05. Februar 2023

The Americans Antikommunistische Drama-Perle

Lichtschlags Fernsehserienkritik

von André F. Lichtschlag

Dossierbild

Artikel aus ef 229, Jan./Feb. 2023.

Es ist erstaunlich, wie wenige Jahre es erst her ist, dass amerikanische Erfolgsserien ohne Quotentranse und die obligatorische Rassismus- und Sexismus-„Problematisierung“ auskamen, vielmehr einfach eine gute Geschichte erzählten. „The Americans“, 2013 bis 2018 gedreht und erstausgestrahlt, besticht bereits durch das heute übliche Tempo mit dramaturgischen Wendungen – Filme von der Jahrtausendwende oder aus dem letzten Jahrhundert sind mit unseren entsprechend verwöhnten Augen vor lauter Langeweile ja oft kaum mehr zu ertragen –, kommt aber noch ohne den inzwischen üblichen woken Firlefanz aus. Herzerfrischend!

„The Americans“, das ist eine für Freunde und Nachbarn ganz normale amerikanische Familie in einem Vorort von Washington, D.C. in Virginia. Die Serie spielt in den 80er Jahren in der Endphase des Kalten Krieges 1.0. Philip (Matthew Rhys) und Elizabeth Jennings (Keri Russell) führen ein eigenes Reisebüro, Sohn Henry und Tochter Paige gehen zur Schule. Doch der Schein trügt. Tatsächlich kommen die Eltern aus Russland und sind hervorragend ausgebildete sowjetische KGB-Spione. Was sie schnell erfahren, er aber nicht ahnt: Nachbar Stan Beeman (Noah Emmerich) vom Haus gegenüber arbeitet beim FBI in der Spionageabwehr eigentlich gegen sie, steht also buchstäblich auf der anderen Seite.

Das ist der Stoff für hochspannendes Familien- und Nachbarschaftsdrama sowie Spionage-Krimi in einem. 

Die Autoren und Produzenten Joe Weisberg und Joel Fields haben viel Wert darauf gelegt, die russische Sprache und Kultur authentisch abzubilden. Geradezu liebevoll gehen sie mit der „russischen Seele“ um, ohne das abgrundtief Böse, das dem realsozialistischen System innwohnte, zu verschweigen. Heute, nachdem der schleichende Sozialismus im Westen zu galoppieren begonnen hat, würde es der woke Disney-Sender FX vermutlich genau andersherum drehen und uns kollektiv böse Russen präsentieren, die aus einem gut gemeinten Sowjetsystem kamen, in dem der Sozialismus eben noch ein paar Schönheitsfehler hatte.

Showrunner Weisberg war übrigens tatsächlich nach seinem Abschluss an der Yale University drei Jahre CIA-Offizier und schrieb ein vielbeachtetes Sachbuch über Russland – ein Kenner also hier wie dort. Nebenher ist „The Americans“ ein doppeltes Kostümfest und Schauspieler-Schauspiel. Denn erstens streift die Serie – allerdings eher zurückhaltend – das Zeitkolorit der 80er Jahre über, und zweitens schlüpfen unsere Spione Philip und Elisabeth immer wieder in andere Rollen und Tarnungen, vorweg unter allerlei Perücken, die sie stets wie magisch verwandeln. Und ja, die allzu häufigen Sexszenen in den ersten Staffeln werden später wohltuend zugunsten der Handlung reduziert. 

In der vorletzten, fünften Staffel wird vorübergehend das Tempo aus der Serie genommen, wofür die Zuschauer am Staffelende mit einigen unverhofften Happen Philosophie und Morallehre und in der Abschieds-Staffel mit  viel Spannung entschädigt, aber beim leider recht platten Schlussakt auch mit vielen offen Fragen zurückgelassen werden.  

Dennoch: Die 80er, wie sie uns in „The Americans“ übrigens nicht zuletzt auch virtuos musikalisch untermalt präsentiert werden, begeisterten in den Zehnerjahren sowohl die Zuschauer als auch die Kritiker – die zuweilen von „der besten Serie aller Zeiten“ sprachen. Und wahrlich: Es gibt viele schlechtere.

Information

Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 16. Dezember erscheinenden Jan.-Feb.-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 229.


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