22. April 2026
RezensionTom Sora: Linke Intellektuelle im Dienst des Totalitarismus
Wie die Kunstavantgarde den Weg für die Woke-Bewegung bereitete ‒ das Beispiel John Cage
Dass der reale Kommunismus, wie wir ihn unter Lenin, Stalin, Mao und anderen politischen Vertretern kannten, gescheitert ist und sich in den Kulturmarxismus gewandelt hat, dürfte bekannt sein. Von Antonio Gramscis Gefängnisbriefen und der Frankfurter Schule um Horkheimer, Adorno und Marcuse wurde der „lange Marsch durch die Institutionen“ vorbereitet und ist heute weitgehend vollzogen. Der Musikwissenschaftler Tom Sora widmet sich in diesem Zusammenhang dem US-amerikanischen Komponisten John Cage, der seit den 1950er Jahren die Musik maßgeblich beeinflusste. Als einer der einflussreichsten, jedoch im Mainstream wenig bekannten Komponisten des 20. Jahrhunderts versuchte Cage, die traditionelle Harmonielehre aufzulösen, bis letztlich nur noch „Lärm“ übrigbleibt. Seinen eigenen Aussagen zufolge hielt er sich für musikalisch unbegabt und verfolgte das Ziel, klassische Vorstellungen von Ästhetik und Schönheit in der Kunst zu überwinden. Dies brachte ihn an die Spitze der Avantgarde, deren Entwicklung bereits durch Surrealismus und Dadaismus vorbereitet worden war. Sora erläutert auch für Laien verständlich die Gegensätze zwischen klassischer Musiktradition und Strömungen wie Neuer Musik, Happening-, Fluxus- und Improvisationsbewegung. Dabei zeigt er, wie bewusst eingesetzte Widersprüche aus der materialistischen Dialektik in Cages Werk einflossen. Cage verband seine Bewunderung für Mao Zedong mit anarchistischen Ideen Henry David Thoreaus. Als Hochschullehrer zog er Studenten mit dem Versprechen guter Noten an, während sein Unterricht oft ohne klare Struktur blieb und Fragen unbeantwortet ließ. Auch ungewöhnliche Konzepte, etwa parallele Vorlesungen verschiedener Fachrichtungen, gehörten zu seinem Ansatz. Solche Widersprüche prägen sein Leben und Werk: zufällige Kombinationen stehen neben strenger Regelbefolgung. Wer verstehen möchte, wie sich moderne Kunst und insbesondere Musik in ihre heutige Form entwickelt haben, sollte sich mit Tom Soras Analyse auseinandersetzen.
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