22. Juli 2019

Systemtheoretische Analyse der Vorteilsnahme Was ist eigentlich schädlich an Korruption?

Und wie entsteht sie?

von Winfried Knörzer

Artikelbild
Bildquelle: shutterstock Durch Moral nicht zu bekämpfen: Korruption

Analyse

Was ist eigentlich das Schädliche an der Korruption? Man geht eben nicht den ausgeschilderten Hauptweg, sondern nimmt die Abkürzung. Eine Hand wäscht die andere; mit ein wenig Schmiergeld läuft alles – wie geschmiert. Was soll daran schlecht sein?

Wenn man nur den jeweiligen Korruptionsvorgang betrachtet, so ist zunächst kein nennenswerter Schaden zu erkennen. Wer eine behördliche Genehmigung braucht, zahlt eben nicht nur die zehn Taler für die offizielle Gebühr, sondern zusätzlich noch 20 Taler Bakschisch. Das ist für die betreffende Person etwas unangenehm, der Gesellschaft erwächst dadurch aber noch kein Nachteil. Für den Zahler ist die Situation nicht anders, als wenn die offizielle Gebühr 30 Taler betragen würde.

Doch die Ebene der Korruptionsvorgänge ist gewissermaßen nur die trügerisch harmlos-friedliche Oberfläche eines in seiner Tiefe höchst gefährlichen Gewässers. Korruption ist nicht die Aneinanderreihung von korruptiven Akten, sondern bildet ein System, genauer ein Doppelsystem. Korruption wird erst dann zu einem echten Problem, wenn sich korruptive Interaktionszusammenhänge zu einem geschlossenen System verwoben haben. A lässt sich von B bestechen, um B den Zugriff auf das Gut X zu gewähren, das dieser anderweitig nicht oder nur zu einem höheren Preis erlangen könnte. Bis hierher handelt es sich aber nur um einen einzelnen Korruptionsvorgang. Zu einem System verbinden sich diese Interaktionen dann, wenn A sich wiederum an B wendet, der einen C kennt, von dem A das Gut Y erlangen kann. Es bilden sich dadurch prinzipiell ins Unendliche reichende Ketten von Tauschbeziehungen aus, die neben oder unterhalb der offiziellen Interaktionsbahnen operieren. Das hört sich vielleicht ein wenig kompliziert, aber noch keineswegs bedenklich an.

Das Problem entsteht durch die Schließung des Systems, wodurch es sich selbst reproduzieren kann, oder, um im semantischen Feld zu bleiben, zu wuchern beginnt. A erhöht seine Chancen auf das Gut Y, wenn er B gefällig ist, da B den diesbezüglichen Chancenzuteiler C kennt. Um für B attraktiv genug zu sein, damit dieser seine Beziehung zu C aktiviert, muss A den Zugriff auf das Gut X monopolisieren. Andernfalls könnte B das Gut X auf legalem Wege erlangen, wodurch A für B uninteressant würde. A muss also das Gut X aus dem System der bürokratischen Chancenzuteilung herausziehen und ins Korruptionssystem überführen. Das bedeutet für alle anderen, dass angesichts der stets vorauszusetzenden Knappheit von Gütern der legale Zugang zu Gut X erschwert wird, weshalb ihnen gar nichts anderes übrigbleibt, als sich selbst korruptiver Mechanismen zu bedienen. Die Selbstreproduktion, sozusagen eine Kettenreaktion, setzt ein, sobald eine „kritische Masse“ korruptiver Interaktionen erreicht ist, da dann der Güterzugang nur noch auf korruptivem Wege möglich ist und darum immer mehr Akteure in das System hineingezogen werden.

Ich hatte weiter oben geschrieben, dass das Korruptionssystem ein Doppelsystem ist. Das eigentliche Korruptionssystem setzt das Vorhandensein des legalen Systems rationaler Chancenzuteilung voraus, da nur das offizielle Amt die Macht zur Chancenzuteilung überhaupt verleiht. Es nährt sich parasitär von dem im legalen System verwalteten Güterzugängen. In einer durchgängig korrupten Gesellschaft können im Grunde alle Berufe – vom Automechaniker über Ärzte bis hin zu Spitzenpolitikern – korruptiv umfunktionalisiert werden. Bei Automechanikern, Ärzten und so weiter bildet das Schmiergeld aber gewissermaßen nur einen Nebenerwerb, da der Aufpreis für die Bestechung in einem vertretbaren Verhältnis zu dem normalerweise für die erbrachte Dienstleistung zu entrichtenden Preis stehen muss. Die in diesen Berufsfeldern vorhandene Konkurrenz verhindert eine Schmiergeldinflation. Bei Behörden, Medien und Parteien liegen dagegen ganz andere Verhältnisse vor. Diese Institutionen monopolisieren per se – und zwar in großem Stil – die Chancenzuteilung. Das ist sogar ganz offiziell eine ihrer wichtigsten Funktionen. Behörden: Bauplätze und öffentliche Ausschreibungen, Genehmigungen jedweder Art; Medien: Aufmerksamkeit; Parteien: Ämtervergabe.

Die dabei realisierbaren Korruptionsgewinne sind beträchtlich, da hier der Zugang zu anderweitig nicht beschaffbaren, wertvollen Gütern gehandelt wird. Sie übertreffen ganz deutlich diejenigen, die in anderen Berufsfeldern möglich sind. Darum setzt ein Run auf Positionen in diesen Bereichen ein. Verstärkt wird dieser Prozess durch einen korruptionsspezifischen Effekt. Wenn A als Gunsterweis von B ein Amt erhalten hat, so ist er B verpflichtet, einen Posten für dessen Vetter C zu verschaffen.

Ein solcher Zusammenhang zieht zweierlei Folgen nach sich. Ämtervergabe qua Korruption hat eine inflatorische Tendenz, da der durch Gunsterweise installierte Amtsinhaber den Gunsterweis durch Schaffung neuer Stellen für andere Klienten des Korruptionsnetzwerks vergelten muss. Dies führt zu einer sachlich nicht gerechtfertigten Aufblähung des bürokratischen Apparats. Durch die Finanzierung dieses „Wasserkopfes“ entsteht ein volkswirtschaftlicher Schaden. Zum zweiten erfolgt die Ämtervergabe nicht rational durch fachliche Kompetenz, sondern aufgrund der Stellung im Korruptionsnetzwerk, die durch Verwandtschaftsbeziehungen, Verpflichtung wegen erwiesener Dienste oder eben auch durch Bestechung, jedenfalls immer durch sachfremde Qualifikationen erlangt wurde. Dadurch gelangen regelmäßig Personen in Ämter, für die sie fachlich nicht geeignet sind, was die bürokratische Effizienz schmälert. Korruption führt also zu einem riesigen bürokratischen Apparat, der mit unfähigen Stelleninhabern besetzt ist. Dieser sich rückkopplungsmäßig permanent verstärkende Bürokratisierungsprozess kommt im Extremfall erst dann an ein Ende, wenn die volkswirtschaftlichen Ressourcen für die Bürokratiefinanzierung aufgezehrt sind.

Die volkswirtschaftliche Schädigung durch sachfremde Orientierung setzt sich in der aufgabenbezogenen Funktionsweise des Berufsfeldes, also der Amtsführung, fort. Der Amtsinhaber entscheidet über den Zugang zu einem Gut. Dies mag im Fall einer Behörde eine Baugenehmigung, im Fall einer Zeitung die Reportage eines Autotests sein. Wenn der Stelleninhaber bestochen wird, wird er seine Entscheidung nicht von sachlichen Erwägungen abhängig machen, sondern von der Höhe des Bestechungsgeldes. Er wird also einer Baufirma den Auftrag erteilen, obwohl diese erwiesenermaßen Pfusch abliefert, oder eine Schrottkarre in den höchsten Tönen loben. Auch hier kommt es also zu Effizienzverlusten, indem die wettbewerbsvermittelte Bestenauslese außer Kraft gesetzt wird.

Der Soziologe Niklas Luhmann, der ursprünglich Verwaltungsfachmann war, hat auf einen weiteren, für den Nicht-Fachmann nicht unmittelbar erkennbaren, Negativpunkt aufmerksam gemacht: „Eigentümliche Nebeneffekte treten auch in den legal handelnden Organisationen ein, eine Art Tendenz zur Überkorrektur (‚hypercorrecting‘), wie Linguisten sagen würden. Die Organisationssysteme reagieren auf Illegalität um so mehr durch die Anforderung von Unterlagen, Dokumenten, Beweisen und auf diese Anforderung wiederum durch kompetente Illegalität, die sich aber nur selektiv zur Verfügung stellt.“ (Niklas Luhmann: „Inklusion und Exklusion“, in: Peter Imbusch, Wilhelm Heitmeyer: „Integration – Desintegration. Ein Reader zur Ordnungsproblematik moderner Gesellschaften“, 2008, Seite 162.)

Diese etwas kryptische Formulierung möchte ich folgendermaßen verständlich machen: Wie ich weiter oben geschrieben hatte, ist das Korruptionssystem mit dem legalen System in parasitärer Weise verknüpft. Beide Systeme stehen in einer Wechselbeziehung. Das legale System hat aus Gründen des Selbsterhalts ein vitales Interesse daran, nicht gänzlich vom Korruptionssystem aufgezehrt zu werden. Rechtschaffene Beamte streben danach, die Ordnungsmäßigkeit der Verfahren aufrechtzuerhalten. Angesichts der überall zu vermutenden korruptiven Machenschaften muss die Legalität der Verfahren und der beigebrachten Dokumente besonders intensiv geprüft werden, was wiederum die bürokratischen Prozesse verlangsamt und erschwert. Da die „ausgefeilten Kontrollen der Legalität jede zweckorientierte Aktivität ausschließen würden“ (Luhmann ebenda), bleibt Amtsinhabern und Antragstellern, selbst bei ausgeprägter Gesetzestreue beider Seiten, gar nichts anderes übrig, als den legalen, aber viel zu umständlichen Weg zu meiden und die Abkürzung der Korruption zu nehmen, um überhaupt noch handlungsfähig zu bleiben.

Nebenbei bemerkt zeigt dieser „Luhmannsche Verwaltungseffekt“ noch zwei weitere interessante Tatsachen auf. Erstens: Korruption lässt sich nur schwer mit Moral bekämpfen. Selbst ernst gemeinte moralische Impulse können gar nicht in das Korruptionssystem eindringen, weil sie nicht nur keine Anknüpfungspunkte finden, sondern vor allem, weil sie durch die Struktur des Systems kontraproduktive Wirkungen entfalten (der Apparat wird schwerfälliger). Zweitens: Die Systemwirkungen sind stärker als die Absichten der Akteure. Auch wenn die Akteure fest entschlossen sind, legal zu handeln, können sie dies nicht tun. Ist das System geschlossen, liegen die Karten also auf dem Tisch, sind die Mitspieler gezwungen, nach den Regeln des Spiels zu spielen.

Zu schlimmer Letzt bildet das Korruptionssystem die Schnittstelle zum System der Kriminalität. Damit ist vornehmlich das organisierte Verbrechen gemeint. Auch das System der Kriminalität ist auf das Vorhandensein des legalen Systems angewiesen. Diese Aussage bezieht sich nicht so sehr auf die banale Tatsache, dass es ja legale Güter sind, die gestohlen werden, als vielmehr auf die Notwendigkeit, das im kriminellen System akkumulierte Kapital (durch Raub, Diebstahl, Erpressung, Drogenhandel, Prostitution, und so weiter) ins legale System zu importieren. Denn nur dort kann der kriminelle Gewinn realisiert werden. Ohne die Zwischenschicht des Korruptionssystems gestaltet sich die Geldwäsche schwierig, da im legalen System nur mittels komplizierter Verrenkungen eine pseudolegale Tarninstanz installiert werden kann. Dagegen ermöglicht das Korruptionssystem, das als solches ein riesiger Tarnmantel ist, unter dem permanent verdeckte Operationen ablaufen, das Einschleusen krimineller Gelder ins legale System. Das Korruptionssystem vermittelt zwischen der legalen Welt und der Welt des Verbrechens und bringt durch diese Vermittlung auch die Welt des Verbrechens näher an die legale Welt heran.

Entstehung

Ein Korruptionssystem ist etwas grundsätzlich anderes als die Summe einzelner Korruptionsfälle. Wesentlich ist der Prozess der Schließung, wodurch seine sich selbst verstärkende Selbstreproduktion in Gang gesetzt wird. Wie gezeigt wurde, kann man sich nach der Schließung gar nicht mehr dem Zwang, korruptiv zu handeln, entziehen, da korruptives Handeln in jedem Einzelfall für den Akteur vorteilhaft ist und alternative Handlungsmöglichkeiten zunehmend ausgeschlossen werden, was dazu führt, dass immer weitere Bereiche in das Korruptionssystem hineingezogen werden. Damit der Prozess der Schließung stattfinden kann, der eine kritische Masse korruptiver Interaktionen voraussetzt, muss eine Gesellschaft korruptionsaffin beschaffen sein. Das heißt, eine Gesellschaft muss Institutionen und Strukturen besitzen, die selbst noch nicht manifest korruptiv sind, aber durch eine leichte Drehung an der Schraube in den Korruptionsmodus umgeschaltet werden können.

Wie bereits mehrfach betont, benötigt das Korruptionssystem das legale System, um unter der Maske des legalen Amtes, das den Zugriff auf die angestrebten Güter ermöglicht, korruptiv zu agieren.

Zwei Gesellschaftstypen sind besonders für Korruption anfällig: Gesellschaften mit ausgeprägter Klientelorganisation und Diktaturen.

Gesellschaften mit ausgeprägter Klientelorganisation: Ich möchte mich hier auf das Beispiel Italien beschränken und muss daher auf die römische Vergangenheit näher eingehen. Die Klienten „waren ursprünglich die persönlich mit dem Herrn in den Krieg ziehenden, zu Geschenken und Unterstützung in Notfällen und vielleicht auch zu gelegentlicher Arbeitshilfe verpflichtet, vom Herrn mit Landlosen ausgestatteten und vor Gericht vertretenen, Ministerialien, wie die Sprache des Mittelalters sie bezeichnen würde.“ (Max Weber: „Wirtschaft und Gesellschaft“, Seite 807.) Klienten und Herren waren miteinander durch ein persönliches Treueverhältnis verbunden. Der Herr vertrat „seine Leute“ nach außen hin und konnte seine starke soziale Stellung zu ihren Gunsten bei der Güterzuteilung in die Waagschale werfen, während die Klienten seine Hausmacht bildeten und dadurch seine soziale Stellung festigten. Ähnlich wie bei der Korruption erfolgt die Güterzuteilung nicht auf rationalem Wege, also weder marktförmig noch durch erwiesene fachliche Qualifikation, sondern durch die Einflussnahme des Herrn, der sich für seine Klienten engagiert, um deren Treuedienste zu entlohnen. Von der Korruption unterscheidet sich ein solches Verhältnis durch zweierlei Faktoren, die beide allerdings in der Eigenschaft des „Persönlichen“ zusammengehen.

Der Herr verschafft seinen Gefolgsleuten Güter nicht kraft eines Amtes, sondern allein kraft seines persönlichen Einflusses. Sein Einfluss reicht nur so weit, wie seine persönliche Macht reicht, gleich aus welchen Quellen (Geld, Ruhm, Beziehungen) sie stammt. Dadurch wird der Aktionsradius seiner Einflussmöglichkeiten begrenzt.

Das Klientelverhältnis beruht auf einer persönlichen Beziehung. Der Herr ist ausschließlich für seine Anhänger und nicht für beliebige mehr oder weniger Fremde zur Gunsterweisung verpflichtet. Die Gefolgschaft kann nicht zu beliebiger Größe anwachsen, da eine zu große Gefolgschaft eine persönliche Beziehung ausschließt und vor allem nicht finanziert werden kann. Dadurch wird die Menge der Einflussinteraktionen begrenzt.

Während das Korruptionssystem ein sich unendlich ausbreitendes Netzwerk von Tauschbeziehungen darstellt, besteht das Klientelsystem aus voneinander unabhängigen Gefolgschaftssträngen. Da jeder Gefolgschaftsstrang für sich selbst operiert, findet kein Zusammenschluss statt, weshalb sich auch kein Netzwerk ausbilden kann.

Hervorgehoben werden muss abschließend auch, dass in einem – im Vergleich zu modernen Staaten – schwachen oder eher partiellen Staat, wo viele Lebensbereiche nicht durch öffentliche Institutionen geregelt sind, eine solche Klientelorganisation absolut normenkonform ist.

Nicht alle traditionellen Gesellschaften besitzen Klientelorganisationen. Auch das mittelalterliche Lehnswesen unterschied sich trotz mancher Parallelen von solchen. Die Klientelorganisation ist in weit stärkerem Maße personenbezogen als dieses. Die Klienten machten jeden Morgen ihrem Herrn die Aufwartung und begleiteten ihn, wenn auch sicherlich nicht alle, bei seinem Gang in die Stadt. Das Lehnswesen war dagegen von Anfang an viel stärker verrechtlicht und daher abstrakt, da die jeweiligen Rechte und Pflichten ganz minutiös festgelegt waren. Diese Verrechtlichungstendenz verstärkte sich im Laufe noch (zum Beispiel durch die Erblichkeit der Lehen), so dass sich auch die Dienststellung immer mehr einem Amt im bürokratischen Sinne annäherte. Zudem war der Ministeriale in seiner konkreten Lebensführung weit unabhängiger, weil das Lehen ihn mit allen Ressourcen für seine Subsistenz versorgte. Ich bin auf diesen Punkt etwas näher eingegangen, um zu begründen, warum einige Gesellschaften korruptionsaffiner sind als andere. Nur dort, wo Klientelorganisationen vorhanden sind, gibt es auch einen Nährboden für Korruption.

Aufgrund bestimmter historischer Entwicklungen hat sich in Italien die Klientelorganisation in gewissem Umfang erhalten. Nach dem Zusammenbruch des Römischen Reiches und dem damit einhergehenden Zerfall staatlicher Ordnung gewährleisteten die sehr alten und stabilen Klientelbeziehungen ein Minimum gesellschaftlichen Zusammenhalts und persönlicher Lebenssicherheit. Die germanischen Eroberer waren zu schwach, um von oben her eine dauerhafte und in die Tiefe gehende neue Ordnung zu errichten, weshalb diese sich allmählich von unten aus herstellte. Die politische Struktur blieb aber lokal zentriert und extrem parzelliert; Italien bestand aus einer Vielzahl konkurrierender Stadtstaaten, von denen keine aufgrund ihrer Gleichwertigkeit in der Konkurrenzsituation in der Lage war, zu einem Flächenstaat heranzuwachsen. Die Begrenzung des Interaktionsradius auf den Rahmen einer Stadt, die weiterhin das Festhalten an persönlichen Beziehungen ermöglichte, begünstigte die Fortdauer der Klientelorganisation.

Unabhängig davon entwickelte sich aber auch der moderne Staat. Der mit dem Beginn des Hochmittelalters einsetzende enorme Wirtschaftsaufschwung, der es erforderlich machte, große Warenmengen und geschäftliche Transaktionen zu verwalten und ein elaboriertes, frühkapitalistisches Finanzwesen zu entwickeln, verlangte nach einer rationalen, bürokratischen Organisation des politischen Systems.

Indem die alte Klientelorganisation in das neue System des Verwaltungsstaates hineinwuchs, entstand das Korruptionssystem. Dadurch, dass der frühere Herr jetzt Amtsinhaber wurde, veränderte sich alles. Das traditionelle Gewöhntsein an ein Verhältnis des Gebens und Nehmens („do ut des“) innerhalb einer hierarchischen Beziehung wurde auf die Beziehung zum Amtsinhaber übertragen. Die Menge der aus der Klientelbeziehung stammenden Interaktionen lieferte die kritische Masse für die mehrfach erwähnte Schließung des Systems. Da der Amtsinhaber nicht mehr nur seiner Gefolgschaft verpflichtet ist, sondern mit beliebig vielen, ihm persönlich nicht bekannten Menschen zu tun hat und auch innerhalb der Behörde mit Kollegen und Vorgesetzten Gunsterweise austauschen muss, vergrößert sich sein Aktionsradius. Da er bei der Erteilung von Gunsterweisen nicht mehr auf seine persönlichen Ressourcen beschränkt ist, sondern auf die des Amtes zurückgreifen kann, kann sich seine Einflussnahme noch weiter ausdehnen. Die aus der Klientelorganisation stammenden Interaktionsformen bilden die Basis für das Korruptionssystem. Durch ihre Verschmelzung mit der Bürokratie des modernen Staates verwandeln sie sich in korruptive, indem sie zum einen anonymisiert werden und sich dadurch beliebig weit ausbreiten können und zum anderen durch die Machtchancen des bürokratischen Apparats aufgeladen werden.

Diktaturen: In diktatorischen Gesellschaften besitzt das politische Subsystem bekanntlich ganz eindeutig die Führungsrolle. Die Mitgliedschaft im politischen Subsystem verleiht eine Generalkompetenz. „Generalkompetenz“ besagt, dass aus dem politischen Subsystem stammende Aktionen ungefiltert, direkt und bestimmend auf allen anderen Subsysteme einwirken können. Mit anderen Worten: Ein politisches Amt legitimiert zum Hineinregieren in alle nur denkbaren Belange. Da gegen Anweisungen aus dem politischen Subsystem kein Widerstand möglich ist, kann die je eigene Rationalität der anderen Subsysteme jederzeit außer Kraft gesetzt werden. Wenn die Partei es will, wird auch auf Sand oder im Sumpf eine Fabrik gebaut. Da mag der Kombinatschef noch so lange mit Engelszungen dagegen anreden. Geahndet wird die sich daraus ergebende Ineffizienz erst im Nachhinein, wenn diese sich in der Praxis nachdrücklich erwiesen hat. Die Entartung dieser Verfahrensweise eines umstandslosen Durchgriffs in völlige Willkür wird dadurch verhindert, dass für größere Maßnahmen erst Konsens innerhalb des politischen Subsystems hergestellt werden muss. Ist dieser vorhanden, gibt es aber kein Halten mehr.

Ein solches System ist offensichtlich prinzipiell korruptionsanfällig. Macht korrumpiert, und absolute Macht korrumpiert absolut, wie der bekannte Ausspruch Lord Actons lautet. Dennoch sind nicht alle Diktaturen korrupt. Auch wenn das obige Beispiel der fehlplatzierten Fabrik unverkennbar auf die Verhältnisse in einem kommunistischen Regime anspielt, treten derartige Vorkommnisse erst in deren Verfalls- oder Übergangsstadien (späte Sowjetunion, heutiges China) auf. In totalitären Ideologiestaaten trifft man aus zwei Gründen eher selten auf Korruption. Zum einen verhindert die Konzentration aller Machtchancen im politischen Subsystem den Zustrom von Gratifikationen aus anderen Subsystemen. Insbesondere in kommunistischen Regimen sind alle anderen Subsysteme derart vom politischen Zentralsystem abhängig, dass deren Angehörige nicht selbständig über Ressourcen verfügen, die sie einem Amtsinhaber zum Tausch für eine Gunst anbieten könnten. Die Aufsaugung aller relevanten Ressourcen im Zentrum bewirkt, dass gar keine Tauschobjekte mehr vorhanden sind. Zum anderen ermöglicht die Machtmonopolisierung den unmittelbaren Zugriff auf begehrte Objekte ohne den Umweg über die Korruption. Zwar ist kein beliebiger Zugriff möglich, doch besteht an irgendwelchen Feinden, deren Eigentum beschlagnahmt werden kann, im Zweifelsfall nie ein Mangel. Drittens spielt in totalitären Ideologiestaaten, zumindest in den Anfangs- und Hochphasen, materielle Gratifikation keine wesentliche Rolle, da der Machtbesitz an sich schon ausreichend befriedigend ist. Und schließlich reduzieren die drakonischen Strafen für alle Arten von Verfehlungen sowie die ständige Überwachung jegliche Bereitschaft, sich auf Abwege zu begeben.

Korruptionsanfällig sind dagegen vor allem Diktaturen vom Juntatyp. Dazu zählen nicht nur die klassischen Militärdiktaturen Südamerikas, sondern auch die Despotien Afrikas und Arabiens. Auch wenn bei der Errichtung einer Juntadiktatur politisch-ideologische Motive mitspielen, ist hier der reine, von ideologischen Zielsetzungen unabhängige Machtwille und die Aussicht auf persönliche Vorteilsnahme weitaus wichtiger. Von den vier genannten Faktoren, die in totalitären Regimen ein Abgleiten in die Korruption verhindern, verbleibt nur der zweite, der unmittelbare Zugriff durch Beschlagnahmung. Da die Eigenständigkeit des wirtschaftlichen Subsystems unangetastet bleibt, das Rechtssystem aber seine Eigenständigkeit verloren hat, stehen einerseits genügend Güter für den Korruptionstausch zur Verfügung, während andererseits die Absicherung wirtschaftlicher Transaktionen nur durch die Genehmigung eines Amtsinhabers erlangt werden kann. Wenn ein Amtsinhaber unter einem Vorwand den Bau einer Fabrik verhindert, weil das entsprechende Schmiergeld nicht gezahlt wurde, kann der Fabrikant nicht auf dem Rechtsweg dagegen vorgehen. Da der Amtsinhaber nicht durch alternative Machtinstanzen kontrolliert und eingeschränkt wird, kann er den Zugang zu den von ihm verwalteten Gütern nach Belieben bestimmen.

Zwei Merkmale kennzeichnen Juntadiktaturen. Erstens: Es handelt sich um unterentwickelte oder nur mäßig entwickelte Länder ohne tiefgreifende demokratische oder zumindest rechtsstaatliche Tradition. Viele davon sind als schwache Staaten oder gar „failed states“ zu bezeichnen. Das bedeutet, dass die nicht-politischen Subsysteme noch nicht ausreichend ausdifferenziert sind, weshalb sie sich nicht durch ihr Eigengewicht der politischen Einflussnahme entziehen können. Zweitens: Die politische Klasse hat sich aus einer Kampfgemeinschaft herausgebildet: das Offizierskorps, die Gefolgschaft eines charismatischen Führers, unter dem pseudomodernen Deckmantel einer Partei firmierende Rebellengruppen oder Stämme. Die Kampfgemeinschaft ist insofern Gemeinschaft, als sie auf einer substantiellen, also nicht nur funktionellen Gemeinschaftlichkeit ihrer Mitglieder beruht. Diese ist entweder ständisch oder ethnisch oder durch das gemeinschaftsstiftende, prägende Erlebnis der Kampfjahre begründet. Das Moment des durch die Machtergreifung erfolgreich abgeschlossenen Kampfes bewirkt wiederum ein nicht legalitätsorientiertes Verhältnis zur Herrschaft. Man hat den Gegner besiegt und will nun die Belohnung für seine Mühen einstreichen. Der Staat wird als Beute betrachtet. Diese Einstellung bleibt auch nach Etablierung der eigenen Herrschaft erhalten und verbindet sich mit der Versorgungsverpflichtung gegenüber den früheren Kampfgenossen zu einem Verfahren, das Ämter als Pfründen vergibt.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Staatswirtschaft

Mehr von Winfried Knörzer

Über Winfried Knörzer

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige