20. März 2018

Effiziente und weniger effiziente Entscheidungsverfahren Demokratie ist scheiße

Wir sind doch ein Kollektiv!

von Jörg Seidel

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Bildquelle: shutterstock Funktioniert nicht: Demokratie im Betrieb

„Demokratie ist scheiße“, sagte kürzlich jemand zu mir. Zumindest, wenn man darunter versteht, dass alle immer mitreden können oder müssen.

Auf seiner Arbeit gab es mal wieder eine Sitzung. Gibt es fast jede Woche. Nach der Arbeit natürlich, dann, wenn eigentlich die Freizeit beginnt. Aber Teilnahme wird erwartet. Hier eine Kommission, dort ein Projekt, jemand hat ein Problem, oder der Besuch der Inspektion muss geplant werden. Zu entscheiden gibt es immer was in einem modernen Betrieb. Und modern ist er. Das merkt man an der innerbetrieblichen Demokratie.

Das sitzen also 20 Leute und bekämpfen ein Problem. Der Chef steht auf und hält eine Rede, in der er das Problem umreißt, und dann kommt der entscheidende Satz: „Was denken Sie darüber?“ Nun sagen fast alle 20 was darüber. Dann sagt der Chef: „Wie wollen wir das machen?“ Nun sagen alle 20 Mann (generisches Maskulinum), wie man das machen könnte und warum das besser wäre als das andere. Dann fragt der Chef: „Wie wollen wir das also machen?“ Die Diskussion fährt fort, bis sie erlahmt. Es gibt eine Kaffeepause. Nach der Pause fasst der Chef zusammen: „Diese und jene Vorschläge klingen vernünftig. Welchen wollen wir nehmen?“ Es werden die Vor- und Nachteile der jeweiligen Vorschläge diskutiert. Man einigt sich schließlich auf eine vage Variante, eine Mischung aus allen Vorschlägen, die jedem Beiträger das gute Gefühl gibt, etwas beigetragen zu haben.

Dann fragt der Chef: „Wer könnte das machen?“ Nun berichten alle 20 Mitarbeiter, plötzlich voller Energie, warum sie es nicht machen können und mit welchen Aufgaben sie längst schon überarbeitet sind. Dann beschließt der Chef: „Gut, dann bilden wir eine Kommission. Wer möchte mitarbeiten?“ Einige melden sich zögerlich und bilden eine Kommission – es sind jene, die sich bei der letzten Kommission gedrückt haben.

Der Ertrag von vier Stunden Arbeit nach der Arbeit: eine Kommission. Eine weitere Sitzung. Was der Chef nicht fragt, ist: „Wer leitet die Kommission?“ In der Woche darauf trifft sich die Kommission. Man fragt sich: „Wie wollen wir das machen?“ Nun sagen alle zehn Leute, wie sie das machen wollen...

Irgendwann steht einer auf und sagt: „So wird das nichts. Einer muss das in die Hand nehmen und organisieren und uns dann mit dem fertigen Plan konfrontieren, und über den können wir meinetwegen dann reden. Das ist was Konkretes, was Handfestes.“ – „Aber das ist nicht demokratisch!“, sagt ein anderer. „Und es ist keine Gruppenarbeit!“, sagt eine andere. „Wir sind doch ein Kollektiv!“

Beschämt setzt sich der verkappte Diktator auf seinen Stuhl und denkt: „Demokratie ist scheiße!“

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Seidwalk“.


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