21. Juli 2021

RezensionKristian Niemietz: Sozialismus

Die gescheiterte Idee, die niemals stirbt

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Wer nach dem Untergang des Realsozialismus in Osteuropa an den totalen Sieg des Kapitalismus geglaubt hatte, lag falsch. Nie zuvor waren sozialistische Ideen derart populär wie heute. Das ist angesichts der verheerenden Bilanz der bisher verwirklichten Experimente erstaunlich. Rund zwei Dutzend Versuche, den „wahren Sozialismus“ zu verwirklichen, hat es seit der Oktoberrevolution gegeben. Alle sind fulminant gescheitert. Die meisten davon, nicht ohne Leid, Elend und zum Teil grausame Leichenberge zu hinterlassen. Jeder einzelne dieser Versuche wurde vom Beifall westlicher Intellektueller begleitet. Nach einer Phase der Euphorie folgte, sobald die ersten Rückschläge einsetzten, regelmäßig die der Ernüchterung, gefolgt von jener der Distanzierung – das sei wieder kein „echter“ Sozialismus gewesen. Das gegen Kritik zuverlässig immunisierende Prinzip: „Echter Sozialismus verwirklicht das Paradies auf Erden.“ Da aber die Experimente von Lenin, Mao, Kim Il Sung, Pol Pot, Castro, Chavez und Genossen das hierarchiefreie Arbeiterparadies nicht verwirklicht haben, konnte es auch kein „echter“ Sozialismus gewesen sein. Auf die Idee, dass ein zentral organisierter Sozialismus zwangsläufig am ihm immanenten Informationsproblem scheitern muss, ist noch keiner seiner Apologeten gekommen. Und auf die Frage, wie denn ein dezentral organisierter Sozialismus aussehen könnte, gibt es keine Antwort, die sich nicht in Abstraktionen und vagen, phantasievollen Wunschbildern verliert. Fazit: Sozialismus fühlt sich einfach gut an. Und weil Gefühle die Vernunft jederzeit schlagen, wird es die anthropologische Konstante des Sozialismus (Igor Schafarewitsch) auch in Zukunft leicht haben, als utopisches Wunschbild weiterzuleben. Sozialismus, das zeigt nun auch Kristian Niemietz eindrucksvoll auf, bedeutet der Versuch, durch unbeirrten Glauben an die Kraft des Willens den Verstand zu schlagen: zurück hinter die Errungenschaften der Aufklärung. Deprimierend, dass dieser gedankliche Sondermüll nicht längst auf dem Misthaufen der Geschichte liegt.


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