10. April 2019

Polizeianwärter legen ihren Diensteid ab Ich schwör‘s!

Im Namen von uns allen

von Kurt Kowalsky

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Bildquelle: shutterstock Im Namen des Volkes: Ich schwör!

Aus der Reihe: Was sonst lebt.

Die Polizei Berlin vermeldet heute folgenden Text: „Für insgesamt 636 Frauen und Männer, die in den vergangenen Monaten in den Dienst der Polizei Berlin aufgenommen wurden, fand heute ein einmaliges Ereignis in der Philharmonie statt. In Begleitung ihrer Eltern, Verwandten und Freunde haben die Anwärterinnen und Anwärter bei einem Festakt ihren Diensteid auf das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland und die Verfassung von Berlin abgelegt...“

Als ich in diesem Alter war, hatte ich öfters das Vergnügen, die Philharmonie zu besuchen. Es dirigierte Herbert von Karajan die Berliner Philharmoniker, und meine Begleitung war stets versucht, zwischen den Sätzen zu klatschen, was ich aber verhindern konnte.

Bei der Veranstaltung der Polizei wird allerdings kein Orchester gespielt haben, und so erlaube ich mir, hier einmal zwischen den Sätzen zu klatschen.

Wenn bestimmte Typen nach dem Sonderschulabschluss und dem frisch gemachten Führerschein auf der Straße Haufen bilden, dann erzählt schon mal der eine, wie er mit 160 über den Kurfürstendamm gedonnert ist, und der andere prahlt, dass er nicht nur schneller fahren – sondern auch schneller ficken kann. Wird das dann vom Rest des Haufens angezweifelt, heißt es: „Ich schwör’s“, und die Geschichte wird wiederholt.

Ein derartiger Schwur bekräftigt die eigene gemachte Aussage. Und ich persönlich würde diesem Trash auch ohne Schwur nahezu alles glauben, was außerhalb von Bildung, Kultur und Zivilisation liegt.

Die oben zitierten 636 Polizeischüler beschwören jedoch nicht ihr eigenes Geschwätz, sondern versichern entsprechend Paragraph 58 Absatz 1 BBG, dass sie das Grundgesetz (146 Artikel) und die Berliner Verfassung (101 Artikel), sowie alle geltenden Gesetze (über 2.200 mit über 45.000 Paragraphen) wahren würden.

Nur so zum Spaß habe ich mich schon mit so manchem Beamten über Artikel 20 Grundgesetz zu unterhalten versucht. Das Ding hat nur vier Absätze und ist recht übersichtlich. Meine Feldversuche sind diesbezüglich sicher nicht repräsentativ, doch in den letzten 20 Jahren hätte ich ja vielleicht doch mal einen Beamten dieser verschworenen Republik treffen müssen, der sich im eigentlichen Sinne des Wortes als Gesprächspartner erweist. Fehlanzeige!

Aber Artikel 20 Grundgesetz ist konstitutiv. Verabschiedet morgen das Parlament in willkürlicher Selbstherrlichkeit, dass der gewöhnliche Polizist 200 Euro weniger Gehalt bekommt, die Typen des Höheren Dienstes dafür 2.000 Euro mehr, so werden sie sich letztendlich auf diesen Artikel beziehen.

Ja, liebe Polizeianwärterinnen und Männer, nach Artikel 20 Grundgesetz war dann ich es, der euch die Besoldung kürzt und den anderen die Pfründe zuschanzt. Und ich bin es auch, der den von euch mühsam gefangenen Räuber oder Kinderschänder nach zehn Tagen Untersuchungshaft wieder laufen lässt.

Deshalb gibt es auch den Begriff des Intensivtäters. Ihr fängt den Täter, und im Namen des Volkes (also in meinem Namen) lässt ihn der Richter wieder laufen. Einmal, zweimal, dreimal, viermal, fünfmal – eben so oft, bis er sich die Kategorie des Intensivtäters erworben hat.

Danach kommt er mit seiner aufgetunten Karre an dem Imbiss vorgefahren, an dem ihr Pause macht. Ich brauch‘s nicht zu schwören, ihr wisst es nach wenigen Wochen Polizeidienst selbst.

Schade nur, dass ihr das Grundgesetz und seine monströse Systematik nicht verstanden habt. Ihr fühlt, dass das gut wäre. Habt ihr euch schon mal gefragt, was die Polizeibeamten der Weimarer Republik 1929 fühlten? Die hatten auch einen Diensteid geleistet. Dann, das war früher so, kam das Jahr 1930, dann 1931, 1932, 1933, 1934, 1935... Die Jahre vergingen, und die Verfassung und die Gesetze änderten sich ständig. Nur die Eide blieben. Aber auch dann wurden die Eide erneuert: Was macht ein Polizist, hat er Familie und Kinder nach zehn Jahren Dienstzeit, ändert sich die Eidesformel? Ich schwör‘s, er wird den Bettel nicht hinschmeißen.

Was ist so ein Schwur? Es ist so eine Art Selbstverfluchung. Ich kenne das aus dem Kindergarten, wenn wir Indianer spielten.

Und die Schwüre des großen Epos waren mit klarer Erkenntnis gegebene Versprechen in einer wichtigen Sache. So schwor zum Beispiel Hannibal seinem Vater, dass er den Römern niemals freundlich gesinnt sein werde. Ihr aber, liebe Damen des Polizeidienstes, werte Bullen, schwört, etwas einzuhalten, das ihr nicht kennt, und etwas zu bewahren, das sich ständig ändert.

Es ändert sich angeblich ständig wegen meinesgleichen und des Willens dieses oben erwähnten Trashs. Das glaubt ihr doch nicht wirklich. Ich glaube das auch nicht. Doch das steht in Artikel 20 dieses Grundgesetzes, auf dessen Bewahrung ihr eben geschworen habt, obwohl diese Verfassung in den letzten 60 Jahren 54 Mal geändert worden ist. Selbstverständlich ohne mich oder sonst jemand im Volk zu fragen. Ich schwör‘s!

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Facebook-Seite des Autors.


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