23. Februar 2020

RezensionHardy Bouillon: Wählerische Selektionen

Eine Einführung in die Theorie negativer Selektion

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Selektionen, also Auswahlverfahren, spielen in der biologischen Evolution, in Marktprozessen, ja, im Alltag eines jeden Menschen eine zentrale Rolle. Der Sozialphilosoph Hardy Bouillon schlägt eine neue Sichtweise auf Selektionen vor und entwickelt seine Theorie der negativen Selektion, die er eingangs seines Buches „Wählerische Selektionen“ wie folgt definiert: „Mit negativer Selektion ist ein Auswahlverfahren gemeint, das aufgrund der Gemengelage aller vorliegenden Konkurrenzverhältnisse innerhalb und zwischen den für die Selektion konstitutiven Kategorien ein Selektionsergebnis hervorbringt.“ Dass diese Bestimmung negativer Selektion für den Leser noch nicht unmittelbar eingängig ist, gibt der Autor selbst zu und bemüht sich, ihm auf den folgenden Seiten seine neue Sicht auf Selektionsprozesse darzulegen. Im Gegensatz zu einer positiven Selektion legt eine negative Selektion kein Ergebnis definitiv fest, sondern schließt nur mögliche Ergebnisse aus. Nach Ansicht des Autors sind positive Selektionen, also solche mit einem definitiven Ergebnis, nur ein Nebenprodukt der negativen und kommen beispielsweise in der biologischen Evolution gar nicht vor. Bei Hobbes, Hume, Darwin und Popper sowie den Hauptvertretern der Österreichischen Schule, Menger, Böhm-Bawerk, Mises und vor allem Friedrich-August von Hayek findet der Autor wichtige Vorläufergedanken auf dem Weg zur Theorie negativer Selektion, ohne dass diese Denker den Durchbruch zur Entwicklung einer solchen Sichtweise vollbracht hätten. Anhand des Zahlenrätsels Sudoku veranschaulicht Bouillon, wie negative Selektionen funktionieren, und das bietet dem geduldigen Leser so manches Aha-Erlebnis. „Wählerische Selektionen“ ist schwere Kost, aber das liegt keineswegs an didaktischem Unvermögen des Autors, sondern an der Natur der Sache. Die Sprache des Buches ist durchaus klar und elegant – sieht man einmal von der Marotte des Autors ab, jeden dritten Absatz mit „Wie auch immer“ oder „Wie dem auch sei“ beginnen zu lassen.


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Ulrich Wille

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