17. September 2026

Besinnungsaufsatz Dummheit und Gier machen aus eins plus eins vier

Wie demokratische Regeln Opportunismus fördern

von Kurt Kowalsky

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Bildquelle: e-Redaktion Politik: Nur ein Wettbewerb der Gauner

Dummheit und Gier machen aus eins plus eins vier

Stellen Sie sich vor, liebe Leser, es gäbe eine WEG. Eine Wohnungseigentümergemeinschaft, die von einem Verwalter – nomen est omen – verwaltet wird. Der wird von den Eigentümern gewählt und hat seine Aufgaben zu erledigen.

Nehmen wir an, es regnet durchs Dach, der Aufzug klemmt und ans Telefon geht auch niemand. Der Verwalter möchte trotzdem wiedergewählt werden. Was wäre für ihn vernünftig? Er lässt das Dach abdichten, den Aufzug reparieren und geht ans Telefon. Dazu braucht es weder Gemeinsinn noch Menschenliebe. Eigennutz genügt, will man seinen lukrativen Posten behalten.

Sein Konkurrent hat es noch einfacher. Er weist auf die Mängel hin und verspricht, es besser zu machen. Auch dazu braucht es keine politische Philosophie. Merkwürdig würde die Sache erst, wenn der eine seine Aufgaben nicht erledigt, der andere seit Jahren verspricht, es besser zu machen, nach seiner Wahl aber ebenfalls nichts erledigt – und anschließend beide wiedergewählt werden wollen. Hat man es denn nur noch mit Idioten zu tun?

Es tut hier wohl Aufklärung not. Ich weiß nicht, ob es 1784 bereits Wohnungseigentumsverwalter gab, doch in diesem Jahr schrieb Immanuel Kant, Aufklärung sei der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Das klingt zunächst vernünftig. Doch im Gefolge der Aufklärung machte sich eine Heerschar von Sinnstiftern daran, den Menschen nicht mehr bessere Mittel, sondern Zwecke, Kategorien und Weltbilder zu liefern, die in ihrer Lebenswelt überhaupt nicht vorkamen. Frei nach Max Stirner setzten sie ihnen einen Sparren in den Kopf, was seinerzeit noch dem Papst vorbehalten war. Plötzlich sind die Menschen Proletarier, Volksgenossen, Angehörige einer Klasse, Teil einer historischen Mission oder Opfer der Bourgeoisie.

Verstanden haben die Leute diese Gedankengebäude wohl genauso wenig, wie Hinz und Kunz heute verstehen, dass die Gravitation eine geometrische Folge der Raumkrümmung ist. Alles fällt eben nach unten und der Toast immer auf die Seite mit der Butter.

Dafür gibt es Verkünder. Die pressen die mehr oder weniger geballten Fehlschlüsse der Philosophen in verständliche Sprechblasen und politische Kampflieder. Dann ist von Zukunft, Freiheit, Volk, Klasse und Gerechtigkeit die Rede. Oder noch einfacher: „Mache Schluss mit den Bedrängern, vertreibe sie, dann scheint die Sonne ohne Unterlass.“

Nun hat allerdings jeder seinen Sparren. Der Christ zweifelte nicht an Gott, der Bürger nicht am Staat, der Sozialist nicht an der Klasse und der Patriot nicht am Volk. Frei nach Stirner wurden dicke Bücher darüber geschrieben, was innerhalb dieser Gedankengebäude richtig und falsch sei. Nur auf die unverschämte Frage, ob das Gebäude selbst vielleicht großer Bullshit ist, kam kaum jemand.

Und während der Verwalter, um diese Analogie nochmals zu bemühen, jederzeit abgelöst werden kann, hat sich der Staat mit all seinen inhärenten Widersprüchen derart verfestigt, dass er inzwischen für eine Naturerscheinung gehalten wird. Damit bietet er zugleich eine hervorragende Spielwiese für allerlei Irre, die ganz unterschiedliche Vorstellungen davon haben, was mit ihren Mitmenschen anzustellen sei.

Aber was ist nun mit unseren Idioten? Vielleicht sind sie gar nicht so dumm. Die Sprechblasen der anderen haben auch die bürgerlichen Politiker gerne übernommen. Denn wer konkret sagt, was er vorhat, verrät zugleich, wessen Stimmen er gewinnen und wessen Interessen er dafür opfern will. Wer dagegen Freiheit, Gerechtigkeit und eine bessere Zukunft verspricht, kann hoffen, dass jeder etwas anderes darunter versteht.

Und damit wären wir beim „Willen des Volkes“. Den gibt es nicht. Wollen können nur Menschen, und Millionen unterschiedliche Willen werden auch dadurch nicht zu einem gemeinsamen, dass man sie auszählt und das Ergebnis „Volkswille“ nennt.

Doch jetzt wird es unangenehm, liebe Leser. Wenn Sie auf einen Wahlzettel ein dummes Kreuz machen, versuchen Sie damit, einen Politiker oder eine Clique von Politikern zu legitimieren, genau das zu tun, was Sie selbst noch nie konkretisiert haben. Es ist einerlei, ob der Einzelne sich mehr soziale Gerechtigkeit oder mehr Frischquark wünscht. Mit seinem Kreuz versucht er stets, irgendeine Unverschämtheit auf Kosten anderer Menschen über den Gewaltmonopolisten zu exekutieren, die im normalen zwischenmenschlichen Umgang undenkbar wäre.

Der obige Absatz gilt nicht, wenn Sie der Ansicht sind, Sie wären etwas Besonderes. Irgendwer oder irgendwas hätte gerade Sie auserkoren, andere Personen ungefragt zu bevormunden, zu gängeln, zu erziehen, zu maßregeln, zu nötigen und schließlich zu zwingen.

Und Sie sind nicht allein. In dem Machwerk des Grundgesetzes werden die vom Herrschaftsapparat gnädig gewährten Rechte mit Gesetzesvorbehalten gleich wieder relativiert. Was davon im Einzelfall übrig bleibt, bestimmen wiederum Institutionen desselben Herrschaftsapparates nach Regeln, die dieser sich selbst gegeben hat.

Der Demokratismus ist ein Herrschaftssystem der offenen Macht. Die Plätze an den Schalthebeln sind nicht erblich vergeben, sondern dürfen erobert werden. Das spornt naturgemäß gerade die besonders Obsessiven an, keine Mühen, Intrigen und Schweinereien zu scheuen, um diese Machtpositionen zu erklimmen.

Wenn man sich den Urlaub so richtig verderben möchte, nehme man Hegels „Phänomenologie des Geistes“ als Lektüre mit. Und wenn Sie anschließend glauben, Sprache und Begriffe einigermaßen zu beherrschen, lesen Sie Kant. Der interpretiert Ihnen die Begriffe nach Belieben wieder um. Wollen Sie aber Ihren Mitmenschen nicht nur den Urlaub, sondern gleich das ganze Leben verderben, lesen Sie Karl Marx. Der glaubte, Hegel vom Kopf auf die Füße gestellt zu haben. Ich fürchte, er hat das Gegenteil getan. Und so entdeckte er in der gesellschaftlichen Entwicklung Gesetzmäßigkeiten. Die Gesetzmäßigkeit, mit der die versprochene Heilswerdung real immer wieder in Knechtschaft und Verderben endete, hat er aber nicht gemeint.

Sei’s drum. Der sprichwörtliche Toast fällt nach einer gewissen Fallhöhe immer auf die Butter, solange sich die Menschen nicht über Eingriffe in ihre Integrität empören. Und es kann bezweifelt werden, dass viele Politiker heutzutage Marx gelesen haben. Gefährlicher ist, dass sich eine seiner Denkfiguren längst verselbstständigt hat: Widerspricht der Mensch dem, was man als sein Interesse erkannt hat, kann nicht etwa die eigene Erkenntnis falsch sein, sondern sein Bewusstsein.

Hat man erst einmal erkannt, was für seine Mitmenschen gut ist, erledigt sich auch das ganze Geschrei und Gejammer um die Unverletzlichkeit der Person. Wer würde schließlich ein Kind nicht gegen seinen Willen mit Gewalt vom Rand des Abgrunds zurückreißen? Da können die Leute reden, was sie wollen, die Machthaber haben erkannt, was gut ist.

Merkwürdig bleibt nur, dass Menschen einen konkreten Übergriff durchaus als Unrecht erkennen können, aber das Prinzip, das diesen Übergriff ermöglicht, dann nicht infrage stellen. Empört wird sich über diese oder jene Zumutung, dieses oder jenes Verbot, diesen oder jenen Zwang. Dass irgendeine Mehrheit oder Herrschaft überhaupt befugt sein soll, friedliche Menschen ungefragt ihren Zwecken zu unterwerfen, bleibt davon meist unberührt.

Fazit: Anders als der Verwalter ist der Politiker weder an einen konkreten Auftrag gebunden noch kann ihn der Bürger nach Belieben abwählen. Er muss kein Versprechen einhalten und für seine Handlungen nicht haften. Wer glaubt, er werde morgen tun, was er heute schwätzt, sollte nachlesen, was er vor einigen Jahren, Monaten oder Wochen geschwätzt hat. Mitunter war es das Gegenteil.

Und sollte tatsächlich einmal eine rechtschaffene, ehrliche und aufrechte Persönlichkeit eine politische Machtposition anstreben, müsste sie diese erst einmal erreichen. Sagt sie konkret, was sie vorhat, schafft sie sich konkrete Gegner. Bleibt sie ihren Überzeugungen treu, machen ihr zunächst die politischen Gegner in der eigenen Clique das Leben schwer. Übersteht sie das, warten draußen bereits die Konkurrenten mit ihren Sprechblasen und unverbindlichen Parolen.

Und so machen Dummheit und Gier aus eins plus eins vier. Wer eine Machtposition erklimmen und behaupten will, muss sich an Intrigen und Schweinereien gewöhnen, für die man im normalen zwischenmenschlichen Umgang vor die Tür gesetzt würde. Irgendwann wird daraus ein Wettbewerb der Gauner. Nicht, weil alle als Gauner angetreten wären, sondern weil das System diejenigen begünstigt, die seine widerwärtigen Regeln am erfolgreichsten beherrschen.

Hat man erst alle enttäuscht und alle Ideen verraten, für die man einmal angetreten war – scheiß drauf. Dann verfolgt man eben niederträchtig noch seine eigenen Obsessionen. Der Plebs hat schließlich nur das falsche Bewusstsein. Und so darf dann auch ein Pferd erklären, es sei ein Hund. Dass sein Besitzer anschließend Hundesteuer bezahlen muss, stellt sich erst später heraus.

Beinahe, liebe Leser, hätte ich es vergessen zu erwähnen: Immer dasselbe zu tun und stets etwas anderes zu erwarten, ist ein Zeichen von Wahnsinn.

Aber keine Sorge. Bei der nächsten am Horizont auftauchenden Partei dürfen Sie es noch einmal versuchen.

- Ende -


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