20. April 2018

Banken früher und heute Als ich den Kredit gebraucht hätte, wurde er gekündigt

Der Pfad der Gerechten ist nicht mehr erkennbar

von Kurt Kowalsky

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Bildquelle: shutterstock Nicht auf dem Pfad der Gerechten: Wichser von der Bank

Mir flattert ständig eine Bankenwerbung über den Bildschirm und erinnert mich an die gute alte Zeit, die damals noch jung war, wie auch ich. Damals hatte ich bei dieser besagten Bank ein Geschäftskonto. Nach einiger Zeit sprach ich bei der Filialleiterin vor und bat um die Einräumung eines Überziehungskredits. „Warum“, so fragte die Frau, „sollte ich Ihnen einen solchen einräumen?“ Ich lächelte etwas gequält und verwies auf meine braunen Augen. Und so bekam ich 10.000 D-Mark Kreditlinie eingeräumt. Das war damals viel Geld.

Die Jahre vergingen. Manchmal war das Konto überzogen, manches Mal nicht. Eines Tages bekam ich von dieser Bank einen Brief, in dem ich aufgefordert wurde, an einem bestimmten Tag zu einer bestimmten Uhrzeit in einer bestimmten Filiale zu erscheinen. Die damalige Filialleiterin war weg, man hatte die Räume umgebaut und irgendwo nahe der Tür gab es einen Besprechungsraum (so eine Art Windfang für Bettler), in den ich gebeten wurde.

Nein, man bot mir keinen Platz an. Ein Typ im billigen Anzug konfrontierte mich damit, dass ich ein Geschäftskonto habe und dieses um 3.345 D-Mark (oder so) überzogen hätte. Ich war mir keines Vergehens bewusst.

Der Anzugträger erklärte mir, dass „sie“ sich entschlossen hätten, mir nun 30.000 D-Mark Überziehungskredit einzuräumen. Ich sagte, dass ich keine 30.000 D-Mark bräuchte. Er sagte, doch, bräuchte ich, denn die 10.000 würde man mir streichen.

„Ach was!“, machte ich. „Und wo ist der Haken?“

Es gebe keinen Haken. Ich solle bis nächste Woche eine vom Steuerberater testierte Bilanz und eine entsprechende Auswertung vorlegen. Ich sagte: „Ich bin nicht zur Bilanzierung verpflichtet, und einen Steuerberater habe ich auch nicht.“ Da wurde mir der Überziehungskredit gestrichen, und ich wurde aufgefordert, das Konto innerhalb von zehn Tagen auszugleichen.

Ich hatte direkt vor dieser Bank im Halteverbot geparkt. Jetzt noch ein Strafzettel konnte mein Elend nur vergrößern. Ich stieg in mein Auto und fuhr davon. Jetzt, wo ich diesen Kredit zum Teil gebraucht hätte, wurde er gekündigt.

Zurück im Büro hatte ich den Gedanken, diesen Wichser von der Bank nach Feierabend abzupassen, wieder verworfen. Ich bereue dies heute noch, wäre dies doch für mich die Chance gewesen, der Menschheit einen geringen Gefallen zu erweisen.

Vor ohnmächtiger Wut zitternd, versuchte ich so eine Art Kassensturz. Und dabei fiel mir ein Sparbuch dieser Bank in die Hände. Bingo! Auf diesem Sparbuch waren circa 2.000 D-Mark mehr drauf, als das Geschäftskonto überzogen war. Das hatte ich total vergessen.

Ich fuhr zurück. Der alte Parkplatz im Halteverbot war noch frei. Ich fragte eine Angestellte, ob sie sich noch an mich erinnere. „Aber selbstverständlich“, lachte sie freundlich. Ich legte mein Sparbuch auf den Tresen und kündigte dieses sowie das Geschäftskonto. Das Restgeld steckte ich in die Tasche. „Aber warum denn?“, fragte die Angestellte. „Überlegen Sie sich das doch noch einmal.“

Nun, die Zeiten haben sich geändert. Auf Bankkredite bin ich schon lange nicht mehr angewiesen. Die besagte Bank war dann auch eine der ersten, die bei der letzten Finanzkrise in Schieflage kamen. Sei‘s drum. Vielleicht hatte dieser Wichser in der Bank Karriere gemacht. Vielleicht hat ihn aber auch ein anderer sogenannter Mittelständler abgepasst und totgeschlagen.

Heute, so die Werbung, ist das jetzt die Mittelstandsbank. Glaube ich denen gerne. Der Pfad der Gerechten ist nicht auf beiden Seiten gesäumt mit Freveleien der Selbstsüchtigen und der Tyrannei böser Männer. Der Pfad der Gerechten ist in einer Gesellschaft der Gauner und Beutelschneider, der Lügner und Trickbetrüger, überhaupt nicht mehr als solcher erkennbar.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Facebook-Seite des Autors.


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