03. Mai 2026
Im Visier, die Waffenkolumne: Die Geschichte der Kampfpanzer
Von drei Anforderungen, die sich widersprechen
von Andreas Tögel
Kaum eine andere Waffe hat eine derart rasante Entwicklung erfahren wie der Panzer, der am 15. September 1916 an der Somme-Front seinen ersten Einsatz erlebte.
Die Qualität eines Kampfpanzers wird von Feuerkraft, Panzerschutz und Mobilität bestimmt. Die Konstrukteure stehen vor dem Problem, den drei genannten Anforderungen nicht gleichzeitig voll gerecht werden zu können. Hohe Mobilität zum Beispiel kann mit hoher Feuerkraft kombiniert werden, geht aber zu Lasten starker Panzerung – und umgekehrt. Die Evolution der deutschen Panzer im Zweiten Weltkrieg dokumentiert es: Immer stärkerer Panzerschutz, der im „Jagdtiger“ gipfelte, reduzierte die Mobilität dieses 74 Tonnen schweren Fahrzeugs drastisch. Mit weniger als zehn PS pro Tonne kam er auf eine Höchstgeschwindigkeit von 38 Kilometer pro Stunde. Der Fahrbereich lag bei nur 170 Kilometer. Viele schwere Panzer der Wehrmacht gingen deshalb wegen Spritmangels oder infolge technischer Gebrechen verloren.
Im Gegensatz zur Wehrmacht setzten die USA auf den vergleichsweise leichten M4-Sherman, der je nach Version 30 bis 38 Tonnen wog. Der aktuelle amerikanische Kampfpanzer Abrams M1A2 dagegen bringt ein Gewicht von über 70 Tonnen auf die Waage. Der hohe Spritverbrauch von 400 bis 600 Liter pro 100 Kilometer ist eine logistische Herausforderung. Mit 1.900 Litern Tankinhalt hat der Abrams auf der Straße eine Reichweite von rund 400 Kilometer.
Auch die modernste Version des Leopard 2, der A8, wiegt bis zu 70 Tonnen. Die Entwickler räumten der Panzerung höchste Priorität ein, während sich an der in den 1970er Jahren eingeführten Bewaffnung mit 120 Millimeter Glattrohrkanonen (die Rheinmetall RH120 / L44 ist inzwischen Nato-Standard) und am Antrieb mit einem 1.500 PS leistenden V-12-Dieselmotor (im Abrams arbeitet eine gleichstarke Gasturbine) nichts geändert hat.
Der von Rheinmetall entwickelte KF-51 Panther, von dem die italienische Armee 380 Stück bestellt hat, setzt mit einer brandneuen 130 Millimeter Kanone auf Feuerkraft und mit einem Gewicht von unter 60 Tonnen bei einer Motorisierung von 1.500 PS auf hohe Mobilität.
Der Ukrainekrieg hat für den Panzereinsatz entscheidende neue Erkenntnisse geliefert: Der Kampf gegen Feindpanzer tritt gegenüber der Abwehr einfach bedienbarer und kostengünstiger Panzerabwehrwaffen in den Hintergrund. Wenn millionenteure Kampfmittel durch mit Hohlladungsgranaten ausgestattete handelsübliche Drohnen im Wert von wenigen 100 Euro außer Gefecht gesetzt werden können, besteht akuter Handlungsbedarf.
Nach wie vor kann auf Kampfpanzer, die Bewegung und Feuer auf dem Gefechtsfeld miteinander verbinden, im Bewegungskrieg nicht verzichtet werden. Allerdings muss dabei auf die durch moderne Panzerabwehrlenkwaffen und den massenhaften Einsatz von Kampfdrohnen veränderten Bedingungen besonderes Augenmerk gelegt werden.
Der Bedrohung durch Drohnen ist schwerlich mit einer zusätzlichen Panzerung – besonders der verwundbaren Stellen auf der Turmoberseite und dem Heck – zu begegnen, ohne dadurch die Beweglichkeit des Panzers einzuschränken oder die Rundumsicht der Besatzung zu verschlechtern. Daher müssen Panzer auf dem Gefechtsfeld in ein Netzwerk aus Drohnen, Luftabwehr, Artillerie und Infanterie eingebunden werden.
Darüber hinaus werden konstruktive Maßnahmen ergriffen, um dem einzelnen Panzer unter anderem durch den Einbau von Sensortechnik und Störsendern die aktive autonome Drohnenabwehr zu ermöglichen und den passiven Schutz gegen allfällige Treffer zu erhöhen – beispielsweise mittels einer Reaktivpanzerung.
Während westliche Panzerkonstrukteure auf den Einsatz von Hi-Tech setzen, gilt in Russland weiterhin die Devise „Masse statt Klasse“. Nach schweren Panzerverlusten in der Ukraine setzen die Russen auf die Kampfwertsteigerung vorhandenen Geräts. Der als revolutionäres Konzept gepriesene, 2015 vorgestellte T14 Amata ist bis heute nicht in nennenswerter Zahl gebaut worden und im Ukrainekrieg bislang nicht in Erscheinung getreten. Er scheint damit das Schicksal sämtlicher bislang entwickelter „Wunderwaffen“ zu teilen, die niemals kriegsentscheidende Wirkung entfalten konnten.
Information
Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 24. April erscheinenden Mai/Juni-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 261.
Anzeigen
Kommentare
Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.
Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.
Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.


