17. April 2020

Fußball, Corona und Kausalität Das entscheidende Tor

Der letzte Grund ist ein anderer

von Jörg Seidel

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Bildquelle: shutterstock Das entscheidende Tor: War es wirklich das Virus?

Die Rede vom entscheidenden Tor hat mich immer verunsichert und nie richtig überzeugt. Nehmen wir an, eine Mannschaft liegt mit null zu eins im Rückstand, ihr gelingt der Ausgleich, und in der Nachspielzeit schießt sie das zweite Tor. Mit großer Selbstverständlichkeit wird der Reporter vom „entscheidenden Tor“ sprechen, wenn nicht schreien. Dabei wäre dieses Tor nicht entscheidend gewesen, hätte es das erste Tor – also den Ausgleich – nicht gegeben. Damit das zweite Tor überhaupt entscheidend sein konnte, bedurfte es des ersten Tores, das damit entscheidend für das zweite Tor und letztlich für den Sieg war. Umgekehrt hätte es aber nicht für das zweite Tor entscheidend sein können, wenn dieses nicht gefallen wäre, womit das zweite Tor entscheidend dafür ist, dass das erste entscheidend sein konnte. Und von vorn.

Man kann sogar so weit gehen und behaupten, dass ein nicht geschossenes Tor entscheidend für den Spielstand oder sogar den Sieg/die Niederlage war, und das trifft fast immer zu. Denn wenn dieses Tor gefallen wäre, dann hätte es jenen Spielstand nicht gegeben. Insofern kann auch der einzige Ausnahmefall, das Eins zu null, unter obiger Prämisse subsumiert werden.

Kurz und gut: Die Rede vom entscheidenden Tor ist mindestens suspekt. Die „Entscheidung“ ist etwas, das uns Sprache und menschliches Denken anbieten, um zu komplexe Phänomene lösbar erscheinen zu lassen. Man kann „Tor“ auch durch „Faktor“ ersetzen.

Dass Agüero – um ein klassisches Beispiel zu nehmen – in der letzten Spielminute der Verlängerung des letzten Spieltages der legendären Saison 2011/12 das „entscheidende“ Tor schießen konnte, lag nicht nur an den bereits zuvor gefallenen Toren, sondern an vielen anderen Faktoren ebenfalls. So dürfte der Gegner, die Queens Park Rangers, der vor der Partie abstiegsgefährdet war, zu diesem Zeitpunkt bereits gewusst haben, dass die Ergebnisse auf den anderen Plätzen den Klassenerhalt bereits gesichert hatten – das erklärt das unkontrollierte Herausschlagen des Balls aus den eigenen Reihen, ohne auch nur einen Versuch zu machen, weiter darum zu kämpfen, was Manchester City erst ermöglichte, auch diese letzte Chance herauszuspielen. Aber die Bedingungen waren auch ganz konkret: Hätte der fallende Balotelli nicht instinktiv den Ball in die Gasse zu Agüero gespielt, hätte dieser das letzte Dribbling nicht gewonnen, wäre Nedum Onuohas verzweifeltes Tackle geglückt…, das „entscheidende“ Tor wäre nicht zustande gekommen. All diese Aktionen waren im Nachhinein entscheidend dafür, dass das „entscheidende“ Tor fallen konnte, mehr noch, genau betrachtet: Alle Aktionen dieses Spiels waren entscheidend, denn selbst wenn der Schiedsrichter eine Minute später angepfiffen hätte, dann wäre die Partie wohl anders verlaufen.

Am Ende läuft das Weltgeschick – nicht zwangsläufig, aber zielstrebig – immer just auf jenen Augenblick hinaus, den wir gerade erleben. Nur wenn man die Gesamtheit bewusst in Intervalle trennt, lassen sich tatsächlich Ursache und Wirkung – in einigen Fällen – scharf trennen.

Nehmen wir Corona. In Ungarn gibt es noch übersichtlich wenige Fälle. Die Opfer des Virus werden – wohl ein Unikum an Transparenz – tagtäglich akribisch aufgelistet. Aufgelistet werden auch die Vorerkrankungen, und die sind in der Regel – man erfährt natürlich nie den Grad der Malaise – ernsthaft. Gerade heute wurde ein Mann vermerkt, dessen Vorerkrankung ein „Stroke“ war. Das ist fast schon komisch, wenn es nicht so tragisch wäre. Vermutlich ist dieser Mann an einem Schlaganfall gestorben und trug nebenbei das Virus in sich. Vielleicht aber wäre der Schlaganfall glimpflicher ausgegangen, wenn er durch das Virus nicht geschwächt gewesen wäre? Wir wissen es nicht. Vielleicht wäre ein anderer ohne Virusschwäche auch nicht die Treppe hinuntergestürzt? Hat das Virus ihn getötet oder die Treppe?

Die meisten Menschen auf dieser Liste sind alt und hatten einen ganzen Kanon an gesundheitlichen Problemen mit sich herumgeschleppt. Nehmen wir so eine künstliche Intervallabtrennung vor und imaginieren wir einen Fall – filmreif. Jemand schleift sich in seinen letzten Agonien, die ihm das Virus verschafft, vielleicht schon von Sinnen, auf eine Autobahn und wird von einem Lastzug überfahren. Dies mag wenige Augenblicke vor seinem sicheren Virus-Tod geschehen sein, wir können dennoch behaupten, dass der Mann durch Überfahren zu Tode kam, selbst dann, wenn wir wissen, dass die Agonien, die ihn verwirrt auf die Fahrbahn treten ließen, durch das Virus verursacht waren. Es ist wie das entscheidende Tor: Man kann noch so viele Paradoxa aufführen, unser Menschenverstand will das letzte Tor als das entscheidende ansehen.

Aber wir wollen der wahren Wahrheit dennoch ins Angesicht schauen: Der letzte Grund für den fürchterlichen Tod des Mannes ist nicht der Lastwagen, war auch nicht das Virus oder seine zahlreichen Vorerkrankungen… der eigentliche und letztgültige Grund war seine Geburt – und die seiner Mutter…

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Seidwalk“.


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