25. Juli 2026

Viereinhalbstündiges Höcke-Interview Mediale Mondlandung

Über einen Meilenstein der Mediengeschichte

von Lydia Flaß

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Bildquelle: Redaktion Medienwandel: YouTube als neue Themenschmiede der Politik (KI-generiert)

Der deutsche Haltungsjournalismus erlebte mal wieder eine jener Situationen, die man in den Redaktionsstuben gewöhnlich als „herausfordernd“ bezeichnet und die der normale Medienkonsument mit deutlich größerem Vergnügen beobachten dürfte als die Betroffenen selbst.

Der Youtuber Ben Berndt, dessen Format „Ungeskriptet“ sich schon länger immer größerer Beliebtheit erfreut, wagte das Unwagbare und lud den AfD-Politiker Björn Höcke zu einem Gespräch ein. Allein die Ankündigung verursachte erste Schockwellen. Bereits wenige Tage nach der Veröffentlichung hatten sich das entsprechende Video viele Millionen Menschen angeschaut. So entbrannte eine Diskussion, die die Republik auch noch Wochen später in Atem hält. Björn Höcke hat gesprochen und Ben Berndt hat ihn sprechen lassen, und das ohne seine Aussagen „richtig einzuordnen“. Soweit der Skandal.

Was war also passiert? Höcke hat ein Interview gegeben. Politiker tun das regelmäßig. Berndt hat Fragen gestellt. Auch das gehört üblicherweise zum Wesen eines Interviews. Millionen Menschen haben zugeschaut. Spätestens an dieser Stelle wird die Angelegenheit allerdings interessant, denn die eigentliche Wucht dieses Vorgangs erschließt sich weniger durch das Gespräch selbst als durch die Reaktionen darauf.

Einige Redaktionen begannen unmittelbar mit ihrer eigentlichen Kernkompetenz: der Erklärung, weshalb andere Menschen ein solches Interview besser nicht hätten ansehen sollen. Andere versuchten das Gespräch zunächst totzuschweigen. Wieder andere schwankten sichtbar zwischen Empörung, Ratlosigkeit und der Hoffnung, das öffentliche Interesse werde sich schon wieder legen. Nichts davon geschah. Mit jeder weiteren Million Aufrufe wurde es schwieriger, das Internet-Gespräch als Randerscheinung abzutun. Aus einem Youtube-Interview wurde schließlich ein Thema, an dem niemand mehr vorbeikam. Selbst jene Medien, die anfangs lieber geschwiegen hatten, mussten irgendwann Stellung beziehen.

Besonders irritierend wirkte auf die professionellen Beobachter im journalistischen Mainstream der Umstand, dass Berndt seine Aufgabe tatsächlich auf das Führen eines Interviews beschränkte. Er unterbrach nicht im Fünf-Minuten-Takt, um die Zuschauer über die korrekte Haltung zu den soeben gehörten Aussagen zu belehren, blendete keine Warnhinweise ein und verzichtete auf jene pädagogischen Betreuungsschleifen, die sich in Teilen des deutschen Haltungsjournalismus inzwischen als Ersatz für journalistische Arbeit etabliert haben. Für manche Kommentatoren war ein solcher Umgang mit dem Publikum schlicht „verantwortungslos“. Schließlich könnte am Ende noch jemand anfangen, selbst nachzudenken.

Je länger die Debatte andauerte, desto auffälliger wurde, wie wenig über die eigentlichen Inhalte des Gesprächs gerungen wurde. Es ging schließlich um die Existenz des Interviews selbst, nicht um dessen Inhalt. Die eigentliche Aufregung entstand daher weniger durch das, was Höcke gesagt hatte, als durch die Tatsache, dass Millionen Menschen ihm dabei zugehört hatten.

Der Punkt war: Womöglich zum ersten Mal überhaupt war ein Medienereignis von nationaler Bedeutung außerhalb der gewohnten Strukturen entstanden. Weder ein Fernsehsender noch eine große Zeitung hatten die Debatte angestoßen. Kein Intendant hatte eine Programmkonferenz einberufen. Kein Chefredakteur hatte beschlossen, dass dieses Gespräch nun die Republik beschäftigen sollte. Trotzdem beschäftigte es die Republik. Über Jahrzehnte beruhte die Macht großer Medienhäuser auf einer einfachen Tatsache: Wer öffentliche Aufmerksamkeit erzeugen wollte, benötigte ihre Infrastruktur. Wer Reichweite wollte, brauchte ihre Plattformen. Wer wahrgenommen werden wollte, musste durch ihre Türen gehen. Das Internet hat dieses Modell seit Jahren unter Druck gesetzt. Das Höcke-Interview machte nun für alle sichtbar, wie weit dieser Prozess fortgeschritten ist.

Während manche Redaktionen noch darüber diskutierten, ob das Gespräch überhaupt relevant sei, hatten bereits Millionen Menschen ihre Entscheidung getroffen. Sie hatten es angesehen. Plötzlich wurde sichtbar, dass ein einzelner unabhängiger Produzent eine Aufmerksamkeit erzeugen konnte, für die früher ein großer Sender, ein Verlagshaus oder ein ganzer Medienkonzern notwendig gewesen wäre.

Noch vor wenigen Jahren verlief die öffentliche Kommunikation überwiegend in eine Richtung. Die großen Mainstream-Medienhäuser berichteten und setzten die Themen. Im Internet und in den alternativen Medien wurde anschließend darüber diskutiert. Dieses Verhältnis hat sich jetzt für alle sichtbar umgekehrt. Auf der Plattform X ließ sich dieser Wandel seit längerem beobachten. Dort entstehen jetzt Debatten, dort werden politische Konflikte sichtbar, dort werden Aussagen verbreitet und zugespitzt. Erst danach greift der früher noch Themensetzende und Positionen ausschließende mediale Mainstream die Dinge auf und berichtet darüber. Kein Tag, an dem nicht irgendwo ein Artikel erscheint, der auf Diskussionen oder Nachrichten zurückgeht, die Stunden oder Tage zuvor auf X verbreitet wurden. Mit dem Höcke-Interview bei Ben Berndt ist nun ein ähnlicher Entwicklungsschritt für Youtube als die neue themensetzende Fernsehplattform sichtbar geworden. ARD, ZDF und Co sind nur noch die Zweitverwerter, die hinterherlaufen. Nicht mehr Youtube reagiert auf den Mainstream, wie es lange üblich war, sondern der Mainstream reagiert auf Youtube. Dieser Rollentausch wurde durch das Höcke-Interview sichtbar wie unter einem Brennglas.

Plötzlich mussten dieselben Redaktionen, die jahrzehntelang darüber entschieden hatten, wer vorkommt und wer nicht, einem Ereignis hinterherlaufen, das längst ohne sie stattgefunden hatte. Ausgerechnet jene Institutionen, die sich selbst gern als unverzichtbare Vermittler der öffentlichen Debatte verstehen, fanden sich in der ungewohnten Rolle wieder, eine Debatte lediglich zu kommentieren, anstatt sie zu bestimmen. Die ehemaligen Türsteher standen plötzlich nicht mehr vor dem Eingang, sondern irgendwo im Gedränge und versuchten herauszufinden, wie das alles passieren konnte.

Genau deshalb erscheint der Bewertung dieses legendären, mehr als vier Stunden langen Höcke-Interviews als „mediale Mondlandung“ so treffend. Die historische Bedeutung der Mondlandung lag nicht darin, dass Neil Armstrong eine Leiter hinunterstieg. Historisch war die Erkenntnis, dass etwas gelungen war, das zuvor außerhalb des Vorstellbaren lag. Nach dem 20. Juli 1969 wusste die Welt, dass Menschen den Mond erreichen können. Nach dem Gespräch zwischen Ben Berndt und Björn Höcke dürfte vielen Menschen etwas Ähnliches klar geworden sein: Der Kaiser ist ja nackt, die alten Medien, „legacy media“, sie haben all ihre Macht verloren. Ben Berndt und Björn Höcke haben einen Meilenstein der Mediengeschichte geschrieben.

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Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 26. Juni erscheinenden Jul.-Aug.-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 262.


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