16. April 2026

Was uns die Hauptstromökonomik nicht lehrt Die zentrale Rolle des Kapitals beim Wunder der Arbeitsteilung

Woher kommt eigentlich unser Wohlstand?

von Eduard Braun

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Bildquelle: ef-Redaktion Kapital und Arbeitsteilung mit Maschinen

Es gibt kaum etwas Erstaunlicheres als die Arbeitsteilung. Von dem Moment an, in dem wir morgens aus dem Bett hüpfen, bis abends, wenn wir noch ein Glas Wasser trinken, sind wir von Dingen umgeben, die andere gemacht haben. Diesen Text schreibe ich zum Beispiel auf einem PC, von dem ich sagen muss, dass ich weder seine Hardware noch seine Software noch das Zusammenspiel aus beiden auch nur ansatzweise verstehe. Andere haben ihn gebaut, andere haben ihn programmiert und andere reparieren ihn, wenn ich ihn kaputtmache. Genauso geht es mir mit dem Auto, das ich fahre, dem Haus, in dem ich wohne, dem Kühlschrank, in dem mein Essen liegt, und eigentlich auch mit allen anderen Gegenständen, die ich über den Tag verteilt nutze.

Das größte Wunder an der Arbeitsteilung ist aber, dass sie nicht gesteuert wird. Adam Smith prägte das zeitlose Wort von der „Unsichtbaren Hand“, um dieses Phänomen zu beschreiben. Der PC steht nicht auf meinem Schreibtisch, weil irgendjemand angeordnet hätte, für Dozenten und Professoren schöne Rechner herzustellen. Nein, der PC wurde von einem privaten Unternehmen hergestellt, dem es herzlich egal ist, von wem und wofür ihre Geräte benutzt werden. Es verfolgt kein gesellschaftliches Ziel. Hauptsache ist für dieses Unternehmen, dass die PCs überhaupt verkauft werden und dabei einen Gewinn abwerfen. Da grundsätzlich alle Unternehmen so handeln, kann man sagen, dass die Arbeitsteilung von niemandem beabsichtigt oder geplant wird, sondern im Wesentlichen auf dem egoistischen Streben der einzelnen Unternehmer beruht, einen Gewinn zu erzielen. Sie ist eine unbeabsichtigte Folge, ihre Ursache ist „unsichtbar“.

Die „Unsichtbare Hand“ nun ist der Gegenstand der Volkswirtschaftslehre, wie sie sich im Anschluss an Adam Smith entwickelte. Man versuchte, die Gesetzmäßigkeiten einer nicht zentral gesteuerten Volkswirtschaft zu erkennen und zu verstehen. Recht bald war klar, dass die Institutionen des Privateigentums, des Marktes und des Geldes eine zentrale Rolle dabei spielen. Sie ermöglichen den Tausch zwischen ansonsten unabhängigen Personen und Unternehmen – und somit auch die nicht zentral gesteuerte Arbeitsteilung unter ihnen. Sie sind die Hauptursache für unseren Wohlstand.

Die Rolle des Kapitals war in dieser Hinsicht weniger klar. Einige klassische Ökonomen entwickelten die sogenannte Lohnfondstheorie und legten dar, dass Löhne aus dem Kapital – also dem Lohnfonds – bezahlt werden. Nur dann, wenn andere Leute sparen und das gesparte Geld in Unternehmen anlegen, können überhaupt erst Arbeiter bezahlt werden. Kapital ist demnach eine Voraussetzung dafür, dass Menschen gegen Lohn angestellt werden können. Gäbe es kein Kapital, hätte die Arbeitsteilung eine enge Grenze, da größere Projekte, für die man eben helfende Hände braucht, kaum oder allenfalls mit Hilfe von Sklaven durchführbar wären.

Diese Vorstellung von der Rolle des Kapitals konnte sich teilweise durchsetzen. Kapital wurde zwar bald nicht mehr als Lohnfonds, sondern allgemein als Produktionsfaktor definiert – als Inbegriff der produzierten Produktionsmittel wie Maschinen, Werkzeuge, Gebäude und ähnliche Dinge. Was aber erhalten blieb, war der Gedanke, dass Kapital durch Sparen entsteht. So hält es die Mehrheit der Volkswirte bis heute. In Lehrbüchern der Makroökonomik und der Wachstumstheorie stehen Kapital und Arbeit in der sogenannten Produktionsfunktion einmütig nebeneinander als Faktoren, die für den Wohlstand und das Wachstum verantwortlich sind. Der Gedanke dahinter ist kurz gesagt: 1) je mehr Kapital, desto reicher die Volkswirtschaft; 2) je mehr Arbeit, desto reicher die Volkswirtschaft. Kapital entsteht dabei durch Sparen. Je höher die Sparquote in einer Gesellschaft, desto mehr Kapital wird dort aufgebaut, und desto stärker wächst sie.

Durch dieses Vorgehen hat das Phänomen der Arbeitsteilung ausgerechnet in der Wachstumstheorie keinen Platz. Es wird nämlich nicht thematisiert, wer das vorhandene „Kapital“ in der Volkswirtschaft herstellt und vor allem, wer die Abstimmung seiner Bestandteile aufeinander vornimmt. Es genügt ja nicht, mit dem Ersparten irgendwelche Maschinen und Werkzeuge zu produzieren. Sie müssen einerseits dazu geeignet sein, das zu produzieren, was die Verbraucher haben wollen; andererseits müssen sie zu dem passen, was andere Unternehmen an Maschinen, Werkzeugen und Vorprodukten bereitstellen. Was nützt mir der beste Hochofen, wenn es keine Kohle zum Anheizen gibt?

Erst eine sinnvoll abgestimmte Arbeitsteilung, auch im Bereich der Maschinen, Werkzeuge, Gebäude usw., macht Wachstum und Wohlstand überhaupt möglich. An dieser Stelle setzt ein in seiner Bedeutung gar nicht zu überschätzender Beitrag von Ludwig von Mises an. Im Anschluss an einen eher unbekannten Aufsatz von Carl Menger entwickelte er eine Kapitaltheorie, die genau auf diese Frage eingeht: Welche Rolle spielt das Kapital eigentlich bei der Arbeitsteilung? Hat es einen Zusammenhang zur „Unsichtbaren Hand“?

Mises legte überzeugend dar, dass Kapital sogar eine ganz entscheidende Rolle bei der Organisation der Arbeitsteilung spielt. Ohne das, was er die Kapitalrechnung nannte, ist die Koordination der unzähligen Arbeiter, Werkzeuge, Produktionsmittel und sonstigen Faktoren in einer größeren Gesellschaft unmöglich auf eine rationale Art und Weise durchzuführen.

Es ist lohnend, sich diesen Zusammenhang einmal klarzumachen. Unternehmen kaufen so gut wie alle Güter und Leistungen, die sie im Produktionsprozess verwenden, auf dem Markt zu Marktpreisen. Die Mittel für diese Käufe nehmen sie aus ihrem Kapital. In der Unternehmensrechnung erscheinen diese heterogenen Güter daher als eine homogene Geldgröße. Das in den Gütern investierte Kapital ist ein Ausdruck für den Umfang der Mittel, die das betreffende Unternehmen eingesetzt hat. In der Geld- und Kapitalrechnung werden diese Mittel – also das eingesetzte und investierte Kapital – dem Erlös gegenübergestellt. Es wird also rechnerisch überprüft, ob der Erlös den Mitteleinsatz rechtfertigt, das heißt, ob das Kapital eine Rendite abwirft.

Insbesondere ist es wichtig zu verstehen, dass in der Kapitalrechnung die zahllosen unterschiedlichen und heterogenen Einsatzfaktoren auf einen Nenner gebracht und somit vergleichbar gemacht werden. In einem Unternehmen, das zum Beispiel Kugelschreiber herstellt, werden neben diversen Maschinen auch zahlreiche Materialien gebraucht – Metalle, Kunststoffe, Farben, Klebstoffe, Schmierstoffe usw. Außerdem müssen in Produktion, Transport, Verwaltung und Leitung unterschiedlichste Arbeitsleistungen eingesetzt werden. Eine so komplizierte Kombination aus Gütern und Dienstleistungen ist nur deswegen rational möglich, da das Unternehmen mit diesen heterogenen Faktoren Rechnungen anstellen kann. Es kauft sie zu Geldpreisen auf dem Markt, kann mit diesen Preisen kalkulieren, sie insbesondere addieren und somit die von ihm kombinierten Faktoren in ihrer Summe den Erlösen gegenüberstellen.

Wenn das Kugelschreiberunternehmen sein Kapital rentabel angelegt hat, dann heißt das nichts anderes, als dass die Kombination aus Einsatzfaktoren, die es aus seinem Kapital bezahlt und zur Produktion von Kugelschreibern eingesetzt hat, aus Sicht der Konsumenten eine sinnvolle Arbeitsteilung darstellt. Man könnte sagen, dass man in einer funktionierenden Marktwirtschaft eine positive Kapitalrendite für die konsumorientierte Organisation der Arbeitsteilung erhält.

Bei Mises ist die Kapitaltheorie demnach eine Theorie der Arbeitsteilung, genauer gesagt, eine Theorie davon, wie die Arbeitsteilung im Kapitalismus funktioniert. In ihrem Versuch, ihr Kapital möglichst rentabel anzulegen, kaufen Unternehmen Produktionsfaktoren, kombinieren sie miteinander und verkaufen das Ergebnis wieder auf dem Markt. Machen sie Verluste, dann haben sie eine Kombination gewählt, die den Verbrauchern nur wenig gefällt. Sie haben aus Konsumentensicht eine ungeeignete Arbeitsteilung umgesetzt. Machen die Unternehmen Gewinne, dann ist die von ihnen durchgeführte Kombination an Produktionsmitteln aus Sicht der Konsumenten ein sinnvoller Beitrag zur Arbeitsteilung.

Da alle Unternehmen nach diesem Prinzip handeln und über das Preissystem miteinander verbunden sind, kann man sagen, dass das Kapital im Zentrum der gesellschaftlichen Arbeitsteilung steht. Das Kapital setzt die Institutionen des Privateigentums, des Geldes und des Marktes voraus, bündelt sie in der Kapitalrechnung und sorgt auf ihrer Grundlage für eine rationale Organisation der Arbeitsteilung.

Da die Kapitaltheorie von Mises nicht Teil des Curriculums ist, erfahren Studenten der Wirtschaftswissenschaften jedoch leider nichts von dieser zentralen Rolle des Kapitals in kapitalistischen Gesellschaften. Auch von der anderen Seite der Medaille erfahren sie nichts. Da die Institutionen des Geldes, der Märkte und des Privateigentums an den Produktionsmitteln in sozialistischen Gesellschaften nicht in derselben Weise existieren wie in kapitalistischen, gibt es dort auch keine Kapitalrechnung. Das ist die berühmte Schlussfolgerung, die Mises aus seiner Kapitaltheorie zog! Im Sozialismus ist Wirtschaftsrechnung unmöglich. Es fehlt ein Instrument, rational zu überprüfen, welche Kombination aus Produktionsfaktoren sinnvoll ist und welche nicht. Mit anderen Worten, sozialistische Gesellschaften haben kein Mittel, um sicherzustellen, ob sie die Arbeitsteilung sinnvoll organisieren oder nicht.

Dass das historisch zutrifft, wissen wir. Es gibt bekannte Beispiele dafür, wie ineffizient und fehlkalibriert die Produktion in der DDR war. Die Wartezeit für ein Auto betrug zwischen zwölf und 17 Jahren. Zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung hatte nur die Hälfte der DDR-Haushalte ein Auto oder einen Farbfernseher, und nur neun Prozent ein Telefon. In der BRD waren es jeweils zwischen 94 und 98 Prozent der Haushalte, die diese Geräte besaßen.

Dieser auffällige Rückstand hatte nichts damit zu tun, dass man in der DDR oder den übrigen Ländern des Ostblocks wenig gespart hätte. Im Gegenteil, die Sparquote war dort vor der Wende außergewöhnlich hoch und fiel nach der Öffnung rasant. Das Ersparte wurde dort aber nicht in private Unternehmen investiert, die auf einem freien Markt im Wettbewerb versucht hätten, Gewinne zu erzielen. Es wurde somit keiner Kapitalrechnung unterstellt. Dementsprechend waren einer rationalen Kombination der vorhandenen Ressourcen und einer abgestimmten Arbeitsteilung enge Grenzen gesetzt.

Wer wissen möchte, warum einige Länder wachsen und andere nicht, der sollte sich mit der Mises’schen Kapitaltheorie und mit seiner Kritik am Sozialismus auseinandersetzen. Dort kann man die Voraussetzung für eine gelungene Arbeitsteilung kennen und verstehen lernen. In der sogenannten Wachstumstheorie lernt man über die Arbeitsteilung jedoch so gut wie nichts – und damit ironischerweise auch fast nichts über die Ursachen des Wohlstands.


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