17. Mai 2026
Zentralbank und Werteverlust: Geld schafft Geschlechter
Die Trans-Richtlinie der Bank of England folgt ihrer eigenen Geldpolitik
von Lydia Flaß
Die Bank of England (BoE), die Zentralbank des Vereinigten Königreichs, hat im Februar ein 17-seitiges Dokument veröffentlicht, das, wie „Breitbart“ berichtete, darauf abzielt, für sich ein inklusives Arbeitsumfeld für transgeschlechtliche, nicht-binäre und genderfluide Mitarbeiter zu schaffen. Der Meldung zufolge erlaubt diese Richtlinie den Mitarbeitern ausdrücklich, traditionelle kleidungsbezogene Geschlechterpräsentationen zu vermengen, etwa indem „genderfluide“ Personen einen Herrenanzug zusammen mit Stöckelschuhen tragen dürfen. Oder dass, wie es dort heißt, „Transmänner große Ohrringe tragen dürfen“, „Cis-Männer Lidschatten auftragen können“ und „Transfrauen Gesichtsbehaarung haben dürfen“. Die Anleitung ist flexibel und betont, dass eine genderfluide Person „manchmal im Herrenanzug und an anderen Tagen im Kleid“ zur Arbeit erscheinen könne. Starre Dresscodes, die lange Zeit die konservative Finanzkultur der City prägten, werden faktisch abgeschafft.
Darüber hinaus behandelt die Richtlinie auch Sprache und zwischenmenschliche Dynamiken. Mitarbeiter werden aufgefordert, „Neo-Pronomen“ wie „xe/xem/xyr“, „ze/hir/hirs“ oder „ey/em/eir“ zu verwenden, wenn Kollegen diese statt der traditionellen „er“ oder „sie“ bevorzugen. Andrew Bailey, Präsident der BoE, unterstützt die Initiative und erklärt: „Ich sehe Trans-Gleichberechtigung als entscheidend für die Bank an. Wie in allen Bereichen der Diversität tragen trans- und nicht-binäre Mitarbeiter vielfältige Erfahrungen bei, die dem Unternehmen Wert verleihen.“ Dies geschieht im Rahmen breiterer Maßnahmen zur Unterstützung von Mitarbeitern in „Transition“, einschließlich Aktualisierung von Personalakten, Freistellung für medizinische Eingriffe und privater Krankenversicherung für geschlechtsangleichende Operationen.
Manch ein Kritiker lehnt sich dagegen auf. Der ehemalige britische Wirtschaftsminister Sir Jacob Rees-Mogg von den Konservativen etwa monierte: „Zunächst einmal gibt es Männer und Frauen, nicht ‚cis‘ Männer – ein bereits politisch aufgeladener Begriff, mit dem die Realität von zwei Geschlechtern geleugnet werden soll. Es wäre besser, wenn die BoE ihre Geldpolitik erfolgreich führen würde, die Inflation im Zielbereich halten würde, anstatt Zeit und Geld für schmerzhaft woke und im Wesentlichen triviale Themen zu verschwenden.“
Mit seiner Forderung, die BoE solle sich darauf konzentrieren, die Inflation „im Zielbereich zu halten“, zeigt Rees-Mogg jedoch lediglich, dass er den wahren Kern des von ihm eingekreisten Problems nicht anzutasten wagt. Unter der Oberfläche der Debatten über Inklusion versus Produktivität bei der BoE verbirgt sich eine tiefere, sagen wir mal philosophische Konsistenz. Der Vorstoß der britischen Zentralbank zur Neudefinition von Geschlechternormen passt nahtlos zu ihrer grundlegenden Rolle bei der Aufrechterhaltung von Fiat-Währungen und des Teilreservebankensystems. Denn dieses System ist ein entscheidender, aber viel zu sehr ignorierter Treiber der seit Jahrzehnten ablaufenden, sich fortsetzend beschleunigenden Verzerrung der wirtschaftlichen – und damit auch der kulturellen – Realität.
Um diesen Zusammenhang zu verstehen, muss man die Funktionsweise des modernen Geldes unter der Obhut von Zentralbanken wie der BoE betrachten. 1694 gegründet, war die BoE Pionier des Zentralbankwesens und entwickelte sich zur Hüterin des britischen Geldsystems. Heute verwaltet sie das Pfund Sterling, das wie alle anderen gegenwärtig eine Fiat-Währung ist: Geld, das nicht durch physische Rohstoffe wie etwa Gold gedeckt ist, sondern durch staatliche Dekrete und kollektives Vertrauen. Ein allein aus Vertrauen und gesetzlichem Zwang entwachsener Wert erlaubt es Zentralbanken, die Geldmenge nach Belieben auszudehnen – etwa durch die „quantitative Lockerung“. Zuvor schon errichteten sie das Teilreservebankensystem. Dieses erlaubt den von Zentralbanken regulierten Geschäftsbanken, nur einen Bruchteil der Einlagen als Reserve zu halten und den Rest zu verleihen – wodurch auch sie neues Geld schaffen.
In einem Teilreservesystem mit, sagen wir, zehn Prozent Reservehaltung kann eine Bank mit Einlagen von 100 Pfund, Euro, Dollar und so weiter zehn Geldeinheiten in Reserve halten und 90 Geldeinheiten verleihen. Der Kreditnehmer gibt diese 90 Geldeinheiten üblicherweise aus, sie werden in einer anderen Bank (oder derselben) eingezahlt, und der Prozess wiederholt sich. Dieser Multiplikatoreffekt kann aus den ursprünglichen 100 Geldeinheiten bis zu 1.000 Einheiten neues Geld erzeugen – ohne entsprechende Zunahme realer Güter oder Dienstleistungen. Ökonomen der Österreichischen Schule wie Ludwig von Mises und Friedrich von Hayek argumentieren seit mehr als hundert Jahren, dass dieser Prozess die Realität verzerrt, indem er künstliche Wirtschaftsaufschwünge erzeugt, gefolgt von dann unvermeidbaren Abschwüngen.
Der aufgrund des Teilreservesystems künstlich verbilligte Kredit führt zu Fehlallokation von Ressourcen, Asset-Blasen und Kaufkraftverlust durch Inflation. In der Finanzkrise von 2008 und mehrfach seither fügte die BoE besagte quantitative Lockerung noch hinzu. In anderen Ländern können wir ein übereinstimmendes Muster der Werteverschiebung und -vernichtung beobachten. Die Ursache ist überall die gleiche: „unreales“ Geld des jeweiligen Zentralbankensystems.
Dieses unreale Geld verzerrt nicht nur die Wirtschaft; es durchdringt die Gesellschaft und ermöglicht, für eine längere Zeit als sonst, das Ignorieren und Leugnen objektiver Tatsachen. Wenn Fiat-Systeme scheinbaren Reichtum aus dem Nichts erzeugen, glauben Gesellschaften, sich einen Luxus leisten zu können, der von materiellen Zwängen abgekoppelt ist. Genauer gesagt: Jene Teile der Gesellschaft, die zu den ersten Nutznießern des neuen, unrealen Geldes gehören, können sich diesen Luxus leisten. Den anderen bleibt nur, nach der Illusion, die Erstnutzer ohne negative Konsequenzen nachahmen zu können, die zwangsläufig folgende Inflation zu erleiden.
Historische Parallelen gibt es reichlich: Im antiken Rom führte die Entwertung des Denarius – die Verringerung des Silbergehalts – zu Exzessen, die traditionelle Werte untergruben und die römische Gesellschaft sturmreif schossen. Ähnlich zerstörte die Hyperinflation der Weimarer Republik in den 1920er Jahren nicht nur Ersparnisse, sondern förderte kulturelle Experimente inmitten des Chaos. Der Schriftsteller Stefan Zweig (1881–1942) schrieb in seinem Buch „Die Welt von gestern – Erinnerungen eines Europäers“, wie die deutsche Hyperinflation von 1923 alle Werte in kürzester Zeit umkehrte. Dieser in einer modernen Industrienation einmalige Vorgang – wo Spekulanten plötzlich superreich wurden und die Ehrlichen bettelarm – führte seiner Beobachtung nach zu einem moralischen Kollaps und einer Phase hemmungsloser Experimente in Lebensführung, Sexualität und Kultur inmitten des wirtschaftlichen Chaos. Der Psychologe Jordan Peterson sieht darin zumindest einen Grund für die dann folgende, ebenso gefährliche, starre Ordnung huldigende Hyperreaktion.
In unserer Zeit korrelieren Fiat-gestützte Schuldenblasen mit dem Aufstieg von Identitätspolitik und Relativismus. Unsere Zeit ist zwar – noch – nicht hyperinflationär, aber schon sehr lange viel inflationärer, als sie es mit einer realwertgedeckten Währung jemals sein könnte. Wenn Geld den Bezug zur Realität verliert, tun es auch andere psychosoziale Anker wie Tradition oder Wissenschaft, in letzterem Fall etwa des Klimas, der Pharmazie oder der Biologie.
Natürlich gibt es Transpersonen. Es hat sie immer gegeben. Selbstverständlich verdienen sie es, wie alle anderen menschenwürdig und gleichberechtigt behandelt zu werden. Neu an unserer Zeit ist jedoch die plötzliche, im wahrsten Sinne des Wortes inflationäre Zunahme dieses Phänomens und die von der Realität abgehobene Negierung der Zentralität des biologischen Geschlechts für die Natur des Menschen.
Die Geschlechterpolitik der BoE ist ein Paradebeispiel dafür. Indem sie weit über die Selbstverständlichkeit hinausgeht, für eine respektvolle Behandlung transsexueller Kollegen einzustehen und etwa fluide Präsentationen institutionalisiert – Anzüge mit High Heels, Lidschatten bei „Cis-“ Männern –, etabliert sie implizit die Ansicht, dass Geschlecht veränderbar sei, so wie mittels Fiat-Geld jeder Wert als willkürlich behandelt werden kann. Biologisches Geschlecht, verankert in Chromosomen und Fortpflanzungsrollen, wird zu einer Option, überlagert durch persönliche Deklaration.
Das ist kein Zufall, sondern logische Konsequenz. Fiat-Systeme erzeugen Überschussillusionen, die solchen Ideologien Vorschub leisten. In durch aufgeblähte Kredite wohlhabend erscheinenden Volkswirtschaften werden Ressourcen in Personalabteilungen gelenkt, die 17-seitige Leitfäden über Genderfluidität erstellen, statt sie in finanzielle Besonnenheit zu investieren. In einer Welt mit hartem, also realem Geld erzwingt naturgegebene Knappheit eine Konzentration auf gedeihliches Wachstum und Effizienz – da bleibt während der Arbeitszeit wenig Raum für Debatten über Neo-Pronomen.
Die Implikationen sind breiter. Inflation, ein Nebenprodukt der Fiat-Expansion, trifft vor allem die Arbeiterklasse, während Eliten in Institutionen, die dem Bankensystem eng angegliedert sind – staatliche, halbstaatliche und natürlich die Zentralbanken selbst – geschützt bleiben. Diese Asymmetrie fördert kulturelle Experimente unter Privilegierten: Während Sparer unter erodierter Kaufkraft leiden, propagieren Politiker „Diversitäts“-Initiativen, die naturgegebene Grenzen weiter verwischen. Die Folge ist, dass die ganze Transproblematik – der reale sowie der halluzinierte Teil – zu einem Stellvertreterkriegsschauplatz zwischen einer abgehobenen Elite und dem großen Rest wird. So wie Banken unreales Geld verleihen, leiht die BoE nun Glaubwürdigkeit an Identitäten, deren Grundlage alles Mögliche sein kann, nicht aber die Realität – beides basiert auf kollektiver Zustimmung. Und diese Zustimmung bröckelt trotz zunehmend verzweifelter Maßnahmen der dem Bankensystem angeschlossenen Medien und Strafgerichtsbarkeit zusehends, sowohl beim Geld, siehe Goldpreis, als auch gegenüber der Identitätspolitik.
Skeptiker könnten den hier gezeigten Zusammenhang als weit hergeholt abtun, doch die zeitliche Übereinstimmung spricht dagegen. Nach 1971, als die USA den sogenannten Golddevisenstandard und damit den letzten in der Welt verbliebenen, dürftigen geldpolitischen Realitätsanker aufgaben, gewannen Bewegungen zur Geschlechterfluidität inmitten zunehmender wirtschaftlicher Volatilität an Fahrt.
Und nicht nur sie. Die nicht enden wollende Serie an Kriegen ist nur möglich, weil eine scheinbar unerschöpfliche Quelle an Geld die moderne, unerbittliche Zerstörungsmaschinerie speist und Friedensverhandlungen zu einer vernachlässigbaren Option degradieren. Ebenso speist die gleiche illusionäre Unerschöpflichkeit den in vielfachen Facetten zu beobachtenden Versuch, utopische Träume zu realisieren – das Studieren von Orchideenfächern, den leichtfertigen Verzicht auf Kraftwerke mit fossilen und in Deutschland sogar mit nuklearen Brennstoffen, den gewaltigen Schub der Entwicklung künstlicher Intelligenz, die Liste ließe sich fast endlos fortsetzen.
Die BoE als Schlüsselakteur dieses monetären Regimes begrüßt nun die Lebensstilverzerrungen, die ihre Geldpolitik mit ausgelöst und gefördert hat. Die Richtlinie der BoE ist keine Abweichung; sie harmoniert mit ihrem Mandat. Fiat und Teilreservesysteme lehren, dass Realität gedruckt, geliehen oder neu definiert werden kann. Diese Logik auf das Geschlecht auszudehnen – Stöckelschuhe zu Anzügen oder Frauen mit Gesichtsbehaarung – ist lediglich das kulturelle Pendant. Solange wir die Wurzeln unreellen Geldes nicht angehen, sind weitere modische Verleugnungen der Realität – und sich weiter verschärfende Konflikte darüber – zu erwarten.
Information
Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 24. April erscheinenden Mai/Juni-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 261.
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