12. September 2026
Der Einkommensinvestor: Carnival Corporation
Vom Traumschiff zum Albtraum und zurück?
von Luis Pazos
Als der britische Unternehmer Thomas Cook im Jahr 1841 etwa 500 Abstinenzler per Eisenbahn zu einer Kundgebung gegen den Alkoholkonsum beförderte, ahnte er vermutlich nicht, damit den Grundstein für den modernen Pauschaltourismus zu legen. Schon wenige Jahrzehnte später organisierte sein Unternehmen Reisen nach Ägypten und Palästina sowie Weltreisen. Die Seefahrt selbst blieb allerdings noch lange Mittel zum Zweck. Erst mit dem Aufkommen der Passagierflugzeuge verloren die großen Ozeandampfer ihre Funktion als Verkehrsmittel – und wurden zur schwimmenden Ferienanlage.
In diesem Umfeld gründete der israelisch-amerikanische Unternehmer Ted Arison 1972 die Carnival Cruise Line. Der Start verlief wenig verheißungsvoll: Das einzige Schiff der Neugründung lief bereits auf seiner Jungfernfahrt auf eine Sandbank. Dennoch setzte sich Arisons Idee durch, Kreuzfahrten vom elitären Luxusprodukt zum bezahlbaren Massenvergnügen zu machen. Aus einem einzigen Schiff entstand durch Expansion und Übernahmen der heute größte Kreuzfahrtkonzern der Welt.
Zur Carnival Corporation gehören neben der namensgebenden Carnival Cruise Line unter anderem Aida Cruises, Costa Cruises, Cunard, Holland America Line, Princess Cruises und Seabourn. Die Gesellschaft betreibt über 90 Schiffe und befördert jährlich Millionen Passagiere. Das Geschäftsmodell basiert längst nicht allein auf dem Verkauf von Kabinen. An Bord klingeln die Kassen zusätzlich durch Getränke, Restaurants, Ausflüge, Casinos, Wellnessangebote und Einkäufe.
Wie anfällig dieses Geschäftsmodell für externe Schocks ist, zeigte das Jahr 2020. Im Zuge der weltweiten Shutdowns kam der Kreuzfahrtbetrieb faktisch vollständig zum Erliegen. Ausgerechnet die kapitalintensiven Schiffe konnten weder verkauft noch einfach stillgelegt werden. Carnival verbrannte Milliarden, musste neue Schulden aufnehmen und Aktien ausgeben, um die Krise zu überleben. Der Kurs brach zeitweise um über 80 Prozent ein, die seit 1987 gezahlte Dividende wurde gestrichen.
Mittlerweile hat der Konzern jedoch eine bemerkenswerte Erholung vollzogen. Im Geschäftsjahr 2025 erzielte Carnival einen Rekordumsatz von über 26 Milliarden US-Dollar und einen operativen Gewinn von 4,5 Milliarden US-Dollar. Auch Buchungsstand und Preise bewegen sich auf historischen Höchstständen. Gleichzeitig nutzt das Management den wieder sprudelnden Cashflow zum Schuldenabbau. Das ist bitter nötig: Die Nettoverschuldung liegt trotz deutlicher Fortschritte noch immer weit über dem Niveau vor den Shutdowns.
Für Einkommensinvestoren besonders erfreulich ist die Rückkehr der Gelddividende. Nach fast sechsjähriger Pause nahm Carnival die Ausschüttungen im Februar 2026 mit zunächst 0,15 US-Dollar je Aktie und Quartal wieder auf. Die daraus resultierende Dividendenrendite fällt zwar noch überschaubar aus, die Wiederaufnahme markiert jedoch einen wichtigen Wendepunkt nach der existenzbedrohenden Krise.
Attraktiver kann für reisefreudige Aktionäre ohnehin die Sachdividende sein. Wer mindestens 100 Carnival-Aktien besitzt, erhält bei Kreuzfahrten der Konzerngesellschaften ein Bordguthaben. Je nach Reisedauer und Region beträgt dieses beispielsweise bei europäischen Gesellschaften bis zu 200 Euro je Kabine. Das Programm umfasst unter anderem Aida, Costa, Cunard und weitere Konzernmarken und kann bei regelmäßigen Kreuzfahrten eine durchaus bemerkenswerte Zusatzrendite generieren.
Die weiteren Aussichten hängen vor allem von der Konsumlaune der Kunden und der Entwicklung der Kosten ab. Kreuzfahrten sind konjunkturabhängig, hinzu kommen hohe Ausgaben für Treibstoff, Personal und Zinsen. Auch geopolitische Krisen oder Pandemien können den Betrieb jederzeit beeinträchtigen. Der nach wie vor hohe Schuldenberg schränkt den finanziellen Spielraum zusätzlich ein.
Auf der anderen Seite profitiert Carnival von einer anhaltend hohen Nachfrage, steigenden Preisen und seiner marktführenden Position. Die jüngste Entwicklung zeigt zudem eindrucksvoll, welche operative Hebelwirkung das Geschäftsmodell entfalten kann, sobald die Schiffe gut ausgelastet sind. Für Einkommensinvestoren ist Carnival damit noch kein klassischer Dividendenwert alter Schule. Die Kombination aus wiederbelebter Gelddividende, Sachdividende und fortschreitender finanzieller Erholung macht die Aktie jedoch zu einem ungewöhnlichen Kandidaten für das Einkommensdepot. Handelbar ist sie an der New York Stock Exchange unter dem Kürzel CCL. Die ISIN lautet PA1436583006.
Information
Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 21. August erscheinenden Sep./Okt.-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 263.
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