19. März 2019

Die Europäische Zentralbank lässt den Leitzins bei null, und der Dax knickt ein Geldsozialismus

Roland Baader lesen öffnet die Augen für die Keynes-Falle

von Vera Lengsfeld

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Bildquelle: orinocoArt / Shutterstock.com Hat ihre monetären Pfeile verschossen: Europäische Zentralbank

Am vorletzten Mittwoch war es wieder einmal so weit. Die europäischen Notenbanker trafen sich, um die strategische Ausrichtung der monetären Politik der Europäischen Zentralbank (EZB) für die nahe Zukunft zu konkretisieren. Das Ergebnis der Sitzung: Der Leitzins bleibt voraussichtlich bis Sommer 2020 bei null Prozent. Außerdem gibt es eine Ausweitung der „targeted longer-term refinancing operations (TLTRO II)“. Das bedeutet im Grunde nichts anderes als sehr günstige Finanzierungen für Banken, die diese an Unternehmen und Privatpersonen günstig weitergeben können, ohne niedrigere Margen hinnehmen zu müssen.

An den europäischen Börsen hätte man daraufhin eine Hausse erwartet. Niedrige Zinsen und damit einhergehend eine höhere Geldmenge sind schließlich das sicherste Signal für steigende Aktienkurse. Genau so war es zumindest in den letzten zehn Jahren. Seit der Finanzkrise wurden die Zinsen stetig gesenkt, es wurden immer kreativere Geldspritzen erfunden, und seitdem haben wir steigende Kurse an den Börsen und den längsten und stärksten Bullenmarkt der Geschichte.

Doch am vorletzten Mittwoch war alles anders. Trotz der Meldung der EZB knickte der Dax ein. Und das ist womöglich nicht weniger als eine Zäsur, und auch für Nicht-Börsianer hochrelevant. Warum? Weil selbst die Kapitalanleger langsam merken, dass die Notenbanken weltweit in die größte Falle des Keynesianismus getappt sind. Auf diese Falle wurde von den klassischen Ökonomen (Smith, Mill) sowie von den „Austrians“ (Menger, Hayek, Mises) immer wieder aufmerksam gemacht. Sie betonten, dass es unmöglich sei, die Wirtschaft und die Geldmenge so präzise zu steuern, dass man rechtzeitig wieder den „Rückwärtsgang“ einlegt beziehungsweise die Geldflut stoppt. Und genau diesen Fehler hat die EZB im Extrem begangen. Man hat die Zinsen zur Bekämpfung der Finanzkrise gesenkt, sie aber seitdem nicht mehr angehoben. Vergleichbar ist dies mit einem Drogenabhängigen, der ursprünglich Schmerzmittel für seinen Rücken bekommen hat und seitdem stetig konsumiert. Irgendwann entwickelt sein Körper zwangsläufig eine Toleranz, und sollte er jetzt wieder Rückenprobleme bekommen, hat er keine Pfeile mehr im Köcher.

Und an genau diesem Punkt befindet sich die EZB. Nahezu alle monetären Pfeile sind verschossen, doch statt eines atemberaubenden Wachstums steht die Euro-Zone knapp vor der Rezession.

Wie sich die Dinge von hier weiter entwickeln werden, kann niemand vorhersehen. Zwar gab es schon häufig Phasen von lockerer Geldpolitik, aber dieses Ausmaß ist für alle Neuland. Das Beispiel 2008 verdeutlicht dieses Ausmaß. Damals lag der Leitzins der Euro-Zone bei (für heutige Verhältnisse) soliden zwei Prozent. Zwei Prozent waren aber für damalige Verhältnisse extrem wenig, und sobald man versuchte, wieder zur Normalität zurückzukehren, und die Zinsen anhob, brach das Finanzsystem zusammen. Heute haben wir seit fast sechs Jahren Zinsen unter einem Prozent. Man mag sich ausmalen, was passiert, wenn die EZB irgendwann versucht, zur Normalität zurückzukehren. Was genau passieren wird und wann es „losgeht“, kann Ihnen aber niemand vorhersagen. Hüten Sie sich daher auch bitte vor Crash-Propheten, weil dahinter meist raffinierte Verkaufsstrategien stecken, die den stärksten Motivator des Menschen, die Angst, auszunutzen versuchen.

Was Sie aber tun können, ist, sich autodidaktisch über die potenziellen Folgen der Politik der EZB zu informieren. Besonders eine Denkschule, nämlich die Österreichische Schule der Nationalökonomie, hat sich intensiv mit den Folgen von manipulierten Zinsen und generell den Problemen des Keynesianismus befasst. Am besten ist es natürlich, die Originalwerke der Gründerväter dieser Schule zu studieren. Dazu gehören zum Beispiel Carl Menger und Ludwig von Mises. Wer jedoch die wichtigsten Ideen etwas präziser und einfacher verstehen will, dem kann ich nur den Klassiker „Geldsozialismus“ von Roland Baader ans Herz legen.

Baader schafft es in diesem kurzen Buch in brillanter Art und Weise, die Grundlagen der Ökonomie verständlich darzustellen. Beispielsweise gibt er sehr logische (und dennoch für die meisten neue) Definitionen für Inflation und Deflation. Am wichtigsten ist jedoch seine Erläuterung der natürlichen (durch den freien Markt entstehenden) Funktion des Zinssatzes. Nur wenn man diese Funktion versteht, kann man auch die dramatischen Folgen manipulierter Zinsen verstehen. Und diese Folgen legt Baader ebenfalls sehr gut dar, er nimmt kein Blatt vor den Mund, ist aber auch nicht unnötig dramatisch.

Eine Kostprobe: „Wird der Zinssatz jedoch politisch manipuliert, so entstehen massive Fehlanreize und Diskoordinationen. Insbesondere gilt das für den Fall, dass die Zentralbank den Leitzins unter dem natürlichen Zins festsetzt. Unternehmen beginnen zu expandieren, als hätten die Konsumenten ihre Ersparnisse vermehrt, während sie in Wirklichkeit ihre Sparleistung wegen der niedrigen Zinsen verringert haben. Firmen, die dauerhaft Güter produzieren – wie Möbel, Autos und Häuser –‍, sehen sich mit einem boomenden Markt konfrontiert, weil diese Sektoren besonders positiv auf die niedrigen Zinsen reagieren. Andere Branchen wiederum müssen nicht schrumpfen, weil sie sich mit billigen Krediten länger über Wasser halten können, als es beim natürlichen Zins möglich wäre. Dieser Boom kann aber nicht dauerhaft sein, obwohl die illusionären Vorgänge einige Jahre lang ablaufen können, weil die moderne Wirtschaft so komplex ist. Im Hintergrund läuft jedoch permanent eine verdeckte Kapitalvernichtung.“

Das Einzige, was beim Lesen dieses Buches beunruhigt, ist die Tatsache, dass Baader bereits vor sieben Jahren verstorben ist. Den Höhepunkt der keynesianistischen Party (Nullzinsen, Strafzinsen) hat er demnach nicht mehr miterlebt. Die von ihm beschriebenen Folgen muss man also gedanklich der Eskalation der EZB-Politik anpassen.

Roland Baader: „Geldsozialismus“ (amazon.de)

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog der Autorin.


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