03. September 2020

RezensionAlfred de Zayas/Konrad Badenheuer: 80 Thesen zur Vertreibung

Aufarbeiten statt verdrängen

Artikelbild

Es liegen „80 Thesen zur Vertreibung“ vor, das neue Werk von Alfred de Zayas, der darin zusammen mit Konrad Badenheuer um die historisch angemessene Einordnung der deutschen Vertreibung zwischen 1944 und 1948 ringt. Die Thesen lassen sich untergliedern in historische und völkerrechtliche, wobei darauf basierende Schlussfolgerungen diesen Teil des Buches abrunden. Es folgen eine Chronologie der seither praktizierten deutschen Geschichtspolitik sowie historische Dokumente, die die Aussagen der Autoren stützen sollen. Bevor man sich der „weltweit größten demographischen Umwälzung des 20. Jahrhunderts“ widmet, zeichnen die Autoren nach, wie die Besiedlung und Kultivierung Ostmitteleuropas durch Deutsche bis ins hohe Mittelalter erfolgte. Oft vollzog sie sich mit Einverständnis der lokalen Herrscher, wenngleich es Ausnahmen gab, die nicht ausgespart werden. Besonders stark ist das Buch, wenn es auf die Gründe und die Natur der Vertreibung eingeht: Als Auslöser werden sowohl die Ambitionen Stalins als auch der Wunsch der Westalliierten, Deutschland nachhaltig zu schwächen, genannt, was durch eine Vielzahl von Dokumenten, allen voran die Briefwechsel der Konferenzen in Teheran, Jalta und Potsdam, untermauert wird. Auf Seiten Großbritanniens und der USA gab es bis zu jenen Weichenstellungen den Konsens eines „humanen Transfers“, was später zunehmend in den Hintergrund geraten sollte und durch die von Churchill und Roosevelt abgesegneten „lebenden Reparationen“, die Deportationen von über 1,5 Millionen Deutschen zum Zwecke der Zwangsarbeit, vollends missachtet wurde. Abschließend wird ein Blick auf die Politik der Bundesregierung seit Beginn der 90er Jahre geworfen, der verdeutlicht, dass man hierzulande schlicht nicht in der Lage zu sein scheint, in den damaligen Deutschen etwas anderes zu sehen als Ewig-Schuldige. Hoffnung macht an dieser Stelle die Replik der Autoren: „Kollektive Schuld gibt es nicht, und die angewandte Täter-Opfer-Schablone hilft niemandem.“


„Alfred de Zayas/Konrad Badenheuer: 80 Thesen zur Vertreibung: Aufarbeiten statt verdrängen“ bei amazon.de kaufen


Artikel bewerten

Artikel teilen

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

Dossier: Literatur

Mehr von Lukas Abelmann

Über Lukas Abelmann

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige