13. Juni 2026

Caspar von Schrenck-Notzing Der Freiherr und sein Erbe

Was „Criticón“ uns heute noch zu sagen hat

von Bruno Bandulet

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Bildquelle: Redaktion Konservatismus: Intellektuelle Zeitschrift und kritisches Denken in Deutschland (KI-generiert)

Es ist mehr als ein halbes Jahrhundert her, dass in Deutschland eine Zeitschrift gegründet wurde, die bis heute nachwirkt. Der Titel: „Criticón“. Der Herausgeber: Caspar von Schrenck-Notzing. Mit der ersten, noch dünnen Ausgabe vom Juli 1970 fand „Criticón“ kaum Beachtung, operierte auch danach längere Zeit unter dem Radar der öffentlichen Aufmerksamkeit – und entfaltete dann doch bis zum faktischen Ende 1997 eine außergewöhnliche, bis heute spürbare Wirkungsmacht.

Als Caspar von Schrenck-Notzing 2009 gestorben war, schrieb André F. Lichtschlag, eigentümlich frei habe mit ihm ein großes publizistisches Vorbild verloren. Viele liberale und libertäre Autoren wie Roland Baader, Jörg Guido Hülsmann, Gerd Habermann oder Hans-Hermann Hoppe hätten in „Criticón“ jahrelang die einzige Möglichkeit gefunden, ihre radikal-freiheitlichen Gedanken zu publizieren. Auch für Dieter Stein, der 1987 die „Junge Freiheit“ als Studentenzeitung ins Leben rief, war der Freiherr aus Ammerland am Starnberger See die „maßgebliche konservative intellektuelle Stimme der 80er und 90er Jahre“. Tatsächlich ist es so, dass Ideen verschwinden können, wenn ihnen das Forum fehlt. Dass sie lebendig blieben, war die Mission der Zeitschrift und ihres Herausgebers.

Dabei greift es zu kurz, Caspar von Schrenck-Notzing nur als Konservativen einzuordnen. Er vertrat kein Axiom und keine Ideologie, sondern eine Haltung. Er bespielte ein breites Spektrum, das von christlichen Abendländern bis zu libertären Individualisten reichte. Die Stärke der Zeitschrift lag darin, dass sie nicht ausschloss, sondern sammelte, dass sie allen eine Tribüne bot, die dem Zeitgeist widerstanden. Kein Wunder, dass sich „Wikipedia“ damit schwer tut, „Criticón“ einzuordnen. Das Magazin sei anfangs rechtskonservativ und später rechtsliberal gewesen, habe sein Publikum bei rechtskonservativen Bildungseliten gefunden und habe wesentlich zur Entstehung der Neuen Rechten in Deutschland beigetragen. Letzteres Etikett wollte sich Schrenck nicht anheften. Die Begriffsschablone bleibt denn auch bis heute schillernd.

Auch bei „Criticón“ findet sich der Leitgedanke im Titel. „El Criticón“ nannte sich der allegorische Roman des spanischen Barockschriftstellers Baltasar Gracián (1601–1658), der in Deutschland durch Schopenhauer bekannt wurde. Zugrunde liegt das griechische Stammwort Krisis. Es bedeutet Scheidung, Unterscheidung, Urteil. Gracián wollte den Schein vom Sein unterscheiden. Sein Ideal war der kritische Intellektuelle, sein Buch war nichts anderes als ein Ratgeber der Lebensklugheit. Ein großes Thema der spanischen Literatur seines Jahrhunderts war Desengaño – Ent-Täuschung, Aufklärung, Befreiung vom Wahn. Desengaño schützt davor, dem Wirklichkeitsverlust und dem Betrügerischen der Welt zu verfallen.

Die 70er Jahre des letzten Jahrhunderts wiederholen sich zwar nicht in den 20er Jahren des jetzigen, aber manches reimt sich doch. Als „Criticón“ auf den Markt kam, begann ein Jahrzehnt der Krisen und Katastrophen. Der Nachkriegsboom endete. Auf die Abkoppelung des Dollars vom Gold folgten Währungschaos, Goldhausse, Aktienbaisse, Inflation und zwei Ölkrisen, die das System erschütterten. 1970 formierte sich in Deutschland die Rote Armee Fraktion, deren Terror in manchen Kreisen des linken Bürgertums auf klammheimliche Freude stieß. 1970 regierte bereits Willy Brandt. Er schloss einen Vertrag mit Moskau, fiel in Warschau auf die Knie und gab vielen Tätern der radikalen Studentenbewegung Straffreiheit per Gesetz. Die DDR, auf die Brandt zuging, begann damit, an der innerdeutschen Grenze Selbstschussanlagen zu installieren.

Tempi passati sind die Kräfteverhältnisse im sechsten Deutschen Bundestag. Als nach Schließung der Wahllokale am 28. September 1969 ausgezählt wurde, kam die SPD auf 42,7 Prozent der Zweitstimmen, die CDU auf 36,6 Prozent, die CSU auf 9,5 Prozent und die F.D.P. (sic!) auf 5,8 Prozent. Die zwei Volksparteien sind nun keine mehr. Sie klammern sich verzweifelt an die Macht, auch die FDP hat ihren Markenwert verspielt. In den Parlamenten sitzt jetzt eine Opposition ganz anderer Art, die „in Teilen“ neoliberale und libertäre AfD, so die „FAZ“ am 25. März. Was die FDP wolle, wisse man nicht mehr so recht. „Die AfD hat einen Zug ins Rollen gebracht“, schrieb die Zeitung, „auf den die FDP zu spät aufspringen wollte“.

Weil Caspar von Schrenck-Notzing in Zyklen dachte, war er immer der Meinung, dass auf die linke Zeit die rechte Wende folgen werde, berichtet sein Biograph Alexander Eiber. Als am 11. Juli 1970 die National-Liberale Aktion (NLA) in Dortmund gegründet wurde, hielt Schrenck die Hauptrede. Er skizzierte eine freiheitlich-konservative Gegenposition zum herrschenden linksliberalen Lager. Die NLA scheiterte schon bald. Fortan zog er sich zurück auf die Position des Beobachters, auch als die Republikaner und später der Bund Freier Bürger das Machtkartell herausforderten. Dem BFB brachte er Sympathien entgegen, schon deswegen, weil seine Frau Regina als Stellvertreterin dem Vorstand der Partei angehörte. Er selbst trat nie in eine Partei ein. Der politische Betrieb mit seinen Ochsentouren war nicht seine Sache. Er blieb Selbstdenker.

Als „Criticón“ mit der Nummer 100 im März 1987 als Jubiläumsausgabe erschien, war die Zeitschrift längst etabliert. Sie konnte auf Autoren zurückgreifen, die auch in der breiten Öffentlichkeit gelesen wurden und sich einen Namen gemacht hatten. So schrieben in der Nummer 100 der Philosoph Günter Rohrmoser, der beharrlich der CDU ins Gewissen redete; der Bestsellerautor und Karlsruher Professor Karl Steinbuch; Professor Hans Maier, bis 1986 bayerischer Kultusminister; oder auch Ursula Besser, die von 1967 bis 1985 für die CDU im Berliner Abgeordnetenhaus gesessen hatte.

Ebenfalls in der Jubiläumsausgabe konnte Schrenck eine alles in allem positive Bilanz ziehen. „Eine Zeitschrift, die sich stärker um Inhalte als um ihre Marktchancen kümmert“, schrieb er, „galt lange Jahre gerade deshalb als Quantité négligeable.“ Jetzt aber werde nicht mehr in Frage gestellt, dass sich „Criticón“ auf Früherkennung spezialisiert habe. Und er konnte den links angesiedelten Claus Leggewie zitieren, der in einer halbstündigen Sendung im Westdeutschen Rundfunk gesagt hatte: „Criticón“ „hat seit den 70er Jahren viele aktuelle Trends vorweggenommen, die heute hoffähig geworden sind; so könnte die Zeitschrift also auch ein Wegweiser in die 90er Jahre werden.“

Den Grund für die zweifellos zunehmende Beachtung, schrieb der Herausgeber, solle man nicht nur im Inhalt suchen, sondern vor allem im Umfeld, das sich in 13 Jahren um die Zeitschrift herum gruppiert habe. Schrencks Vorhaben, „Criticón“ inhaltlich nicht einzuengen, sondern zu öffnen, hatte sich ausgezahlt. Er oktroyierte nicht, er ließ Freiheiten, ohne dem Irrtum zu verfallen, dass die Wahrheit in der Mitte liegen könnte. Seine Neigung zu faulen Kompromissen war gleich Null.

Das Projekt „Criticón“ hätte sich nicht so leicht verwirklichen lassen, hätte sein Gründer nicht zuvor mit zwei Büchern auf sich aufmerksam gemacht: mit dem 1965 erschienenen Titel „Charakterwäsche“ und drei Jahre später mit „Zukunftsmacher“, einer analytischen Abrechnung mit der Neuen Linken, die über Jahrzehnte den Zeitgeist der Bundesrepublik dominieren sollte. Die „Charakterwäsche“, in der die von den USA in Westdeutschland betriebene „Re-education“ und ihre Folgen untersucht wurden, geriet zum Klassiker. Der Titel wurde immer wieder aufgelegt, zuletzt 2018 im Kopp Verlag. Schrenck hatte sich im Washingtoner Vorort Alexandria als erster Deutscher durch die kilometerlangen Akten der US-Militärregierung nach 1945 gearbeitet. Er kam mit der Überzeugung zurück, dass auf das Psychoexperiment der verordneten Re-education die Selbstumerziehung der Deutschen in Form der Vergangenheitsbewältigung gefolgt war. Er diagnostizierte einen mentalen Souveränitätsverlust nach 1945.

Mit den „Zukunftsmachern“ setzte der Autor nach eigenen Worten seine Erkundungsfahrt durch die deutsche politische Landschaft fort. Er sah voraus, dass sich vom Bereich der Kultur ausgehend die Politisierung aller Lebensbereiche durchsetzen und zu einer neuen „Richtungsdiktatur“ führen werde. Dass sich das Buch weniger gut verkaufte, erklärte er im Rückblick damit, dass es zu früh erschienen sei. Nach dem Start von „Criticón“ erschien dann noch, ebenfalls im Seewald Verlag, 1973 „Honoratiorendämmerung“, eine Diagnose des Versagens der politischen Mitte und insbesondere der CDU, wodurch er für diese zur persona non grata wurde. Wer das aktuelle Abschmelzen der ehemaligen Staatspartei verstehen will, muss so weit zurückblenden. „Das Gedankengut der Partei“, formulierte Schrenck, „muss man weniger in irgendwelchen Theoremen suchen als im wahlpolitischen Terminkalender“. Die CDU habe sich in das alternativlose Konzept der Fortschreibung des Status quo mit Hilfe der SPD verstrickt – ein Satz nicht aus dem Jahr 2026, sondern von 1973. „Mitte und Opposition“, auch dies eine Erkenntnis Schrencks, „sind zwei einander ausschließende Begriffe“. Und: „Ohnehin bezieht die Mitte ihre Argumente von den Flügeln. Auf Impulse von außen, auf fremde Ideen angewiesen und von ihnen abhängig, ist sich die Mitte nie ganz sicher, aus welcher Ecke heraus gerade wieder ein Sturm drohen könnte.“

Die Nummer 156 Ende 1997 war die letzte, die Caspar von Schrenck-Notzing als Herausgeber verantwortete. Danach übergab er „Criticón“ an Gunnar Sohn, den ehemaligen Sprecher des Dualen Systems Deutschland, der ein paar Jahre brauchte, um die Zeitschrift herunterzuwirtschaften – ein Fehlgriff, der den Freiherrn mit Bitterkeit erfüllte. Man kann zwar ein Magazin verbessern oder erweitern oder auch in neue Hände geben, nur darf man die Stammleser nicht vergraulen und die Hand nicht an seine DNA legen. Schrenck-Notzings geistiges Erbe wird bewahrt mit der inzwischen in Berlin domizilierten Förderstiftung Konservative Bildung und Forschung und mit der Bibliothek des Konservatismus in der Fasanenstraße – beides in Zusammenarbeit mit Dieter Stein und der „Junge Freiheit“.

Wer keine Möglichkeit hat, in alten „Criticón“-Ausgaben zu blättern, kann zu Alexander Eibers vortrefflicher Biographie greifen: „Caspar von Schrenck-Notzing – Konservatives Denken und Leben in Deutschland nach 1945“, 438 Seiten, Karolinger Verlag, Wien 2025. „Nach der Kulturrevolution von 1968“, schreibt Eiber, „sah er im Medium Zeitschrift die einzige Option, die den Konservativen publizistisch noch offenstand.“ Das ist heute dank Internet nicht mehr so. Immer noch gilt aber, dass Zeitschriften eine unverzichtbare Alternative zu den Massenmedien bieten – für Leser, die Orientierung, Tiefe und Hintergrund suchen.

Caspar von Schrenck-Notzing starb am 25. Januar 2009. Zwei Jahre zuvor war er, motiviert durch die Wahl Ratzingers zum Papst, der katholischen Kirche beigetreten. Die evangelische hatte er wegen ihrer Politisierung längst verlassen. Die europäische Linke führte er zurück auf die Französische Revolution. „Die Linke“, so formulierte er einmal, „lebt in Verlängerung dessen, was sie sich selbst ausgedacht hat.“ Sie folge einem Idealbild, das sich gegen die Wirklichkeit richte und durch Propaganda, Täuschung, Selbsttäuschung und Hoffnung als Prinzip gekennzeichnet sei. Dagegen setzte der Privatgelehrte vom Starnberger See das Prinzip Freiheit, Tradition und Geschichte, eine nie ruhende Neugier und seine mit Ironie und Sarkasmus gewürzte Publizistik. Er war ein rebellischer Konservativer, der die Tendenzwende vordachte, die er selbst nicht mehr erleben durfte.

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Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 24. April erscheinenden Mai/Juni-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 261.


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