johnson für seine Gemälde, die auf architektonischen Räumen basieren, sowie vor allem für seine großformatigen, detailreichen Stadtansichten. Zu seinen menschenleeren, modellbauartig wirkenden, großformatigen Werken zählen Panoramen von Hongkong, Zürich, Jerusalem, Liverpool und zuletzt seine London-Ansicht, die 2010 im Rahmen eines Stipendiums an der National Gallery in London entstand.
An der Liverpooler Stadtansicht, gemalt in Acryl auf Leinwand in der Größe von zweieinhalb mal knapp fünf Metern mit mehreren hunderttausend dargestellten Gebäuden, arbeiteten von April 2005 bis Ende März 2008 unter Ben Johnsons strenger Aufsicht 43 Personen drei Jahre lang – 18 Mann-Jahre – der Meister selbst, unterstützt von drei Zeichnern, ein Trenner für Schablonen, ein Farbmischer und Atelierassistent sowie 37 weitere Personen, viele davon ehrenamtlich. Das Gesamtbild zeigt fünf Quadratmeilen. Über 3.000 Referenzfotos wurden angefertigt. Insgesamt wurden 22.950 Schablonen verwendet. Das Gemälde wurde schließlich während eines sechswöchigen Aufenthalts in der Walker Art Gallery öffentlich fertiggestellt.
Einen guten Eindruck von diesem Projekt sowie von der Persönlichkeit des vornehmen Briten Ben Johnson vermitteln einige sehenswerte Videoproduktionen, die auf Vimeo und Youtube zu finden sind. Besonders empfohlen sei die neue knapp halbstündige Dokumentation „Architectural Painting“ des Filmstudios DOGMA85, erschienen zu Jahresbeginn 2026 auf Youtube.
Ben Johnson ist Ehrenmitglied des Royal Institute of British Architects für seinen Beitrag zum öffentlichen Verständnis zeitgenössischer Architektur und wurde 2015 für seine Verdienste um die Kunstvermittlung zum Ehrenmitglied der Glyndwr University in Wales ernannt. 2017 wurde er Mitglied der Royal Cambrian Academy in Wales. Er hat Aufträge für das Royal Institute of British Architects, das British Museum und die National Museums Liverpool sowie für IBM, HSBC, JP Morgan, British Steel, Hong Kong Telecommunications und viele andere Unternehmen ausgeführt. Seine Werke sind in den ständigen Sammlungen von Museen weltweit vertreten, darunter das Victoria & Albert Museum in London, das Centre Georges Pompidou in Paris, das Museum of Modern Art in New York und das Regional Services Museum in Hongkong.
Der Autor dieses Artikels konnte im Frühjahr 2026 drei Werke Ben Johnsons als Teil der großen Ausstellung „Rivaling Reality: 60 Years of Photorealism“ im Museum Frieder Burda (läuft noch bis 2. August 2026, unbedingte Empfehlung) in Baden-Baden bewundern. Seine mit Acryl auf Leinwand gemalten Marmorböden zum Beispiel (in perfektem Licht glänzend, in symmetrischer Harmonie arrangiert) erwecken beim Betrachter tatsächlich den Anschein, harte polierte Steine vor sich zu sehen. Magie? Umwerfend!
Information
Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 24. April erscheinenden Mai/Juni-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 261.
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