20. September 2026

Randnotizen Wenn Wahrheit zur Beliebigkeit wird

Der lange Weg in eine philosophische Sackgasse

von Rahim Taghizadegan

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Bildquelle: Redaktion Relativismus: Wenn Wahrheit und Verantwortung verschwimmen (KI-generiert)

Richard Rorty (1931-2007) gilt als einer der einflussreichsten Philosophen bis in die amerikanische Gegenwart. Er war Demokrat und Antifaschist und hat freimütig eingeräumt, dass er nicht begründen kann, warum die Demokratie dem Faschismus vorzuziehen sei. „Es ist eben so“, lautet im Kern seine Antwort. Man kann darüber nicht streiten; man kann es nur teilen oder nicht teilen. Seinen Bewunderern gilt diese Offenheit als Tugend: Hier wagt einer, die Grenzen der eigenen Disziplin einzugestehen. Mir scheint, sie ist der Anfang eines Problems.

Rorty steht für den pragmatischen Zugang des erschütterten Nachkriegswestens. Große Wahrheitserzählungen hatten in die Katastrophe geführt, und so wurde Skepsis zur Grundhaltung. Rortys Pragmatismus klingt zunächst sympathisch, fast praxeologisch. Wer handelt, handelt unter Ungewissheit, weil er sich auf eine Zukunft bezieht, über die er keine Erfahrung haben kann. Theorie ist dann ein Behelf, kein Orakel. Hier berührt sich Rorty mit der Österreichischen Schule. Eine Katallaxie braucht keinen Konsens über die Zukunft; sie erträgt es, dass die Beteiligten verschiedener Meinung sind, und lässt sie trotzdem nicht als Feinde auseinandergehen. Hayek und Mises haben dieselbe Demut gegenüber dem Nichtwissen kultiviert, und auch bei ihnen folgt daraus ein Misstrauen gegen die großen Pläne der Technokraten. So weit könnte man mitgehen.

Rorty geht weiter. Er bleibt nicht bei der Bescheidenheit über die Zukunft, sondern gibt die Realität selbst preis. Es gibt für ihn keine geteilte Wirklichkeit, der man näher oder ferner sein könnte, kein Argument, das grundsätzlich besser treffen kann als ein anderes. Und hier kippt die Demut in ihr Gegenteil. Denn wenn niemand der Realität näher sein kann, dann hat auch nie jemand recht. Das scharf geführte Argument wird damit zur Zumutung. Wer hartnäckig nachsetzt, weil ihm die Sache wichtig ist, erscheint nicht länger als einer, der die Wahrheit sucht, sondern als einer, der Macht ausübt. Viele empfinden das längst so: Schon eine gewisse Schärfe gilt als persönlicher Affront, als Frechheit.

Was dabei verloren geht, ist der Unterschied zwischen meinem Argument und dem Argument. Ein Argument gehört niemandem. Es stellt mich in Frage, auch wenn es richtig ist, und gerade dann. Diese Entpersönlichung ist eine kulturelle Errungenschaft, mühsam gegen eine evolutionäre Prägung erworben, die uns lehrt, jede Infragestellung als Angriff der fremden Gruppe zu lesen. Rortys Relativismus nimmt sie zurück. Übrig bleibt das Interesse, das sich nicht mehr widerlegen lassen muss, weil es ja nur ein Interesse unter anderen ist.

Für die Demokratie hat das Folgen. Das Gespräch, sagt Rorty, sei ihr Herz, und das klingt gut. Allerdings: Wenn das Gespräch nichts mehr klären kann, weil es nichts zu klären gibt, dann wird aus dem Widerlegen ein Ausschließen. Den Gegner, den ich mit Gründen nicht mehr erreiche, kann ich nur noch aus dem Gespräch entfernen. Man führt das demokratische Gespräch dann am bequemsten unter denen, die ohnehin schon einig sind, und behandelt jeden, der eine störende Frage stellt, als jemanden, der sich selbst hinausgestellt hat. Aus der Demokratie wird Gesprächsmanagement.

Verdächtig werden mir in diesem Licht gerade die Begriffe, auf die sich alle einigen können. Wenn jede Partei die Freiheit unterschreibt, ist der Begriff entweder leer oder er deckt etwas zu. Dasselbe gilt für die Menschenrechte. Ein Recht, das man qua Geburt besitzt, ohne etwas dafür zu leisten, ist eine asymmetrische Behauptung. Viktor Frankl hat zur Freiheit angemerkt, dass alle sie wollen, aber niemand die Verantwortung, die ihre Kehrseite ist. Bei den Menschenrechten ist es ähnlich: Alle wollen die Rechte, wenige die reziproken Pflichten, ohne die kein anderer sie gewähren könnte. Was bleibt, ist der Wunschzettel an einen Wohlfahrtsstaat, der die Rechnung übernehmen soll.

Der eigentliche Kniff aber liegt woanders. Der Relativismus tritt antiautoritär auf und schafft eine Autorität, die sich gegen jede Kritik immunisiert hat. Wer nichts behauptet, kann nicht widerlegt werden. Der Guru, der sich festlegt, kann scheitern: Man hält ihm vor, dass er dies gesagt hat und jenes nicht eingetroffen ist. Der Anti-Guru hat nichts gesagt; er hat Gefühle geteilt und Sprachspiele angeboten. Rorty, der einflussreichste Philosoph seiner Tradition, ist ein Philosoph, der die Philosophie verneint und davon gut lebt. Das ist die unangenehme Pointe: Wer die Wahrheit für eine Anmaßung erklärt, entzieht sich der Rechenschaft. Autorität verschwindet damit nicht, sie wird nur unsichtbar. Lehrer, Experte und Gutachter behalten Status und Einkommen, geben aber die Haftung ab. Das psychologische Gutachten, nach dem jemand freikommt, der kurz darauf tötet, war eben nur eine Einschätzung; eine Wahrheit gibt es in dieser Disziplin ja nicht.

Am deutlichsten zeigt sich der Schaden in der Erziehung. Der antiautoritäre Lehrer will nicht mehr Autorität sein, sondern Therapeut und bester Freund. Er begibt sich auf die Ebene des Schülers herab und nimmt ihm damit den Reibebaum, an dem eine junge Persönlichkeit sich erst bildet. An einer Autorität, die für etwas einsteht, kann man sich reiben und Mut beweisen. An einem Kollegen, der jedes Gefühl gleich gelten lässt, läuft die Reibung leider ins Leere. Und wo sie fehlt, sucht sie sich extremere Formen, bis hin zu solchen, die niemand will.

Hier liegt die Grenze, an der die Nachsicht aufhört. Vieles muss man nicht entscheiden; bei vielem ist es klüger, nicht recht haben zu wollen. Dort aber, wo es Schadensfälle gibt und Leidtragende, hört der Pragmatismus auf, harmlos zu sein. Dann muss man wissen wollen, wer verantwortlich war und wer es hätte kommen sehen müssen, auch wenn die Frage übergriffig klingt. Wer dann noch erklärt, es gebe ja keine Wahrheit und alles sei eine Frage der Perspektive, gibt sich bescheiden und macht sich nützlich. Die Skepsis gegen die großen Wahrheiten war eine notwendige Phase der Moderne. Die Skepsis, die mit der Wahrheit auch die Rechenschaft auflöst, ist ihre bequemste Korruption.

Information

Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 21. August erscheinenden Sep./Okt.-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 263.


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