27. Januar 2026
Demokratie und Gesellschaft: Schwangerschaftsgymnastik
Über die Bedeutung von Wahrheit, Demokratie und Manipulation in modernen Gesellschaften
von Kurt Kowalsky
Katholisch erzogen, bekam ich irgendwann eine Bibel geschenkt. Zum Leidwesen meines Herrn Vaters setzte ich mich hin und fing an, das dicke Buch zu lesen, anstatt draußen zu spielen. Genesis, Exodus, Levitikus, Numeri, Deuteronomium usw. Ja, ich hatte bereits als Kind einen gewissen Hang zum Theoretiker.
Als ich nach Wochen bei den Evangelien angekommen war, bemerkte ich, dass da von „Brüdern“ dieses Jesus geschrieben wurde. Aber im Religionsunterricht war doch stets von der ewigen Jungfräulichkeit Mariens die Rede. Da sah ich in der Bibel eine Fußnote. Bei den „Brüdern Jesus“ wäre das als Verwandte Jesus zu verstehen. War an anderer Stelle von Brüdern die Rede, waren das aber wohl echte Brüder. So zum Beispiel Jakobus, der Bruder des Apostels Johannes. Ich ging also zum örtlichen Pfaffen und konfrontierte ihn mit meiner Entdeckung. Er wiederholte quasi die Erklärung aus der Fußnote. „Ok“, sagte ich, „und wie kann man auf Grundlage der Schrift unterscheiden, wann echte und wann falsche Brüder gemeint sind?“ Eine Antwort blieb er mir schuldig.
Bleiben Sie bei mir! Der „Spiegel“ schreibt aktuell: „Vieles deutet darauf hin, dass der Weg der USA unter Donald Trump in den Faschismus führt. Der Umgang seiner Regierung mit der Tötung von Renee Good liefert dafür einen neuen Beleg.“
Hört, hört! Fragen: Wie kann man auf Grundlage der Schrift (also der jeweiligen Verfassung) erkennen, welcher frei gewählte demokratische Bruder ein echter und welcher ein Faschist ist? Oder ist der Faschismus dem Demokratismus inhärent, weil den an die Macht gelangten Cliquen stets das „Recht“ eingeräumt wird, mit Fußnoten die Begriffe umzudeuten? Hat nicht seit 1949 der angeblich durch Wahlen legitimierte Gesetzgeber in Deutschland das Grundgesetz 67 Mal geändert? Steht nicht sogar das Wahlrecht unter einfachem Gesetzesvorbehalt?
Zurück zur Bibel. Da heißt es im Matthäus-Evangelium, Kapitel 18, Vers 20: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ Mag ja sein. Ich halte mich da raus. Aber da steht nicht, wenn zwei oder drei etwas vereinbart haben, kann einer diese Vereinbarung nach seinem Gutdünken einseitig wieder ändern. Habt ihr das jemals thematisiert?
Und da Hofberichterstattung auch im Faschismus benötigt wird, ist die Empörung der deutschen Schmierfinken wohl nur temporär. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten hat es jedenfalls gut die Hälfte der Schmierfinken bereits geschafft, sich im Kolon des Präsidenten gemütlich einzurichten. Wie heißt es doch so schön: Schmieren und Salben hilft allenthalben. Diesen Weg auf den Höh’n bin ich oft gegangen, Vöglein sangen Lieder. Bin ich weit in der Welt, habe ich Verlangen nach dem Flug im Regierungsflieger.
Es ist also quasi stets nur eine Art glücklicher Zufall, wenn einem nicht irgendwelche bewaffneten Schergen auf der Straße auflauern und sich bedroht fühlen. Denn die Wege sind 1787 in den USA und 1949 in Deutschland bereits gelegt worden.
Kommen wir deshalb zum Volk, dem guten, von dem angeblich alle Macht ausgehen sollte. Entweder das „Volk“ ist wissend im Sinne eines Bestandes an Fakten und Theorien, welche sich durch einen größtmöglichen Grad an Gewissheit auszeichnen und damit qualifiziert, eine wahre und gerechtfertigte Meinung zu haben, oder es ist unwissend, ungewiss und meinungslabil, folglich auch manipulierbar. Ist es informiert und wissend, verantwortet es die zahlreichen Verbrechen, welche in seinem Namen begangen wurden und werden, und man sollte ihm aufgrund seiner Bösartigkeit keinerlei Souveränität geben. Oder das Volk ist dumm, bestechlich und manipulierbar, dann sollte man ihm erst recht keine Souveränität einräumen.
Und da ich nicht der Auserwählte bin, dem dies jetzt bewusst wurde, sondern es die herrschenden Cliquen als auch deren Hofberichterstatter schon längst verinnerlicht haben, lebt jeder im Volk genau in dieser Verfasstheit, welche er sich durch sein opportunes untertäniges Verhalten redlich verdient hat. Wir leben so betrachtet, frei nach Leibniz, in der besten aller Welten. Denn auch ein allmächtiger Gott wäre ohnmächtig der Logik ausgeliefert, dass im Wettbewerb von Gaunern Gauner gewinnen.
Apropos Fußnoten: Ich muss jetzt Schluss machen. Mein Großvater ist schwanger, und ich habe ihm versprochen, ihn zur Schwangerschaftsgymnastik zu begleiten.
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Kommentare
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