04. Januar 2021

Filmrezension „The Midnight Sky“

Das Weltenbrandszenario des Kanzlerberaters George Clooney

von Carlos A. Gebauer

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Bildquelle: Burben / Shutterstock.com „The Midnight Sky“: Den echten arktischen Nachthimmel mit Polarlichtern zu betrachten dürfte spannender sein …

George Clooney, der weltbekannte Schauspieler aus Lexington (Kentucky), begegnet seinem Publikum in „The Midnight Sky“ als ein arbeitswütig-soziopathischer Astronom, der alles über den Jupitermond K23 und dessen mögliche Besiedlung durch den Menschen weiß. Warum genau er deswegen ausgerechnet am Nordpol sitzt und schon in den ersten Filmminuten aussieht wie eine Mischung aus Bhagwan Shree Rajneesh und Osho, werden wir allerdings am Bildschirm nie erfahren. Denn der personalunionierte Produzent und Hauptdarsteller hat es leider nicht für nötig gehalten, uns hier eine nähere Erläuterung zu liefern. Es wird nicht die einzige dunkle Ungenauigkeit der folgenden beiden Stunden bleiben, die sich klebrig wie Meteoritenstaub über den Bildschirm des lockdowngeschädigten Betrachters legen.

Den Anfang macht immerhin noch eine Szene hektischer Betriebsamkeit: Futuristische Superhelikopter kreisen über dem ewigen Eis des Jahres 2049. Neben einer offenbar hochmodernen polaren Forschungsstation steigen sie kraftvoll auf, um zielstrebig mit verzweifelt evakuiertem Wissenschaftspersonal gen Horizont zu entschwinden. Drei Wochen zuvor, so lernen wir, hat ein Ereignis die Welt irreparabel beschädigt. Welches Ereignis genau, wird nicht erklärt. Clooney hält sich auch hier konsequent nicht mit Marginalien auf. Klar ist: Im Ergebnis wird jedenfalls in genau diesem Moment der ganze Planet unbewohnbar. Nur an den Polen kann man für den Moment gerade noch so überleben. Mit der dann vielleicht naheliegenden Frage, warum sich das pfiffige Forschervolk dennoch in Scharen eilig von dort evakuieren lässt, bleiben wir auf unserem Sofa so allein wie Clooney selbst im ewigen Eis. Der schleppt seinen ermatteten Körper nämlich völlig einsam vom Hubschrauberlandelatz zurück in die nun verwaiste Polarstation. Aus der letzten Bemerkung eines Abreisenden erfahren wir, dass der Held ohnehin sterbenskrank sei. Woran genau er leidet? Der geübte Leser von Filmkritiken ahnt es schon: Wir werden auch das nie erfahren.

Offenbar zwingt seine Krankheit den Protagonisten aber turnusmäßig zu einer Art Dialyse, für die am Ende der Welt praktischerweise eine später auch rucksacktaugliche, transportfähige Blutwäschestation zur Eigentherapie verfügbar ist. Wer je in eine vergleichbare Situation geraten sollte, möge dies beherzigen: Man begebe sich in die hauseigene Zahnklinik und lege sich auf einen Behandlungsstuhl. Dort nehme man zwei transparente Schläuche, verbinde sie zwischen Mullbinden in den Armbeugen mit dem eigenen Blutkreislauf und pumpe das Ganze bei mittlerer Temperatur unter leichtem Rühren einige Zeit hin und her. Anschließend schlucke man einen Fundus von weiß-blauen Kapseln und spüle diese mit reichlich trostspendendem Whiskey herunter. Ob das strahlend braune Kupferrot des Whiskeys im Glas des Traurigen eine Hommage des Künstlers an seine Heimat ist? Wir wissen es nicht.

Nachdem die Kostümbildner das Antlitz des selbsttherapierten Patienten dann endlich so generalinsuffizient umgestaltet haben, dass man langsam schon anfangen möchte, dem Verbleichenden eine Totenmaske anzurühren, findet dieser plötzlich wieder genügend Kraft, in der Kantine des Instituts nach einer Schale Cornflakes zu fahnden. Und genau dort, auf einem der langen menschenleeren Tische, begegnet dem Tapferen nun im fahlen Neonlicht des polaren Morgens jenes erste Mysterium, mit dem sich eine entscheidende Wende für sein vereinzeltes Schicksal abzeichnet. Es verbietet sich, hier Einzelheiten zu jener Begebenheit zu verraten, da es sich dadurch praktisch vollends erübrigen könnte, den Film überhaupt noch zu betrachten. Nur so viel: Clooney schüttet den Inhalt der einen Frühstücksschale auf den Inhalt der anderen und misst dem Mysterium keine weitere Bedeutung zu.

Inzwischen sind der erschütternde Lärm und die Hektik der Helikopterrotoren vergessen. Der Film hat unmerklich in jenes Erzähltempo gefunden, bei dem man jedes Sternenstaubkorn einzeln aus der Milchstraße herunter bis in den Bart des letzten Menschen sinken sieht. Doch: Mensch gibt acht! Was spricht die späte Mitternacht? Es brennt, es brennt! Zum Küchenraum ist er gerannt: Der Brand ist hoch, doch schneller als die Flamme schlägt, löscht er die Glut. Glück, tiefer noch als Tischniveau: Knie spricht: Knick ein! Doch dieser Film will Langsamkeit, will tiefe, tiefe Langsamkeit.

Endlich tritt nun also, unter dem Tisch, eine weitere Person neben den langsam Sterbenden. Ein kleines, phantomhaftes Mädchen, das – wiewohl konsequent zopflos – so aussieht, als könnte es Greta Fältskog heißen. Aber sie spricht nicht. Sie singt auch nicht. Stattdessen erduldet sie Clooneys unzählige Versuche, per Hightech-Weltfunk Kontakt zu irgendeiner menschlichen Seele aufzunehmen, die vielleicht noch im All überlebt haben könnte. Während der downgelockte Zuschauer inzwischen von seinem Sofa aufgestanden ist, um durch kreisende Beinbewegungen vorsorglich gefährlichen Thrombosegefahren vorzubeugen, macht sich schließlich auch Clooney auf seinen Weg. Er verlässt die sichere Polarstation mit ihren unerschöpflichen Ressourcen aus Energie, Whiskey, Medikamenten und grünen Kullererbsen, um am anderen Ende des Nordpols einen kräftigeren Sender für ein von ihm erhofftes extraterrestrisches Telefonat nutzen zu können. Und in der Tat: Wer würde nicht in solch verzweifelter Lage ein heimeliges Refugium gegen ein cabrioartiges Snowmobil tauschen, um sich in der bittersten Eiseskälte des Nordpols auf die Suche nach einer besseren Telefonzelle zu machen? Weil man mit jemandem sprechen will, von dem man nicht weiß, ob es ihn überhaupt noch gibt? Schon wieder: ein Mysterium.

Doch damit nicht genug. Zu den großen Vorzügen der von George Clooney ausgestatteten polaren Forschungsstationen gehört das weitere Mysterium, dass sie auch für achtjährige Mädchen jederzeit passende Thermokleidung und Gasmasken zur Außer-Haus-Beatmung bei überraschend tödlich vergifteten atmosphärischen Bedingungen vorhalten. Das Jahr 2049 zeigt hier also bereits jene Dimension der schon heute verheißenen Zukunft, in der man über kein Eigentum mehr verfügt, aber dennoch glücklich sein kann, weil man alles besitzt, was man gerade braucht. So also fahren der alte Mann und die Göre hinaus in die Schneewüste, dem stärkeren Sender hinter den sieben Bergen entgegen. Wir wissen nicht, was man einem erfahrenen Polarforscher empfiehlt, wenn er mitten im eisigen Nichts ein abgestürztes Flugzeug oder einen halb eingeschneiten verwaisten Baucontainer findet. Das Autorenkollektiv hinter dem schon jetzt bedenklich eingefrorenen Bhagwan-Bart riet wohl dazu, jede dieser Räumlichkeiten jedenfalls ohne genauere Umfelderforschung zu betreten oder – besser noch – einer Achtjährigen in reaktionär-misogyner Manier sogar den Vortritt zu lassen, bevor man, wieder unbedacht, das Türschloss des Containers krachend hinter sich in die Zarge fallen lässt.

Einem glücklichen Zufall verdankt Clooney dann, dass er nicht nur seine mobile Blutwaschmaschine beim plötzlichen Abbrechen von Gletscherbestandteilen unter dem Container vor dem Versinken in die eiskalten Fluten des Nordmeeres retten kann. Zugleich verfügt er nun auch über ein schussbereites Gewehr, das ihm bald gleichermaßen anthropophile wie wildtierophobe Schüsse ermöglicht, nachdem er leider ungeschickt sein Snowmobil versenkt hat. So sehen wir den Unbeugsamen jetzt ungerührt zu Fuß über den Nordpol laufen: den weltersten (und, so viel sei offengelegt, weltletzten) Dialysepatienten, der nach Durchtauchen des Polarmeeres noch immer – durchnässt, doch unverdrossen – über das Packeis stapft und eingefrorenen Schädels dem Eissturm hinter einer tapfer von Hand errichteten schulterhohen Wand aus Schnee trotzt. Ob Robert Falcon Scott heute noch leben könnte, hätte auch er am Südpol das Privileg genossen, dass Tage und Nächte sich so kurztaktig ablösen wie im Pferdeparadies von Lexington (Kentucky)? Oder wie am Nordpol des Clooney-Teams? Mit jedem neuen Sonnenaufgang hätte sich dann vielleicht auch für Scott der Blick auf eine weitere hochmoderne Polarstation mit flauschigem Ledersofa und interstellarer Funktechnik freigegeben. Spätestens hier endet die Bereitschaft des Durchschnittsrezipienten, den Mystizismen des Filmes zu folgen.

Betroffene von Nahtoderfahrungen berichten bekanntlich, ihr ganzes Leben sei noch einmal wie ein Film vor ihnen abgelaufen. Auch Menschen, die „The Midnight Sky“ gesehen haben, haben sich für ein ähnliches Erleben entschieden: Mit letzten Kräften ermittelt der aufgetaute Clooney hier per Funk die Geschehnisse um ein fernes Raumschiff, das sich auf dem Rückflug von K23 zur Erde befindet. Eingebettet in diesen Handlungsstrang sind noch einige für die Hauptsache praktisch vernachlässigbare Szenen, die immerhin für das Auge wiederholt wie eine Symbiose aus Biosphäre und „Star Wars“ anmuten: Eine erfreulich postrassistische Liebesgeschichte inklusive Alptraumerlebens einer Gravida (nobelpreisverdächtig: Getreidefelder auf einem Jupitermond). Eine Gebärmutterultraschalluntersuchung mit medizinprodukterechtlich unzulässigen Instrumenten (bambiverdächtig: die genderneutrale Frage „Junge oder Mädchen?“ 30 Jahre nach Einführung der Pflichtbezeichnung „m/w/d“). Der bittere Tod einer lebensfrohen Weltallspaziergängerin (in oscarverdächtiger Ruhe: die kameratechnisch aufwendig in der Schwerelosigkeit platzenden Blutstropfen). Eine echte Männerfreundschaft bis in den Tod (beruhigend: Auch 2049 ist der Welt nicht nur Whiskey erhalten geblieben, sondern auch eine Erdatmosphäre, in der man verglühen kann). Eine herzzerreißende Videobotschaft (schön: Auch nach zehn Tagen im Netz noch postapokalyptisch verzerrungsfrei abrufbar). Und ein filmbudgetfreundlich teichoskopiertes, spektakuläres Wendemanöver (unter gezielter Nutzung der Gravitation zum Spritsparen!).

Im Übrigen aber bleibt der für den Gesamtfilm wesentliche Plot auf dem Boden der nordpolaren Realität, um dort – nach Verarbeitung einer privaten Beziehungskrise – in den Tränen des tatsächlich einsamen Helden zu enden. Ähnliche Tränen könnten die Schöpferin des Ursprungswerkes davon abgehalten haben, dem Drama ein wirkliches Ende zu verschaffen. Die dann allerletzten Menschen im endlosen Nichts, Schwangere und Schwängernder, spielen für ein paar abschließende Minuten noch an den Knöpfen ihres Steuertisches, um dann wie zerstrittene Nachrichtensprecher nach Abschalten der Studiokamera nacheinander wortlos in unterschiedliche Richtungen abzutreten.

Hinter dieser dünnsten aller möglichen filmischen Suppen steht augenscheinlich als Koch ein Hauptdarsteller und Produzent, dessen zentrale Lebensbotschaft sich in seinem prämortalen Satz an die Raumschiffcrew versteckt: „Wir haben nicht gut auf die Erde aufgepasst, während ihr unterwegs wart.“ Ein völlig zerstörter, verkaterter und dampfender Planet, auf dem nur noch vorübergehend ein unterirdisches Leben möglich ist, bildet den schauerlich-pittoresken Hintergrund seiner Ängste. Bedenkt man, dass auch Clooney mit seiner Frau Amal bisweilen zum sachverständigen Beraterstab der deutschen Kanzlerin gehörte, erschließt sich der Furor, mit dem eine gewisse Natur- und Weltenrettungsszene im Zentrum der Berliner Macht derzeit glaubt, dem „Earth Fatigue Day“ nicht nur einen cineastischen Doomsday, sondern einem vermuteten Klimakollaps jedenfalls naturverträgliche Lockdowns entgegenhalten zu müssen.

Den ganzen Film kann man geflissentlich übersehen, ohne einen intellektuellen, kulturellen oder ästhetischen Mangel zu erleiden. Mit dem Hintergrund seiner Entstehung sollte man sich indes ernsthaft auseinandersetzen. Denn wo der Glaube an das nahende Ende der Menschheit eine solch verbissene Intensität erreicht, da befindet sich der nüchterne Verstand offenbar erheblich auf dem Rückzug. Haben wir also ein Auge darauf: Die Risiken einer achtsam-kollektiven Selbsttötung aus Angst vor dem naturgewaltsamen Tod sind nicht nur aus dem guyanischen Jonestown-Massaker bekannt. Man sollte nicht näher bei alledem stehen als unbedingt nötig.


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