23. Februar 2021

Herrschaft und Meinungsaustausch Im Feuerwehrauto

Kurbeln, bis der Arzt kommt

von Kurt Kowalsky

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Bildquelle: Glynsimages2013 / Shutterstock.com Feuerwehrauto beim Kinderkarussell: Wenn das montierte Lenkrad etwas ändern würde, wäre es verboten

„Tausch ist ab einem gewissen Grad der Macht und Angst unnütze Zeitverschwendung“, schrieb ich vor einiger Zeit. Denn was sollte der Gewaltherrscher mit seinen Untertanen Handel treiben, wenn er die Möglichkeit hat, alles zu rauben, was ihm beliebt.

So ist das auch mit dem Austausch von Meinungen. Noch vor einigen Jahrzehnten verfasste ich an führende Tageszeitungen Leserbriefe, wenn mir deren Geschreibsel gegen den Strich ging. Das hätte nur Sinn ergeben, wenn ich einen Redakteur davon hätte überzeugen können, dass bestimmte von ihm gemachte Äußerungen falsch sind. So aber änderte sich nichts.

Es kann deshalb auch kein Zufall sein, dass der Niedergang der Printmedien genau zu dem Zeitpunkt eintrat, zu dem ich meine Leserbriefschreiberei einstellte, da die Herrschaften jetzt ihr Toilettenpapier selbst kaufen mussten.

Meinungsaustausch ist jedoch analog Satz eins meiner Ausführungen ab einem gewissen Grad der Herrschaft nur unnütze Zeitverschwendung. Ich möchte dies an einem Beispiel deutlich machen.

Heute las ich in der „FAZ“ einen Artikel mit der Überschrift: „Mutante B.1.1.7 – Anzeichen für höhere Sterblichkeit“. Nach den ersten zwei Absätzen war mir klar, dass die „Anzeichen“ schwach und die Gefährlichkeit dieser Mutante unklar ist. Im fünften Absatz kommt dann die Zwischenüberschrift „Studien fehlen“; und genau das begleitet das weltweite Seuchengeplauder seit März 2020 mit oder ohne Mutante, mit oder ohne „FAZ“ und selbstverständlich auch mit oder ohne meinen mehr oder minder gehässigen Kommentaren in dieser Thematik. Sei’s drum!

Aber dann, mitten im seichten Artikel kommt der Zeiger. Genau in der Mitte der Skala von rechts nach links, von so nach so, von hier nach da ist ein roter Kreis mit einem Piktogramm eines Kopfes. Ich soll meine Meinung in der Live-Abstimmung kundtun, wird mir suggeriert.

Meine werte Meinung ist gefragt! Und zwar: „Werden wir in Zukunft regelmäßig mit Corona-Mutationen zu kämpfen haben?“ Mögliche Antworten: „Ja, Mutanten werden immer wieder auftreten“ oder „Nein, die Gefahr wird bald gebannt sein“.

Alles klar? 4.220 Leser haben angeblich dazu ihre Meinung geäußert, offensichtlich ohne zu merken, wie verdummend und irrelevant bereits die Frage ist. Mag sein, dass bestimmte Fachleute über Mutationen von Coronaviren Einschätzungen abgeben können, ich jedenfalls gehöre nicht dazu und die 4.220 Leser mit großer Wahrscheinlichkeit ebenfalls nicht. Meinen, definiert als ein Fürwahrhalten, dem sowohl subjektiv als auch objektiv eine hinreichende Begründung fehlt, ist ein blödsinniges Schwätzen gegen die normative Kraft des Faktischen.

Fehlt es am Letzteren, sind die Tatsachen nicht hinreichend belegt, so ist bereits ein Fürwahrhalten eine Kinderei und die Äußerung darüber ein Raten.

Vor 50 Jahren sagte mir ein Bauarbeiter in der Kneipe: „Junge, wenn Wahlen etwas ändern würden, wären sie verboten.“ Diese Behauptung findet ihre Entsprechung bei einem Feuerwehrauto, das auf einem Kinderkarussell montiert ist. Und natürlich ist vorne links, vielleicht sogar auch rechts ein Lenkrad montiert. Ich weiß noch, dass ich als Kind gesteigerten Wert darauflegte, diesen kurbelnden Platz mit dem Lenkrad zu ergattern.

Und nun das Ganze für „FAZ“-Leser: „Wenn das montierte Lenkrad etwas ändern würde, wäre es verboten.“

Dämmerts? Weder die Mutationen des Virus werden sich um die Meinung von Zeitungslesern kümmern, noch wird die Regierung ihre verordneten Zwangsmaßnahmen mildern oder verschärfen, weil irgendwer anderer Meinung ist und – noch schlimmer – weil Tatsachen gegen den Sinn und vorgegebenen Zweck der Maßnahmen sprechen.

Wenn Sie, liebe Leserinnen und Frauen beiderlei Geschlechts, nun anderer Meinung sind, kurbeln Sie einfach weiter. Dem Vernehmen nach sollen 83 Millionen Bundesbürger und die Frauen von der Bundesregierung per Post demnächst einen Gutschein erhalten, der sie gegen Zahlung von zwei Euro berechtigt, unabhängig vom Alter, auch mal mit dem Kinderkarussell mitfahren zu dürfen. Die vielen bankrotten Gewerbetreibenden können so die Wartezeit bis zum Eintreffen der Corona-Hilfen I, II, III und IV in den nächsten zehn Jahren überbrücken.


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