23. April 2020

Unfähigkeit der Menschheit, aus Katastrophen zu lernen Huhn oder Ei

Nicht die Natur ist der größte Feind, sondern der Mensch

von Jörg Seidel

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Bildquelle: shutterstock Moderne Entgrenzung: Zerstörung des Eis

Wir sind durch Peter Sloterdijk mit der These konfrontiert worden, dass die Menschheit lernbehindert sei, bedauerlicherweise auch nach Katastrophenerfahrungen, dann also, wenn das Individuum, das „gebrannte Kind“, zumindest einfachere Schlüsse ziehen kann. Die Menschheit, so Sloterdijk, sei deswegen lernbehindert, weil sie kein Subjekt sei, „sondern ein Aggregat“, das „kein Ich hat, keine intellektuelle Kohärenz, kein zuverlässiges Wachheitsorgan, keine lernfähige Reflexivität, kein identitätsstiftendes gemeinsames Gedächtnis. Darum kann die Menschheit nicht klüger sein als ein einzelner Mensch – ja, sie kann als ganze nicht einmal so klug werden wie ein Individuum, das am eigenen Leib gelernt hat.“

Damit drückt Sloterdijk einen Gedanken aus, der jeder nichtverblendeten Intelligenz evident erscheinen muss: Zu große, zu entgrenzte Entitäten verfallen zwangsläufig in die Dysfunktionalität, werden sie vor zu große Probleme gestellt. Dann fallen sie ganz notwendig zurück auf die „harte Ökologie lokaler Intelligenzen“ – wir erleben gerade die Bestätigung dieser These. Was sie eine Weile am Leben erhalten kann, sind die Institutionen, die zwar nicht intelligent sein können, aber immerhin effizient.

Nun sollte man freilich keine allzu großen Hoffnungen auf die individuelle Intelligenz der Menschen setzen. Um diese Hoffnung zu zerstören, muss man sich keine Drosten- oder Wodarg-Videos anschauen, es genügen ein paar Einblicke in ganz basale Vorgänge. Die „FAZ“ brachte dieser Tage einen Beitrag, der – zwar gänzlich ohne Corona – regelrecht zur Philosophiererei über die Intelligenz und die alte Frage nach dem Huhn oder dem Ei einlädt. Darin wird der Alltag einiger Papua beschrieben, die auf einer Vulkaninsel seltene Eier seltener Vögel ausgraben und verscherbeln. Natürlich ist das dortige Großfußhuhn vom Aussterben bedroht. Es beschritt den evolutionär äußerst riskanten, aber auch faszinierenden Weg, die Mühen des Brütens der Vulkanwärme zu überlassen. Dazu gräbt es mit überdimensionierten Füßen – noch so ein Wunder der Evolution – metertiefe Löcher, prüft mit dem Schnabel die Temperatur, kann diese aufs Grad genau bestimmen und legt dorthinein seine Eier, die es sogleich verbuddelt. Sollte der Vulkan eruptieren, war alles umsonst, aber wie überall: Nicht die Natur ist der größte Feind, sondern der Mensch.

Die Eier, so erfahren wir aus diesem seltsam amateurhaften Artikel, der just mit Reiseinformationen endet, seien eine Delikatesse, schon ein einziges sättige, und man kann sie für ein paar Kina verkaufen: die uralte Geschichte. Der Staat jedoch reagiert mit üblicher Intelligenzleistung: Die Hühner zu jagen, ist den Menschen aus Naturschutzgründen verboten, aber die Eier darf man stehlen. Sie wissen es natürlich auch selbst: Ohne Eier keine Hühner keine Eier keine Hühner keine Eier… Aber sie tun es trotzdem. Das ist der Mensch! Was sollen wir denn machen, wovon leben? Sonst nehmen es die anderen. Nur noch ein letztes Mal. Die Regierung erlaubt es ja. Man kann ja ein paar Eier zurücklassen… vor allem ist der Mensch ein Rationalisierungsmeister.

Ist dieses Wissen reflexiv abgefedert, dann zählt es in der Psychogeometrie Sloterdijks zur falschen Bewusstseinsform der „zynischen Vernunft“, mit deren zweibändiger Analyse der Denker, noch in Nietzsches Windschatten, 1983 fulminant auf die Bühne trat. Über diesen Zusammenhang von Mensch und Ei lohnt es, ein wenig zu sinnieren. Einer, der das ganz besonders intensiv getan hat, war – Peter Sloterdijk selbst. In seiner Vortragsreihe „Zur Welt kommen – Zur Sprache kommen“ (1988) widmete er sich der „Poetik der Entbindung“ und erzählt zu Beginn der Lektion eine Variante der Geschichte der Großfußhühner, nur dass die hier beschriebenen Vögel biologisch das Gegenteil der eher behäbigen Grabekünstler waren: die Göttervögel.

Sie fliegen, einem uralten indischen Mythos entsprechend, in höchster Höhe, setzen nie einen Fuß auf die Erde, benötigen keine Nahrung, lieben sich sogar im Flug und legen auch ihre Eier in die Luft. Sich des Brütens zu entsagen, muss keine vulkanische, sondern kann auch eine göttliche Variante annehmen. Es braucht dann nur die Sonne und eine entsprechende Höhe, und wenn alles gutgeht, dann schlüpft das Junge – ganz ohne seine Mutter kennengelernt zu haben – noch in der Luft und steigt als neuer Göttervogel hinan. Allein, dieser Fall ist die Ausnahme. Meist gewinnt die Schwerkraft, das Ei schlägt auf und zerschellt, und ihm entsteigt schwer traumatisiert eine seltsam flügellose, nackte Kreatur, quasi ein platonisches zweifüßiges, federloses Lebewesen, breitnägelig – um es nicht mit dem Huhn zu verwechseln –, das Jahre braucht, den aufrechten Gang zu erlernen. „Aber so viel die vertikalen Tiere auch auf dem Erdboden herumlaufen, sie werden nie das Gefühl abschütteln, dass etwas mit ihnen nicht völlig in Ordnung ist. In einem verborgenen Winkel ihres Gedächtnisses lebt eine Ahnung davon weiter, dass einmal andere Möglichkeiten offenstanden, die ihnen vorenthalten blieben.“ Im wirklichen Leben beginnen sie jedoch, in der Erde herumzuwühlen.

Zehn Jahre darauf hatte Sloterdijk das Thema Ei noch einmal aufgegriffen. In seinem mittleren Hauptwerk, der „Sphären“-Trilogie, die sich mit den Umhüllungen des menschlichen Seins beschäftigt, gibt es im ersten Band einen Exkurs über „Das Prinzip Ei“. Woher stammt die Faszination des Eis für den Menschen? Seine „magische Symmetrie und seine quintessentielle Form“ haben sicherlich dazu beigetragen, mehr noch aber die Beobachtung dessen, was mit dem Ei – wird es bebrütet – geschieht. Wie kann aus einer gallerten Masse innerhalb weniger Tage ein fertiges Lebewesen entstehen, ohne dass etwas Sichtbares dazu oder hinein kommt?

Und was bedeutet dieses „Schlüpfen“, dieses Sich-befreien aus einer Schale? Symbolisch lehrt es, dass „die bergende Form und ihre Sprengung zusammenzudenken“ seien, dass Freiheit immer ein dialektischer Begriff ist: „Wo Sein durch Entspringen ausgelegt wird, dort hebt in letzter Instanz die Ursprungsbindung die Freiheit auf.“

Sloterdijk versucht hier gesellschaftliches Leben, Kultur, als Neuumhüllung zu interpretieren, in der der Verlust der ersten Umhüllung und Bergung – also Sicherheit – durch die Schaffung einer „unverlierbaren Gesamthülle um Welt und Leben“ kompensiert wird. Man wird hier vor allem an die Religionen, den Mythos und an abgeschlossene Weltbilder, Ideologien, zu denken haben. „Darum bedeutet Dasein in klassischer Zeit nie schon Hineingehaltenwerden in das Nichts, sondern immer nur den Umzug von der engsten Hülle in die weitere Nähe.“ Und das umso mehr, als die Wissenschaft, nachdem sie das Prinzip Ovulation erkannte und das Ei auch in mikroskopisch kleiner Form als Urwesen nachweisen konnte, den Mythos sogar durch Evidenz überbot.

Für uns entscheidend an obiger Aussage ist die Eingrenzung auf die „klassische Zeit“, die man nicht überlesen darf. Diese Zeiten sind weitgehend vorbei, die Umhüllungen sind dauerhaft aufgebrochen, der ewige Kreislauf empfindlich gestört. Wir leben in einem offenen System – aber das ist bereits ein Selbstwiderspruch, ein Oxymoron, denn damit etwas ein System sein kann, muss es eine Form haben. Die folgenden Zeilen sind an Dringlichkeit kaum zu überbieten: „Das Sein-aus-dem-Ei wird für die Neuzeit zum Ernstfall der Endogenese. Für das Lebendige heißt Dasein nunmehr, verbindlicher als in aller Mythologie: Von-innen-Kommen. Die Ei-Hüllen, seien es Membrane, Gallerthüllen oder Schalen, stehen für das Prinzip Grenze; sie schließen das Innere gegen das Äußere ab; zugleich erlauben sie hochselektive Kommunikationen zwischen Ei und Umwelt – etwa Feuchtigkeitsaustausch und Lüftung. Als materialisierte Unterscheidungsinstanzen zwischen Innen und Außen fungieren Schalen und Membranhäute somit als Medien im Grenzverkehr. Sie lassen nach dem spezifischen Bedarf der Innenwelt nur ein extrem reduziertes Quantum an externen Informationen und Stoffen passieren, in erster Linie Gas, Wärme, Flüssigkeit.“ Wir befinden uns also – man geht wohl nicht zu weit, dies zu konstatieren – in einem Zeitalter, in dem das uralte, viele Hunderte Millionen Jahre alte Ausgleichsprinzip, Gleichgewicht, diese geniale Koevolution von Henne und Ei vereinseitigt wird zugunsten „der Henne“, zugunsten des hervorbringenden Teils.

Und Grenzverkehr wird nicht mehr „nach dem spezifischen Bedarf der Innenwelt“, sondern anhand der inneren Logik der selbstauferlegten Umhüllungstheorien (Ideologien) geregelt. Das Prinzip Ei verliert an Evidenz, der moderne Mensch – als Individuum und als ‑heit – gleicht den eiersammelnden Papua: Er weiß, dass die Zerstörung des Eis seiner eigenen Vernichtung dient, der Zerstörung seiner eigenen Lebensgrundlagen, aber er tut es trotzdem. So weit zu seiner Intelligenz – oder Pathologie. Sloterdijk: „Als Epoche systematischer Grenzverschiebungen, kollektiver Schalen-Pathologien und epidemischer Hüllen-Störungen verlangt das gegenwärtige Zeitalter nach einer historischen Anthropologie der prozessierenden Verrücktheit.“

„Frankfurter Allgemeine“: „Früchte des Vulkans“

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Seidwalk“.


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