01. Dezember 2015

Bridge of Spies, seit 26. November im Kino Kalter, kalter Krieg

Nur in den USA schien die Sonne

von Ulrich Wille

Artikelbild
Bildquelle: Twentieth Century Fox Es ist ein wenig kalt in Europa: Wolfgang Vogel (Sebastian Koch) und James Donovan (Tom Hanks)

Die Glienicker Brücke zwischen Potsdam und Berlin war zu Zeiten des Kalten Krieges als „Bridge of Spies“, Brücke der Spione, bekannt. Mehrmals tauschten hier Ost und West gefangengenommene Spione der jeweiligen Gegenseite aus. Die erste dieser Aktionen fand am 10. Februar 1962 statt: Der Sowjetagent Rudolf Abel, der in den USA des Ausspionierens von Verteidigungsinformationen überführt worden war, wurde gegen den amerikanischen Piloten und Spion Francis Gary Powers ausgetauscht, der bei einem Aufklärungsflug über dem Ural abgeschossen worden war. Organisiert wurde der Austausch durch den ostdeutschen Rechtsanwalt Wolfgang Vogel, Verhandlungsführer auf amerikanischer Seite war James B. Donovan im Auftrag der CIA, der aber selber kein Regierungsbeamter, sondern ebenfalls Rechtsanwalt war und Rudolf Abel fünf Jahre davor nach seiner Festnahme verteidigt hatte.

In „Bridge of Spies“ erzählt Steven Spielberg die Geschichte dieses Unterhändlers Donovan (Tom Hanks), der sich durch die Verteidigung eines kommunistischen Spions im paranoiden Amerika der 1950er Jahre zum Buhmann macht, später aber wegen seines gewieften Handelns beim Agentenaustausch zum Helden wird. Eine Story wie gemacht für Spielberg, der schon in anderen seiner Regiearbeiten wie „Schindlers Liste“ (1993) und „Der Soldat James Ryan“ (1998) eine Hymne auf den Jedermann sang, der angesichts nationaler Bedrohung über sich hinauswächst und zum Helden wird. Und wie in den genannten Filmen dient auch in „Bridge of Spies“ die reale historische Begebenheit als Folie zur Darstellung menschlicher (und amerikanischer) Größe. Und auch diesmal hat Spielberg keinerlei Hemmungen, die ganz große Pathosmaschine anzuwerfen und, unterstützt durch den entsprechenden Score (diesmal von Thomas Newman statt des erkrankten Spielberg-Komponisten John Williams) und die Coen-Brüder als Drehbuchautoren, gehörig zu übertreiben. Wenn Rudolf Abel (Mark Rylance) seinen Anwalt Donovan als „standhaften Mann“ anhimmelt, dann weiß der Kenner, dass es nicht das letzte Mal in diesem Film sein wird – tatsächlich fällt der Ausdruck am Ende des Films dann gleich zweimal hintereinander, der Wallung wegen. Auch platte Symbolik fehlt nicht, wenn etwa Donovan in Berlin vom Zug aus beobachtet, wie Flüchtlinge beim Versuch, die kurz zuvor errichtete Berliner Mauer zu überqueren, erschossen werden, und er später in Amerika wieder vom Zug aus Kinder beim friedlichen Überklettern von Gartenzäunen bemerkt. (Überhaupt ist in Amerika immer schönes Wetter, während in Berlin grausige Kälte herrscht.) Aber solche Übertreibungen hat man Spielberg fast immer verziehen, und man verzeiht sie ihm auch jetzt. Wie bei früheren Filmen spürt man das Herzblut, das der Regisseur in diesen Film gelegt und das sich auf die Darsteller übertragen hat. Die Besetzung ist bis in kleinste Nebenrollen überzeugend, und Tom Hanks und Mark Rylance verhindern mehr als einmal mit naturalistischem Spiel das Abdriften in den Kitsch. Die fesselnde historische Handlung tut ihr übriges, um „Bridge of Spies“ nicht zu einem cineastischen Meisterwerk, aber zu einem spannenden und berührenden Filmerlebnis zu machen.

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